Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

29. Juni 2012

Die Stille nach dem Erdrutsch

Seit Monaten ist Ewattingen von der Außenwelt abgeschnitten.

EWATTINGEN. Wie viele andere Ewattinger fährt Hardy Trenz über die L 171 zur Arbeit nach Donaueschingen. Die Landesstraße verbindet den Hochrhein mit dem Schwarzwald-Baar-Kreis. Eines Morgens entdeckt der Straßenbauexperte zufällig einen kleinen Riss am Hang kurz nach der Dorfausfahrt. Als er in den nächsten Tagen beobachtet, wie aus dem kleinen Riss eine tiefe Furche wird, veranlasst er umgehend die Sperrung dieser für Ewattingen so wichtigen Verkehrsader. Das war am Gründonnerstag. Seither rollt durch den 800-Seelenort praktisch kein Auto mehr.

Man muss sich das Ewattingen dieser Tage als eine Art Anti-Falkensteig vorstellen: dort der von einer endlosen Blechlawine zerschnittene Ort, hier die komplett verkehrsberuhigte Zone, wo die Haupt- gleichsam zur Spielstraße wird. "Diese Ruhe ist göttlich", schwärmt Haiko Retzke, der direkt an der L 171 wohnt. Seine kleinen Söhne kann er auf einmal unbeaufsichtigt draußen spielen lassen. Der ganze Alltag habe einen Gang zurückgeschaltet. Selbst der Busfahrer hat neuerdings Zeit, von der gegenüberliegenden Haltestelle einen freundlichen Gruß rüberzuschicken, und Retzke winkt ebenso freundlich zurück.

Werbung


Das ist freilich nur die eine Seite der Straßensperre, die den Ort nun schon seit einem Vierteljahr lähmt. Pendler, die bisher die Ortsdurchfahrt benutzt haben, müssen Ewattingen nun im großen Bogen umfahren, wofür schon mal eine halbe Stunde drauf geht. Der Schulbus und die Einheimischen sind indes auf die abenteuerliche "Kiesstraße" verwiesen. Grund zum Klagen haben besonders auch die Wirtsleute. Nach Ostern beginnt die Wandersaison, von überall her strömen Touristen zur Wutachschlucht und kehren gerne auch im nahen Ewattingen ein. Nun ist ausgerechnet in dieser Hochsaison der Verbindungsweg dicht. Ohne Durchgangsverkehr kommt das Geschäft mit den spontanen Gästen komplett zum Erliegen. "Kaum ein Motorradfahrer verirrt sich zu uns", bedauert Hirschen-Wirtin Gertrud Schuler. Die Sperre habe ihre Gaststätte etwa ein Drittel des Umsatzes gekostet. Auch Max Burger, der in der Dorfmitte einen Tante-Emma-Laden betreibt, vermisst die Auto- und Brummifahrer, die normalerweise täglich bei ihm anhalten. Auf "Zigaretten, Vesper und Bild", wie er den Klassiker der schnellen Mitnahme zusammenfasst, bleibt Burger nun häufig sitzen. "Aber so ist das halt", sagt der 70-Jährige, "gegen höhere Gewalt ist man machtlos".

An der Notwendigkeit der Sperrung hegt freilich keiner im Dorf ernsthaft Zweifel. Nur zwei Tage nach der von Trenz angeordneten Sperrung rutschten die Erdmassen. Kurz darauf krachte die erste von vier wuchtigen Tannen auf die Leitplanke und legte sich quer über die Fahrbahn. Spezialisten hatten unter der Leitung von Trenz gleich nach Ostern damit begonnen, den nervösen Hang mit großem Aufwand zu beruhigen. 1700 Kubikmeter Dreck wurden abgetragen, Widerhaken tief ins Erdreich getrieben, das Gemäuer verstärkt und dazwischen immer wieder Messbohrungen vorgenommen. Ein Gastwirt hatte den Bauleiter unlängst ersucht, die Sperrung wenigstens wochenends zu öffnen. Als sich Trenz daraufhin mit einer Gruppe vor Ort beriet, schlug nur wenige Meter neben ihm ein 20-Kilo-Brocken auf. Damit war klar: Für grünes Licht wäre es zu früh.

Kommende Woche hat die "göttliche Ruhe" wohl ein Ende

Doch der Tag X naht. Wenn alles nach Plan läuft, dann könnte die L 171 laut Trenz kommende Woche wieder freigegeben werden – allerdings zunächst nur einspurig mit Ampelregelung. Zwei bis drei Wochen später sollte die Strecke dann voll befahrbar sein. Nicht nur Wutachs Bürgermeister Christian Mauch dürfte dann ein zentnerschwerer Stein vom Herzen fallen. "Wir wissen aber auch", sagt Mauch angesichts der unruhigen Geologie rund um seine Gemeinde: "Der nächste Erdrutsch kommt bestimmt."

Autor: Florian Kech