Maßnahme gegen Fahrverbote

ADAC prüft Nachrüstung für Diesel

Roland Muschel

Von Roland Muschel

Di, 02. Januar 2018 um 22:00 Uhr

Südwest

Die Landesregierung will prüfen lassen, ob dreckige Dieselfahrzeuge so nachgerüstet werden können, dass sie die Grenzwerte einhalten. So könnte den Autos kein Fahrverbot drohen.

Im Auftrag der Landesregierung untersucht der ADAC in einem aufwändigen und bundesweit einmaligen Versuch, ob dreckige Dieselfahrzeuge so nachgerüstet werden können, dass sie im realen Betrieb auf der Straße die Grenzwerte einhalten und damit von möglichen Fahrverboten in Stuttgart und weiteren deutschen Innenstädten nicht betroffen wären. Und welche Kosten dadurch entstehen würden.

Für Millionen Besitzer von Dieselfahrzeugen der Euro-5-Norm und Thomas Kassner der Mann, der im ersten Quartal 2018 eine belastbare Antwort geben will, ist die Frage der Nachrüstung dringlich. Im Auftrag von Baden-Württembergs Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) testet der ADAC nun an vier verschiedenen Fahrzeugen vier verschiedene Systeme von vier verschiedenen Nachrüstern. Im ersten Quartal 2018 sollen die Ergebnisse vorliegen.

"Wir prüfen, ob eine Hardware-Nachrüstung bei Diesel-Fahrzeugen der Euro-5-Norm machbar ist, zu welchen Minderungen bei den Stickoxid-Emissionen das führt, aber auch zu welchen Kosten", sagt Kassner in der Zentrale des ADAC Württemberg, die am abgasgeplagten Neckartor liegt, Deutschlands dreckigster Ecke. Wenn die Ergebnisse vorliegen, sollen Prognosen erstellt werden: Wie viele Diesel-Fahrzeuge könnten bundesweit umgerüstet werden? Was würde das bringen für die Luft in Stuttgart und anderen Städten? 300.000 Euro kostet der Versuch, die Hälfte davon übernimmt das Verkehrsministerium, die andere der ADAC.

Anders als beim früheren Test bestimmen nun Land und ADAC die Rahmenbedingungen

Europas größter Verkehrsclub hatte bereits ein Prototypen-Fahrzeug, einen VW Passat Variant 1.6 TDI, des Nachrüsters TwinTec überprüft. Die Messungen ergaben laut den im Mai 2017 bekanntgemachten Ergebnissen, dass der Stickoxid-Ausstoß des Euro-5-Dieselmotors in diesem Fall deutlich reduziert werden kann. Rückschlüsse auf die Wirkung auf andere Fahrzeugtypen erlaubt der TwinTec-Versuch indes nicht.

Für das nun laufende, größer angelegte Projekt des Landes hat der ADAC auf dem Gebrauchtwagenmarkt vier gängige Mittelklasse-Fahrzeuge der Euro-5-Norm gekauft und auf sich zugelassen: eine Mercedes B-Klasse, einen Opel Astra, einen VW T5 und den Kleintransporter Fiat Ducato – allesamt keine Saubermänner, allesamt mit einer Fahrleistung zwischen 20 000 und 100 000 Kilometern auf dem Buckel. Die vier Fahrzeuge hat der ADAC erst vermessen und dann zu den Nachrüstern gebracht. Anders als beim früheren Test mit dem VW Passat bestimmen nun Land und ADAC die Rahmenbedingungen, die Nachrüster müssen mit deren Vorgaben und deren Fahrzeugauswahl arbeiten. "Ein Nachrüster hat 30 Messfahrten gemacht, um zu testen, ob er sauber gearbeitet hat", so Kassner.

Tester wollen auch herausfinden, wie viel der Umbau kostet und ob die Umrüstung dem Auto schadet

Das Projekt ist komplex. Die Nachrüster müssen Tanks einbauen für die Harnstofflösung "Adblue", die Stickoxide im Abgas unschädlich machen soll. Sie müssen Heizungen einbauen, um "Adblue" zu erwärmen, und einen Generator oder ein Düsensystem, um die Harnstofflösung ins Abgassystem zu leiten. Sie müssen eine Steuerung entwickeln, die die Zufuhr von "Adblue" richtig dosiert. Und sie müssen Sensoren einbauen, die die Ergebnisse messen. "Die Steuerungssoftware ist bei manchen Fahrzeugen eine große Herausforderung", sagt Kassner. Genauso der Einbau der Tanks. Denn die Befüllung soll für den Verbraucher möglichst einfach sein. Doch nur bei einem der Test-Fahrzeuge war neben dem Einfüllstützen für den Diesel-Kraftstoff bereits ein weiterer vorgesehen. Neben dem Ausstoß an Emissionen wollen die Tester auch messen, wie viel "Adblue" und wie viel Kraftstoff für die zusätzliche Abgasreinigung verbraucht wird; beides Kostenfaktoren.

"Wir beobachten auch, ob sich das Geräuschverhalten ändert und ob durch Änderungen am Auspuff langfristig Schäden entstehen könnten", sagt Kassner. "Wir wollen für die Verbraucher ein optimales System haben, da sind die Kosten natürlich auch ein Faktor, nicht nur die Abgase." Am Ende der Tests werden die Fahrzeuge jeweils rund 5000 Kilometer mehr auf dem Buckel haben. Geprüft wird im ADAC-Technikzentrum im bayerischen Landsberg und auf den Straßen, jeweils nach den neuesten Messverfahren. Damit die umgebauten Fahrzeuge im Straßenverkehr zum Einsatz kommen können, hat das Land für die Dauer der Tests eigens eine Ausnahmegenehmigung erteilt. Sollte der Großversuch ergeben, dass Hardware-Nachrüstungen sinnvoll und finanziell darstellbar sind, wäre die Politik gefordert, die gesetzlichen Rahmenbedingungen wie Zulassungsmodalitäten zu klären. Aber erst einmal wartet die Autowelt gespannt auf die Ergebnisse.