"Der Dialekt ist ein erhaltenswertes Kulturgut"

dpa

Von dpa

Fr, 07. Dezember 2018

Südwest

INTERVIEW mit Mundartsprecher und Ministerpräsident Winfried Kretschmann über sein Engagement für Dialekte .

STUTTGART. Ministerpräsident Winfried Kretschmann hat nie ein Hehl aus seinem schwäbischen Dialekt gemacht, im Gegenteil. Jetzt will der Grüne sich für den Erhalt der Mundart einsetzen. Vor der an diesem Freitag in Stuttgart stattfindenden Dialekt-Tagung erläutert Kretschmann im Gespräch mit dpa-Journalistin Julia Giertz seine Gründe.

BZ: Warum möchten Sie Dialekte erhalten?
Kretschmann: Der Dialekt ist keine Schwundstufe der Standardsprache, kein Ausdruck mangelnder Sprachkompetenz. Durch seine Vielfalt und Originalität ermöglicht er vielmehr eine differenziertere Verständigung, die die Hochsprache an manchen Stellen nicht immer zu leisten vermag. Der Dialekt ist zudem eine mobile Heimat, die man überall hin mitnimmt, eine Heimat, die man hören kann, die unseren sprachlichen Reichtum bezeugt und ein Gemeinschaftsgefühl herstellt. Daraus folgt ein Auftrag an uns Mundartsprecher, den Dialekt zu hegen und zu pflegen.
BZ: Wie kann das ganz konkret bewerkstelligt werden – insbesondere, wenn man junge Leute ansprechen will?
Kretschmann: Ich wünsche mir, dass wir den Dialekt und seine vielfältigen Erscheinungsformen in unserem kulturellen Gedächtnis verankern und dass wir uns stärker überlegen, an welchen Orten und in welchen Institutionen dies geschehen kann. Denn dies kommt auch unserer Standardsprache zu Gute. Mit der jetzigen Dialekttagung werden wir hierfür einen ersten Grundstein legen und gemeinsam mit Vertretern aus Wissenschaft, Schule, Kultur und Medien nach dem Stand und der Zukunft der baden-württembergischen Dialekte fragen. Auf der Grundlage der Tagungsergebnisse werden wir auch überlegen, wie wir junge Leute für den Dialekt begeistern können.
BZ: Welcher ist Ihr Lieblingsdialekt?
Kretschmann: Meine Familie floh aus Ostpreußen. Zu Hause habe ich Hochdeutsch und außerhalb Schwäbisch gesprochen – als erstes Kind der Familie. Für mich als Kind war der Dialekt also eine wunderbare Möglichkeit der sozialen Integration. Diese Erfahrung von Zugehörigkeit und Heimat verbinde ich bis heute mit dem Schwäbischen, das mir deswegen natürlich sehr am Herzen liegt.
BZ: Können Ihre Kinder Dialekt verstehen, vielleicht auch selbst sprechen?
Kretschmann: Meine Kinder können Dialekt verstehen und sprechen. Allerdings lebt meine Tochter inzwischen in Schottland und ein Sohn ist mit einer Frau aus Norddeutschland verheiratet, während mein anderer Sohn sich als Sprachwissenschaftler auch berufsmäßig mit Dialekt befasst.

Winfried Kretschmann (70) steht zu seinem – schwäbischen – Dialekt, was heute nicht mehr sehr viele deutsche Politiker tun. Mit seiner unverbogenen Art und seiner philosophisch fundierten Bodenständigkeit fährt der frühere Gymnasiallehrer aus Sigmaringen und heutige baden-württembergische Ministerpräsident höchste Popularitätswerte ein.