Staatliche Kunsthalle

Der Geschmack von Heimat

Dietrich Roeschmann

Von Dietrich Roeschmann

Mi, 29. November 2017

Kunst

Soloschau des nigerianischen Künstlers Emeka Ogboh in der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden.

Im Foyer der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden sammelt der Kellner leere Flaschen ein. Zurzeit kommen hier viele schon vormittags auf ein Bier vorbei – wenigstens zum Probieren, auch wenn es Überwindung kostet. Schwarz und blickdicht wie Altöl gluckert das Getränk aus der Flasche und schäumt cremefarben im Glas. Der Geschmack ist leicht malzig, mit einer staubigen Note und dem Gewicht stark gerösteter Gerste. Im Abgang kratzt die Schärfe von Chili im Hals. Der Alkoholgehalt von gut acht Prozent gibt dem Getränk eine Dringlichkeit, deren Wirkung bereits im seinem Namen anklingt: "Sufferhead Stout" heißt das Craft Beer, das die Kunsthalle ausschenkt, benannt nach einem Song von Fela Kuti über das soziale Auseinanderdriften Nigerias nach dem Ölboom der Siebziger.

Emeka Ogboh hat es als künstlerisches Statement gebraut für seine Ausstellung "If Found Please Return to Lagos" in Baden-Baden, der bislang größten Soloschau seiner Karriere. Die Rezeptur basiert auf einer Umfrage, in der der Künstler Afrodeutsche und in Deutschland lebende Nigerianer nach Geschmacksnoten fragte, die sie mit einem Gefühl von Heimat und Dazugehörigkeit verbinden.

Es ist eine typische Arbeit von Ogboh, der mit ähnlich stringent konzipierten Craft-Beer-Editionen 2017 bei der Documenta und den Skulptur-Projekten in Münster vertreten war. 1977 im nigerianischen Enugu geboren, hat Ogboh in Lagos Kunst und Grafikdesign studiert und gründete dort eine Plattform für Videokunst, bevor er 2012 mit einem Atelierstipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) nach Berlin zog. Was er aus Nigeria mitbrachte, war ein feines Sensorium für die Verbindungen und Differenzen zwischen Orten und ihre Funktion als Resonanzräume der Migration und ihrer flüchtigen Sounds, Gerüche und Geschmäcker.

Spätestens seit seiner Teilnahme an der Venedig Biennale 2015 gehört Ogboh zu den erfolgreichsten afrikanischen Künstlern seiner Generation. Die Soundarbeit, die er dort aus einem Wachturm am Ende des Arsenale klingen ließ, eröffnet auch seine Baden-Badener Schau. Zehn Lautsprecher thronen hier auf zehn Stativen, die man in der Dunkelheit für die Silhouetten der Sänger halten könnte, deren Stimmen die deutsche Nationalhymne intonieren – synchron und in zehn unterschiedlichen afrikanischen Sprachen, von Ewondo und Igbo bis Sango und Twi: "Einigkeit und Recht und Freiheit" – "Lisanga sembo bonsomi!" (auf Lingála).

Klang sei das unmittelbarste Medium, sagt Ogboh, unmöglich, ihm zu entkommen. Deshalb trage man die Echos der Orte, an denen man gelebt hat, in sich, wo immer man sei. Als er erstmals nach Berlin kam, in die viel befahrene Oranienstraße in Kreuzberg, wo der DAAD sein Büro samt Galerie hat, traute er seinen Ohren kaum. Sogar die Vögel konnte er hier hören – so idyllisch klang für den Künstler aus der "1000 Dezibel City" Lagos der Berliner Großstadtalltag. Mittlerweile hat er sich an das Leben unter 100 Dezibel gewöhnt und auch leisere Sounds verinnerlicht. In Baden-Baden mixt Ogboh sie mit Bahnsteigdurchsagen vom Kottbusser Tor, dem Geschrei von Straßenverkäufern und dem Hupen nigerianischer Kleinbusse zu einem pulsierenden Soundtrack, zu dem an taxigelb getünchten Wänden das Berliner S-Bahn-Netz und die meist befahrenen Busstrecken von Lagos als Linienplan einer hybriden Doppelmegacity ineinanderwuchern.

In anderen Installationen und Klangarbeiten spürt Ogboh Fragen der kulinarischen Identität nach oder dem stylischen Mehrwert einer Fusion von Schwarzwälder Tracht und afrikanischer Mode.

Im Zentrum der Schau steht jedoch die aufwendige Werbekampagne für "Sufferhead" samt kinoreif inszeniertem Clip, in dem dunkelhäutige Bürgerinnen und Bürger aus Baden-Baden mit ihren schwarzen Flaschen an Roulettetischen oder im mondänen Foyer des Casinos posieren. "Wer hat Angst vor Schwarz?" hat Ogboh diese Kampagne nicht ohne Ironie betitelt. Schließlich geht es ihm darum zu zeigen, dass Migration keineswegs zwangsläufig eine Folge von Armut, Krieg und Verfolgung ist, sondern für die meisten vor allem Alltag – zwischen Stadt und Land, Regionen, Ländern und Kulturen.

Staatliche Kunsthalle Baden-Baden, Di bis So 10-18 Uhr. Bis 4.2.