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17. Juni 2008

500 Hauptschulen droht das Ende

Zunächst sollen die Gemeinden eigenständig die Probleme zu kleiner Schulen lösen / Land will sich nach Kommunalwahl einmischen

  1. Foto: A3295 Uwe Zucchi

STUTTGART. Die Tage der kleinen Hauptschulen sind gezählt. Noch dürfen die Kommunen entscheiden, welche sie dichtmachen oder zusammenlegen. Sollte man sich aber vor Ort dagegen sträuben, wird nach der Kommunalwahl in einem Jahr wohl das Land entscheiden, wo künftig unterrichtet wird und wo nicht.

Rund 1200 Hauptschulen gibt es (noch) in Baden-Württemberg – und jede dritte steht auf der Kippe. Bis zu 500 müssten geschlossen werden, so die Einschätzung einer von Kultusminister Helmut Rau geleiteten Arbeitsgruppe im CDU-Landesvorstand.

Sinkende Schülerzahlen, die schwindende Akzeptanz bei den Eltern und die anhaltende politische Diskussion wirken sich negativ auf die Hauptschule aus: Fast zwei Drittel von ihnen werden nur noch einzügig geführt, also nur mit eine Klasse je Jahrgang. Mehr als jede dritte Hauptschule zählt sogar weniger als 100 Schüler. Doch der Schrumpfungsprozess ist noch lange nicht am Ende angekommen: In den nächsten acht Jahren sinken die Schülerzahlen um ein weiteres Viertel. Vor allem die Hauptschulen auf dem Lande bluten aus.

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Kleinen Schulen wird gern bescheinigt, sie böten individuelleren Unterricht. Wissenschaftlich belegt ist dies aber nicht. Das Kultusministerium behauptet sogar das Gegenteil: Je kleiner die Schule, umso schwieriger sei ein differenziertes Förderangebot. 200 Schüler sollten es schon sein, um eine Hauptschule zweizügig und mit einem breit gefächertem Angebot weiterführen zu können. Soweit die Theorie. Die Praxis sieht anders aus.

Die Landesregierung und die kommunalen Spitzenverbände kamen vor gut einem Jahr im Grundsatz überein, die Mindestgröße für Hauptschulen bei 85 Schülern festzusetzen. Damit müssten schon jetzt immerhin 227 Schulen dichtmachen. Dabei gilt diese Abmachung als zahme Variante dessen was andere für geboten halten. Sie ist als als Zugeständnis nicht zuletzt an das Kabinettsmitglied Peter Hauk zu sehen. Der Agrarminister, der ja auch dem ländlichen Raum generell verpflichtet ist, kämpft um jede einzelne Schule. Denn aus seiner Sicht ist die Hauptschule am Ort ein "weicher" Standortfaktor in der infrastrukturell sonst weniger entwickelten Provinz.

Die Untergrenze von 85 Schülern kommt aber auch den Gemeinden entgegen. Denn diese sollen zunächst selber regeln, welche Schule überlebt und welche nicht. So sieht es das Schulgesetz vor – jedenfalls bislang. Zwar hat niemand eine Frist gesetzt, bis zu der über Zusammenlegungen, Kooperationen oder gemeindeübergreifende Schulverbände entschieden sein muss. Aber es lässt sich absehen, dass wohl schon nach der Kommunalwahl im Frühsommer 2009 das Land das Heft selbst in die Hand nimmt, sollten die Kommunen bis dahin nicht aktiv geworden sein. Beim Gemeindetag gibt man sich zuversichtlich: "Wir haben das Gefühl, dass Bewegung reinkommt; wir denken, dass wir es schaffen", versichert Johannes Stingl vom Gemeindetag.

Kultusminister Rau spielt derzeit noch mit Zuckerbrot und Peitsche. Einerseits droht er unverhohlen, den Kommunen die Zuständigkeit zu nehmen. Andererseits verspricht er, jede konsolidierte Hauptschule solle mit einer zehnten Klasse aufgewertet werden und damit Schülern die Chance zum mittleren Bildungsabschluss geben.

Schützenhilfe kommt vom neuen Finanzminister Willi Stächele. Bislang, sagt er, war der Personalabbau in Teilen der Landesverwaltung ein Nullsummenspiel, weil das Personal bei der Polizei, aber vor allem im Bildungsbereich aufgestockt wurde. Nach 2012 müssten aber nicht nur Lehrerstellen abgebaut, sondern eben auch die Hauptschulen auf ihre Effizienz überprüft werden.

Noch allerdings liegt der Schwarze Peter bei den Gemeinden, die ihre wachsende Verantwortung erst begreifen müssen. Mehr denn je, so Stingl, müssten sich die Schulträger engagieren, wenn es um die Profilierung ihrer Schulen geht. Das Kultusministerium selbst ist bereits einen Schritt weiter: Seit Februar ist das Referat Hauptschule dem Referat Realschule angegliedert und die traditionelle Verbindung mit der Grund- und Vorschule aufgelöst.

Autor: Von unserem Korrespondenten Andreas Böhme


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