Schweiz

Basler Jugendkulturfestival lockt 60.000 Menschen an

Tamara Keller

Von Tamara Keller

Mo, 07. September 2015 um 00:00 Uhr

Basel

Junge Kultur in großen oder kleinen Happen bietet das Basler Jugendkulturfestival. Sein Konzept kommt an – bei Eltern mit ihren Kindern, Erwachsenen und natürlich Jugendlichen.

BASEL. Großes Interesse bilanzieren die Veranstalter des Basler Jugendkulturfestivals (JKF). Die Open Air Konzerte hätten auch bei kühlerem Wetter am Samstag Tausende angelockt, aber auch Lesungen und Theater seien gefragt gewesen. Abermals seien rund 60 000 Jugendliche und Junggebliebene zu den 14 Standorten im Zentrum geströmt und hätten das kreative Schaffen von 180 Acts und 1800 jungen Künstlerinnen und Künstlern gefeiert. Das 9. JKF habe die City am Freitag und Samstag einmal mehr kreativ belebt, Potenziale der Jugendkultur aufgezeigt und Basels Ruf als einer von deren Hauptstädten gefestigt, heißt es in einer Mitteilung.

Eine Mischung aus Kreischen und Johlen erfüllt den Saal kurz nach 23 Uhr. "Hey! Hey!", schallt es von der Bühne. Zwanzig Tänzerinnen und Tänzer strecken auf den Takt genau, zu Hip-Hop-Musik synchron die Hände in die Luft. In der nächsten Sekunde spaltet sich die Gruppe. Alles läuft gegensätzlich ab. Der Moderator zählte bei seiner Ankündigung der Tanzgruppen Tremendous, NDC All Stars und Friends unzählige Titel auf: Vom Schweizer Hip-Hop Meister, Deutscher Meister, einem Breakdance Weltmeister und einem zeitnahen Auftritt in Las Vegas war die Rede. Dementsprechend laut feuert das Publikum die Gruppen des New Dance Centers in Basel und Reinach an. Das Stadtcasino ist bis auf den letzten Sitz gefüllt und trotzdem kommen immer noch mehr Neugierige in den Saal.

Das Jugendkulturfestival bot einmal mehr die Möglichkeit, junge Kultur in großen oder kleinen Happen zu genießen. Das Festival ist so angelegt, dass jeder Besucher nach Eigenbedarf sein Erlebnispuzzle zusammensetzen kann und alle Attraktionen sind gut zu Fuß zu erreichen. Diese Mischung scheint bei allen Altersklassen gut anzukommen: Sowohl Eltern mit ihren Kindern, als auch einzelne Jugendgruppen oder einfach nur jung gebliebene Erwachsene sind, egal zu welcher Uhrzeit, an allen Schauplätzen anzutreffen, und zwar ohne dichtes Gedränge.

Natürlich sind die Konzerte ein Magnet; aber auch Lesungen und Theateraufführungen im Unternehmen Mitte und im Literaturhaus kommen an. Vor allem die "Mangalesung: Dragonball" und die Texterin Susan Reznik seien rappelvoll gewesen, heißt es in einer Pressemitteilung zum Freitag. Weniger angenehm ist das Wetter am Samstag: Mal regnet es kurz, dann scheint wieder für längere Zeit die Sonne. Ab 15 Uhr schallt es am aus allen Richtungen: Auf mehreren Bühnen beginnt die Live-Musik. Auf dem Münsterplatz herrscht jedoch vorerst Stille, die durch Klatschen unterbrochen wird: Gerade ist auf der Halfpipe des Trendsport Basel der Contest mit den BMX Rädern gestartet. Dabei spielt Alter keine Rolle: Der älteste Teilnehmer ist 24, der jüngste gerade neun Jahre alt. Gemeinsam mit ihrem Rad wirbeln jedoch beide durch die Luft und vollführen Kunststücke.

Nur wenige Meter entfernt sind zwischen den Bäumen Leinen gespannt. An Kleiderbügeln hängen gebrauchte Klamotten. "Es ist super gelaufen. Wir haben viele Leute aus den unterschiedlichsten Altersgruppen gehabt, Frauen und Männer", sagt Jennifer Perez, die Präsidentin und Gründern des Walk-in Closet. Der Verein ist durch das Gemeinschaftsprojekt "Die Palme" verschiedener Jugendorganisationen zum JKF gekommen. Deren großes Thema ist das Upcycling, also die Wiederverwertung scheinbar nutzloser Stoffe. Das Prinzip des Walk-in Closet ist einfach: Man bringt gebrauchte Klamotten und darf dafür neue aber ebenfalls gebrauchte Klamotten mitnehmen. "Kleider gehören zur Kultur. Jede Kultur hat ihren eigenen Style und es gehört zum Bewusstsein von den Jungen, dass man upcycelt", erklärt Perez.

Die Entscheidung, die am Samstag vor allem ansteht, aber ist die zwischen leise oder laut: Daria and the Brothers füllen um halb sechs den Pyramidenplatz mit einem Mix aus südamerikanischen Klängen, französischer Polka und griechischer Folklore und verbreiten gute Laune. "Ihr seid ja immer besser drauf", lässt der Moderator am "Barfi" gegen halb zehn verlauten. Gerade hat Laurin Buser mit seiner Band den Platz mit deutschen Hip-Hop Klängen eingeheizt. Kein Wunder, denn er hatte ja auch Verstärkung aus Lörrach: Mit ihrer Stimmgewalt unterstütze ihn im Background Céline Huber.

Applausfreudig ist auch das Publikum im vollbesetzten Literaturhaus: Dort lesen Nachwuchsautoren, die bereits im Literaturmagazin Narr oder in der Kurzgeschichtensammlung Belles Lettres veröffentlicht haben, Geschichten zwischen Lebensalltag und Fiktion. Adam Schwarz erzählt humorvoll vom Alltag eines Fahrplankoordinators, der unübersehbar ein Loser ist, während Nora Zukker vom Gespräch mit der besten Freundin erzählt, das immer nötig ist, wenn ein weiterer Ex-Freund den Lebenslauf ziert. Musikalisch untermalt wird das von Nora Born, die sich mit Gitarre oder Klavier begleitet und in einem Song genau 404 Wörter verarbeitet. Alle lauschen gespannt – eine angenehme nachdenkliche Stille, während der Bass vom Barfüsserplatz noch als Hintergrundgeräusch zu hören ist.

Bis nach Mitternacht präsentiert sich dieses abwechslungsreiche Puzzle in der Innenstadt, zeigte ein weiteres Mal eindrücklich das kreative Potenzial der Jugend und setzte ein starkes, positives Zeichen für die Jugendkultur, bilanzieren der Organisatoren in einer Mitteilung. Auf der anderen Seite steht der hohe Einsatz der rund 170 Helfer. So habe schon das 20-köpfige Kernteam über eine Million Schritte hingelegt, JKF-Präsident Sebastian Kölliker allein 32 541; er allein lief also rund 30 Kilometer für die Jugendkultur. Für 2017 ist nun bereits die 10. Ausgabe der Festivals ins Auge gefasst, dann indes auch mit einem personellen Wechsel: Geschäftsleiterin Joëlle Perret verabschiedete sich mit dieser Ausgabe vom JKF, für das sie mehr als zehn Jahre tätig war.