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06. April 2011

Mit langem Atem

Die italienische Tanzcompagnie Aterballetto gastiert im Festspielhaus Baden-Baden.

  1. Elegant: Bigonzettis Händel-Adaption „Come un respiro“ Foto: Pro

Nicht erst seit in Pompeji die Mauern einstürzen und Steine aus dem Kolosseum brechen, erzählt man sich die Geschichte des Aterballettos als die des kleinen tapferen gallischen Dorfes, umringt von feindlichen Römern. Jetzt ist die Tanzformation in Baden-Baden zu Gast.

Tatsächlich ist die italienische Tanzcompagnie, die es nun schon seit über 30 Jahren gibt, fest verankert in der Provinz Emilia-Romagna. Dort vereinten sich 50 Theater 1979 zur Associazione Teatrale Emilia Romagna, kurz Ater, und nicht grundlos trägt die Stiftung, die das Aterballetto unterhält, den Namen Fondazione Nazionale della Danza. Denn eine überregionale Organisation, die das Etikett national verdient hätte, gibt es nicht. Bekanntlich misst man der Kultur im Italien Berlusconis keinen großen Wert zu. Es braucht einen langen Atem, um unter diesen Umständen überhaupt Kunst zu schaffen. Das Aterballetto, die einzig international ernst zu nehmende Company Italiens, so die Frankfurter Rundschau, hat diesen Atem bewiesen. Die gut 20-köpfige Equipe, die nicht in ein festes Opernhaus eingebunden ist. Stattdessen ist sie in einer umgebauten Gießerei in Reggio Emilia zu finden.

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Künstlerische Prägung durch Mauro Bigonzetti

Wenn das Aterballetto nun im Festspielhaus Baden-Baden gastiert, wird auch ihr langjähriger künstlerischer Leiter Mauro Bigonzetti seine Visitenkarte abgeben. Bigonzetti stand dem Aterballetto zehn Jahre als künstlerischer Chef vor und prägte es entscheidend. Mittlerweile ist er sein erster Choreograf. Bigonzetti wurde 1960 in Rom geboren, wo er auch mehrere Jahre an der Oper tanzte, bevor er 1982 zum Aterballetto wechselte und dort unter der Leitung Amedeo Amodios der Compagnie angehörte. Nach mehreren Jahren als freier Choreograf und Auftragsarbeiten für das English National Ballet London, das Stuttgarter Ballett und das New York City Ballet kehrte er Ende der 90er Jahre nach Reggio Emilia zurück, um mit dem Aterballetto zu arbeiten. Doch Amodio und Bigonzetti sind nicht die einzigen Choreografen, die den neoklassischen Stil des Aterballetto geprägt haben. Die Tänzerinnen und Tänzer haben auch mit internationalen Künstlerpersönlichkeiten wie Jiri Kylian, William Forsythe sowie Ohad Naarin und Itzik Galili zusammengearbeitet. In Baden-Baden werden von Bigonzetti sein choreografiertes Händel-Stück "Come un respiro" und die Uraufführung "Le Sacre du Printemps" zu sehen sein. Zudem wird Bigonzetti sein "Carnet de Notes" öffnen und eine Art Best of aus seinen Balletten zeigen.

Mit gut 45 Minuten dauert Bigonzettis "Come un respiro" länger als ein Atemzug. Uraufgeführt wurde das Stück im Händel-Jahr bei den Movimentos-Festspielen 2009 in Wolfsburg. Es trägt mit seinem sehr präzisen, eleganten Stil deutlich die Handschrift seines Choreografen. Bigonzetti, der als Meister der Pose gilt, setzt Händels Musik in Soli und Duette um. Da wirken Körper wie Skulpturen, etwa wenn eine Tänzerin mit übereinander geschlagenen Beinen hockend auf der Spitze von ihrem Partner um die eigene Achse gedreht wird. Wenn sich die Compagnie an den Händen fasst und eine Wellenbewegung durch sie hindurch geht, scheint es, als wäre es ein einziger vielgliedriger atmender Körper.

Teil II des Abends ist "Le Sacre du Printemps" gewidmet, jenem Ballett, mit dem Igor Strawinsky und Waslaw Nijinsky Geschichte schreiben sollten und das 1913 das Ende des romantischen Balletts einläutete. Bei der Uraufführung kam es angesichts der dissonanten Musik und der ungestümen Bewegungen zu Tumulten. Über seine Version sagt der Choreograf Bigonzetti: "Ich möchte experimentieren, was möglich ist und was nicht möglich ist mit dem menschlichen Körper. Welche Energie aus dieser Musik fließt." Wahrscheinlich wird der Himmel niemandem auf den Kopf fallen, eine Ballettrevolution ist nicht zu erwarten, aber zeitgenössischer Tanz, der ganz auf seine Autonomie vertraut.

Termine: Baden-Baden, Aterballetto, Festspielhaus, "Come un respiro" und "Le Sacre du Printemps", Fr, 8. April, 20 Uhr, sowie Sa, 9. April 19 Uhr; "Carnet
de Notes", So, 10. April, 18 Uhr;
Info: Tel. 07221/3013101

Autor: Annette Hoffmann