Den Kanon hinterfragen

Annette Mahro

Von Annette Mahro

So, 26. August 2018

Basel

Der Sonntag Am Theater Basel wird Benedikt von Peter Nachfolger von Andreas Beck.

Neuer Intendant am Theater Basel und Nachfolger von Andreas Beck wird Benedikt von Peter. Der gebürtige Kölner, der derzeit noch in gleicher Funktion am Theater Luzern unter Vertrag steht, kommt zur Spielzeit 2020/21.

Der Mann hat etwas Entwaffnendes. "Ich habe mich nicht beworben in Basel, ich war sehr glücklich in Luzern", betont von Peter an der Medienorientierung zu seiner Vorstellung und schickt ein strahlendes Lächeln hinterher, "das müssen Sie bitte schreiben!"

Zugesagt hat er trotzdem, wenngleich das größte Dreispartenhaus der Schweiz auf diese Weise für eine Spielzeit gewissermaßen kopflos dasteht, wechselt doch Andreas Beck schon eine Spielzeit zuvor ans Münchner Residenztheater.

Der Vertrag des 41-Jährigen in Luzern wäre umgekehrt seinerseits noch ein Jahr länger gelaufen. Sein früherer Ausstieg ist ein zwischen beiden Häusern gefundener Kompromiss. Für die Übergangszeit wird er zwei Programme zu verantworten haben, will aber auch noch inszenieren. Wen er dagegen für die nach Becks Weggang freiwerdende Schauspieldirektion holen wird, steht noch nicht fest.

In jedem Fall eilt dem Beck-Nachfolger der Ruf voraus, ein Theatererneuerer zu sein und er legt wie schon sein Vorgänger Wert auf einen spartenübergreifenden Ansatz. Allerdings spricht er lieber von einer integralen Herangehensweise, bei der etwa auch bildende Kunst und Performance einfließen: "Ich denke, dass meine Generation den Auftrag hat, den ganzen Kanon zu hinterfragen." Geschuldet sei das auch einem veränderten Publikumsverhalten. "Die Leute sind ja nicht kunstferner geworden, sondern sie haben sich mehr spezialisiert." Mindestens ebenso wichtig ist von Peter, dessen Schwerpunkt bisher auf der Oper lag, zudem seine ebenfalls in Luzern bereits ausprobierte Idee des "Raumtheaters".

Die Inszenierungen sollen dabei nach seinen Worten "die Zentralperspektive verlassen", sprich die herkömmliche klare Trennung von Bühne und Zuschauerraum aufheben. Seinem Publikum will von Peter auf Augenhöhe begegnen, die Theatertüren möglichst weit öffnen und neue Orte in der Stadt probieren: "Man kann ja gar nicht anders, als zu den Leuten zu gehen, die nicht kommen." In Luzern ist sein Konzept mit um 20 Prozent gesteigerten Publikumszahlen und einer 80-prozentigen Auslastung bereits aufgegangen, weshalb die Innerschweizer ihn auch ungern ziehen lassen.

Überzeugt war auch die Basler Findungskommission. Aus 39 möglichen Anwärtern einigte man sich im dritten Durchgang auf eine "Shortlist" mit vier Namen. Der Entscheid fiel am Ende einstimmig. Auch der Grund für die Zusage der zuletzt viel Umworbenen dürfte die Verantwortlichen freuen: "Mich hat bewogen, dass es Basel ist!"

2009 hat von Peter hier bereits Poulencs "Dialogues des Carmélites" und 2011 Wagners "Parsifal" auf die Bühne gebracht. Schon damals sei er überzeugt gewesen: "Das ist ein Raum, wo man sich was traut". Seine künstlerischen Sporen verdient hatte er sich vor seinem Luzerner Engagement als Leiter der Musiktheatersparte am Theater Bremen sowie mit zahlreichen Inszenierungen an Theatern wie etwa der Berliner Komischen Oper oder den Staatsopern Hamburg und Hannover, aber auch bei den Wiener Festwochen. 2007 wurde von Peter mit dem Götz Friedrich Preis geehrt, 2011 mit dem Theaterpreis "Der Faust" und 2014 mit dem Kurt Hübner Preis.

Neue Wege gesucht hatte der Theatermann auch schon 2002 mit dem selbstgegründeten Theaterkollektiv "evviva la diva", mit dem er unter anderem am Berliner Hebbel Theater und am Hamburger Kampnagel gastierte. Mit von der Partie war Benjamin von Blomberg, der ab der kommenden Spielzeit Co-Intendant am Zürcher Schauspielhaus wird. Böte sich insofern in Zeiten knapper Kassen nicht eine engere Kooperation mit Zürich an? Von solchen Gedankenspielen hält er wenig: "Theater ist Identität und die kann man nicht austauschen."

Bliebe das leidige Thema Finanzen. Selbstverständlich sei ihm die Situation zwischen den beiden Basler Kantonen bewusst, so von Peter. Hatte doch Baselland seinen Beitrag zur seit 1997 geltenden Kulturvertragspauschale erst 2017 von bisher zehn auf neu fünf Millionen Franken halbiert. Basel-Stadt gleicht das vorerst noch aus.

Dass aber die Subventionen seit 30 Jahren fast überall zurückgefahren würden, sei einfach Realität: "Wir sind ganz klar in der Krise des Stadttheaters". Die Zuversicht lässt er sich das aber nicht kosten: "Mit dem Mut kommen irgendwann auch die Subventionen, da bin ich sicher."