Das große Wegbleiben

René Zipperlen Klaus Riexinger

Von René Zipperlen Klaus Riexinger

So, 30. Dezember 2018

Wirtschaft

Der Sonntag Schreckensjahr für die Messe Schweiz – In zwei Monaten ist die Basler Muba Geschichte –.

Das Jahr 2018 wurde zum Schicksalsjahr für einen der größten Player der Region: Die MCH Group, die in Basel Traditionsmessen wie Muba, Baselworld und Art veranstaltet. Die Uhrenmesse taumelt, das Zugpferd wird eingestellt, die Messe schreibt Verluste in Millionenhöhe. Auch die Freiburger Verbrauchermessen müssen kämpfen.

Manchmal sprechen Narren die Wahrheit am einfachsten aus: Gerade wurde die Plakette für die Basler Fasnacht vorgestellt. Sie zeigt Narren beim "Ändstraich" vor der großen Uhr am Messeplatz. Ein Tambourmajor trägt den Hermeshelm, das langjährige Logo der größten und ältesten Verbrauchermesse der Region, der Muba. Am 18. Februar 2019 wird diese "Mutter aller Messen", wie sich die Mustermesse Basel lange stolz nannte, nach 103 Auflagen Geschichte sein. Das Publikum blieb zuletzt aus. Zog sie einst eine Million Besucher, war es 2018 noch ein Zehntel. Die Messegesellschaft MCH Group erklärte im August zudem, auch die Publikumsmessen Züspa in Zürich und die Lausanner Comptoir Suisse einzustellen.

Dass der Verlust dieses Jahr mit 14 Millionen Franken fast doppelt so hoch ausfallen wird wie noch im Sommer befürchtet, ist für die Messegesellschaft katastrophal. Entscheidender Faktor dafür ist aber der mit der Uhren- und Schmuckmesse Baselworld zusammenhängende Übermut. Für das Weltereignis für die Reichen und Schönen investierte die MCH Group atemberaubende 430 Millionen Euro in neue Hallen. Doch dann meuterten die Aussteller, nicht zuletzt wegen horrender Standgebühren und aberwitziger Hotelpreise zur Messezeit. Nach einer drastischen Schrumpfkur folgte im Sommer der Nackenschlag: Branchenriese Swatch stieg aus, weitere Player folgten. Messechef René Kamm musste den Hut nehmen, die Baselworld kämpft um ihr Überleben. Wegen des entsprechenden Wertverlusts für die Hallen musste die Messe mehr als 100 Millionen Franken abschreiben.

Dazu tun sich neue Formate schwer. Die Edelkarossen-Messe Grand Basel verlief zum Start so defizitär, dass es keine zweite Auflage geben wird. Die Verbrauchermesse Muba hatte ihr Konzept so drastisch modernisiert, dass neue wie alte Besucher nicht damit zurechtkamen. Zudem sei nur jeder siebte Besucher noch mit einer Kaufabsicht gekommen, erklärte die Messe. Nicht zuletzt die Digitalisierung des Marktes habe ihr das Wasser abgegraben.

Das Projekt Verbrauchermesse will Messechef Hans-Kristian Hoejsgaard dennoch nicht aufgeben. Neue Konzepte sollen "physisches Erlebnis und digitale Angebote" kombinieren. Wie das aussehen soll, ist noch offen.

Auch auf deutscher Seite leiden die Publikumsmessen. Im Rekordjahr 2006 kamen 71 000 zur Lörracher Regio-Messe, nach Einbrüchen scheint sie sich bei rund 60 000 Besuchern zu stabilisieren. Mehr zog 2018 auch die einst größte Messe Südbadens nicht mehr. Die hatte nach 100 000 Besuchern in ihren besten Tagen auf 70 000 gehofft. "Ein Allheilmittel für Publikumsmessen", sagt Daniel Strowitzki, der Chef der Messe Freiburg, "hat noch keiner."

Bleiben Besucher weg, werden die Messen um kleine Messen und Sonderschauen erweitert. Zur Profilschärfung trägt das nicht immer bei. Nach dem Rückschlag will sich die Messeleitung nun stärker auf die Hauptzielgruppe fokussieren: die über 45-Jährigen. Ihre Themen: Modeschauen und Gesundheitsvorsorge. An einer weiteren Profilschärfung arbeite man, sagt Strowitzki.

Kaum besser geht es den Freiburger "Freizeitmessen", früher CFT. Die einst neuntägige Messe wurde auf drei Tage verkürzt, schließlich das Zugpferd "Caravan" in eine eigene – erfolgreich gestartete – Fachmesse ausgegliedert. Seitdem dominieren Modellbau und spielende Kinder die Messe.

Über den Fortbestand einer Messe entscheiden aber letztlich die Aussteller, sagt Strowitzki. Denn die Standmieten tragen wesentlich mehr zum Gesamtumsatz bei als das Eintrittsgeld. Daher will er an der Baden-Messe festhalten, so lange die Aussteller mitziehen.

In diesem Umfeld überraschte im Februar 2017 eine Neugründung: die "Dreilandmesse" in Rheinfelden. Die blieb zwar unter den anvisierten 20 000 Besuchern, doch eine Fortsetzung ist für Oktober 2019 terminiert.