Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

03. September 2008

Schlemmen auf Staatskosten

Dass das Land die "Speisemeisterei" der Uni Hohenheim sanieren lässt, empört die Studenten

  1. Stilvoll studieren und dinieren: Im Barockschloss der Uni Hohenheim ist beides möglich. Foto: Caro

STUTTGART Currywurst statt Acht-Gang-Menü? Sterne-Restaurant statt Unimensa? An der Universität Hohenheim gibt es Streit um die "Speisemeisterei", die sich in zwei Jahrhunderten von der Kantine zum Gourmetrestaurant verwandelte.

8500 Gebäude besitzt das Land, da gibt es immer etwas zu sanieren. Darunter die "Speisemeisterei" in Hohenheim. Das Schlösschen hoch über Stuttgart hat der württembergische Herzog Carl-Eugen gebaut und 1776 zusammen mit seiner Frau Katharina, der Reichsgräfin von Hohenheim, als Sommerresidenz bezogen. Kein Wunder, dass in dem historischen Gebäude nun das Dach leckt. Zudem sind die Kühlhäuser veraltetet, die allerdings späteren Datums sind.

1818 gründete König Wilhelm von Württemberg hier die erste landwirtschaftliche Hochschule der Welt. Und weil ein leerer Bauch nicht gern studiert, schuf er im Erdgeschoss die Mensa, Speisemeisterei genannt. Mit frugalem Studentenfutter war allerdings Schluss, als Martin Öxle das Regiment über Herde und Öfen, Töpfe und Pfannen, Restaurant und Nebenzimmer übernahm.

Mitte der 90er Jahre zog der schon damals besternte Küchenchef von Schloss Solitude auf Schloss Hohenheim und feilte dort weiter an seinem Ruf. Die einstige Studentenmensa bot fortan Menüs zwischen 70 Euro für drei Gänge bis knapp 150 Euro für das Acht-Gang-Menü. Ob Salzwiesenlamm oder Kokos-Muffin: Öxle häufte Auszeichnungen nur so auf sich und sein Team, allen voran zwei Michelin-Sterne. Im vergangenen Jahr allerdings war plötzlich Schluss: Stuttgarts höchstdekorierter Koch gab nach vier Jahrzehnten Spitzengastronomie auf. Kurz vor dem Rentenalter wollte er "noch etwas vom Leben haben". Alle Versuche des Landes, ihn zu einer Verlängerung seines Pachtvertrags zu bewegen, scheiterten. Also wurden Porzellan und Tafelsilber verkauft, stattdessen wurde renoviert. Eine knappe Viertelmillion Euro steckt das Land in neues Parkett, sanitäre Anlagen, Kühlhäuser und Schönheitsreparaturen, 450 000 Euro in das Dach und die Fassade des barocken Gebäudes.

Werbung


Die Studenten nebenan sind sauer. Sie hofften auf einen neuen Hörsaal, allerdings vergeblich – sowohl in diesem als im kommenden Jahr. Nicht weil das Land sein Geld lieber in die Förderung der Esskultur als in die Wissenschaft steckte. Sondern weil nicht nur das Finanz-, sondern auch das fachlich zuständige Wissenschaftsministerium ganz andere Prioritäten setzt. Deswegen fließen im kommenden Jahr auch mehr als 13 Millionen Euro in die Hohenheimer Uni, vor allem in die Erneuerung des Biologietrakts, was einem knappen Zehntel des gesamten Sanierungsetats des Landes entspricht.

In Kürze übernehmen Frank Oehler (43) und Holger Birner (33) die Speisemeisterei. Birner ist zurzeit noch Restaurantchef im "Erbprinz" in Ettlingen, Oehler erkochte sich dort 2005 einen Michelin-Stern, den er allerdings im Jahr darauf wieder verlor. Gegenüber einem Branchendienst versprach er eine sinnliche, lustvolle Küche mit japanischen Elementen, die auf den Urgeschmack der verwendeten Produkte setzt. Vor allem aber moderate Preise, die auch ein jüngeres Publikum anziehen. Vielleicht sogar die Studenten von nebenan.

Autor: Andreas Böhme