"Der Situation stellen"

Sebastian Kaiser

Von Sebastian Kaiser

Fr, 21. Dezember 2018

Südwest

Erzbistum übergibt Akten zu Missbrauchsfällen an Staatsanwaltschaft / Juristen erstatten Anzeige.

FREIBURG. Wie steht es um die Aufarbeitung der Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche? Das Erzbistum Freiburg hat am Donnerstag erklärt, die Personalakten von 190 Beschuldigten an die Staatsanwaltschaft weitergeben zu wollen. Vorausgegangen waren bundesweite Anzeigen einer Gruppe von Juraprofessoren, die Kritik an der Arbeit der Strafverfolgungsbehörden geübt hatten.

Erst im September dieses Jahres gab die Deutsche Bischofskonferenz die Ergebnisse der von ihr in Auftrag gegebenen Missbrauchsstudie bekannt. "Erschüttert und erschrocken" sei er über die Ergebnisse, sagte damals der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Reinhard Marx. Zwischen 1946 und 2014 sollen mindestens 1670 katholische Kleriker 3677 Minderjährige missbraucht haben. Meist männliche Jugendliche und Kinder. Auch im Erzbistum Freiburg wurden Akten von Priestern und Diakone durchforstet – von 190 Beschuldigten und mindestens 442 Betroffenen geht man inzwischen aus.

"Als Verantwortliche, sei es in Vergangenheit oder Gegenwart, haben wir uns dieser Situation zu stellen – wir sind dies den Betroffenen schuldig", ließ der Freiburger Erzbischof Stephan Burger diesen Donnerstag über seine Pressestelle mitteilen. Man werde die Akten der 190 Beschuldigten, von denen noch 30 am Leben sind, der Staatsanwaltschaft überlassen. Das Erzbistum Freiburg verweist auf Gespräche, die in den vergangenen Wochen zwischen Vertretern der Erzdiözese und der Staatsanwaltschaft stattfanden. Das Erzbistum habe sich dabei zu vollständiger Kooperation bereit erklärt. Zuvor seien bei allen Staatsanwaltschaften in deutschen Bischofsstädten Anzeigen gegen die Diözesen eingegangen, heißt es aus dem Erzbistum.

Deutschlandweit 27 Anzeigen

Tatsächlich hatte ab Ende Oktober eine Gruppe von fünf Juraprofessoren, darunter der Tübinger Strafrechtler Dieter Rössner, in Verbindung mit dem Institut für Weltanschauungsrecht in Oberwechsel deutschlandweit 27 Strafanzeigen gegen Unbekannt gestellt. Und zwar bei den Staatsanwaltschaften, die für die jeweiligen Bistümer zuständig sind.

Es geht dabei um Verdachtsfälle wegen des sexuellen und des schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern, wie sie im Zuge der Missbrauchsstudie der Deutschen Bischofskonferenz zu Tage gefördert wurden. In der Strafanzeige, die auf der Homepage des Instituts für Weltanschauung einsehbar ist, erheben die Juristen Vorwürfe: "Es überrascht, wie zurückhaltend Staat und Öffentlichkeit (bislang) mit dem alarmierenden Anfangsverdacht schwerer Verbrechen umgehen." Aus Sicht der Professoren sei der Weg für Ermittlungsmaßnahmen zur Überführung der Täter eröffnet. Etwa für eine Durchsuchung von Archiven und die Beschlagnahme der vollständigen, nicht anonymisierten Akten in den Diözesen.

Die Staatsanwaltschaft in Freiburg kann solche Kritik nicht nachvollziehen: "Wir können nur dann tätig werden, wenn wir konkrete Anhaltspunkte für verfolgbare Straftaten haben, die zudem nicht verjährt sein dürfen", sagt ein Sprecher. Vermutungen reichten dafür nicht aus. Zudem sei man bereits kurz nach Erscheinen der Missbrauchsstudie mit Bistumsvertretern zusammengesessen.

Von einer mangelnden Kooperation mit den Behörden will auch das Erzbistum Freiburg nichts wissen. Die Leitlinien der Deutschen Bischofskonferenz von 2010 für den Umgang mit Fällen sexuellen Missbrauchs sehen eine solche Zusammenarbeit ausdrücklich vor. Sobald Anhaltspunkte für den Verdacht einer Straftat vorliegen, sollen die Informationen an die Behörden weitergeleitet werden. Warum werden dann erst jetzt die 190 Personalakten an die Staatsanwaltschaft weitergeben? "Bei Fällen, die sich nach 2010 ereignet haben, wurden immer auch die Behörden informiert – gemäß den Leitlinien", sagt ein Sprecher des Erzbistums. Das bedeute aber nicht, dass automatisch auch die jeweiligen Akten weitergeben würden. Auf entsprechende Anfragen sei man aber stets eingegangen.