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10. Februar 2012 10:01 Uhr

Baustelle Bildung

Besuch bei der künftigen Gemeinschaftsschule Schwanau

In der Gemeinschaftsschule wird im Unterricht Rücksicht auf die individuellen Fähigkeiten genommen. Auch Extra-Förderung für Schüler ist möglich.

  1. Die Bärbel-von-Ottenheim-Schule in Schwanau Foto: Gemeinde

  2. Gruppenarbeit in der Klasse 5a – Lehrerin Galina Konetschny hilft bei Fragen. Foto: Wulf Rüskamp

Es herrscht Experimentierfreude im Schulland Baden-Württemberg: Gemeinschafts- oder Werkrealschule? G 8 oder G 9? Fremdsprachen früher oder später? Und warum boomen Privatschulen? Nie war so viel los auf der Baustelle Schule – ein Grund für diese Schulserie. Heute: Wie individueller Unterricht und Binnendifferenzierung funktionieren – ein Bericht aus der Bärbel-von-Ottenheim-Schule in Schwanau (Ortenaukreis).

Jonathan* ist nicht mehr im Klassenzimmer. Keinem Mitschüler fällt das auf. Dafür ist auch zu viel Bewegung im Raum, und alle sind, mehr oder weniger konzentriert, mit ihrer Aufgabe beschäftigt, in der es um das Märchen von den Bremer Stadtmusikanten geht. Dazu ist einiges zu lesen, es sind Fragen zum Text zu beantworten, und dann sollen sie sich noch auf kreative Weise mit der Geschichte auseinandersetzen: Das verlangt von jedem intensives Arbeiten.

Aber Jonathan? Ist der Elfjährige abgehauen? Nein, er sitzt nur ein paar Zimmer weiter in der Schulbibliothek, wo sich die pädagogische Assistentin Kathrin Löhr um ihn kümmert. Denn Jonathan kann sich schlecht konzentrieren. Schon zuvor in der Gruppenarbeit hat er wenig beigesteuert, hat lieber geschaut, was die anderen machen. Oder das Buch bemalt, statt sich mit Märchen zu befassen. Dass ihn Lena kurz angeblafft hat – "He, was soll denn das!" –, hat ihn wenig beeindruckt.

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Jetzt also sitzt er allein neben Kathrin Löhr in der ruhigen Schulbibliothek der Bärbel-von-Ottenheim-Werkrealschule in Ottenheim, einem Ortsteil von Schwanau, und beschäftigt sich mit den Bremer Stadtmusikanten. Er hat sich dafür nicht die einfachste unter den drei angebotenen Aufgabenstellungen ausgesucht – denn auf den Kopf gefallen ist er nicht. Nur lässt er sich eben leicht ablenken, und da hilft es ihm schon, wenn sich jemand in den 20, 30 Minuten Einzelarbeit ausschließlich um ihn kümmert.

Diese individuelle Förderung, das Eingehen auf die Voraussetzungen und Fähigkeiten des einzelnen Schülers, ist das große Ziel in den Deutschstunden, die die beiden Lehrerinnen Galina Konetschny und Diana Goebel als Team in der Klasse 5a geben. Möglich wird die Anwesenheit zweier Lehrerinnen durch die für diese Klassenstufe vorgesehene Förderstunde im Fach Deutsch – die einfach in den normalen Unterricht integriert ist.

Den differenzierenden Unterricht verlangt schon die Zusammensetzung der Klasse: Von den insgesamt 24 Schülern hat jeder Dritte eine Realschul- oder gar Gymnasialempfehlung. Seit zwei, drei Jahren gehört deshalb, sagt Schulrektor Victor Witschel, die sogenannte Binnendifferenzierung in Deutsch, aber auch in Mathematik, zum Unterricht an der Bärbel-von- Ottenheim-Schule, einer frisch renovierten, technisch sehr gut ausgestatteten Schule am Rand des Schwanauer Ortsteils.

Auch aufgrund der Erfahrungen mit dieser Lehrmethode gehört sie zu den 34 Starterschulen, die vom kommenden Schuljahr an das Experiment Gemeinschaftsschule wagen – in der dann Binnendifferenzierung verpflichtend ist, um in den Klassen 5 bis 10 der Spannweite von Hauptschule bis Gymnasium gerecht zu werden. Ein völlig neues Feld ist das für die Pädagogen zumeist nicht: Binnendifferenzierung gehört zum festen Programm der Lehrerausbildung an den Pädagogischen Hochschulen. Ob sie in der Praxis der Haupt- und Realschulen wirklich stattfindet, steht auf einem anderen Blatt.

Selbst bei einem so populären Thema wie Märchen, das die Kinder die nächsten vier Wochen beschäftigen wird, sind die Unterschiede in der Klasse 5a sehr groß. Galina Konetschny und Diana Goebel haben das mit einer kleinen Umfrage zuvor ausgelotet: Märchen sind längst nicht mehr Allgemeingut in den Elternhäusern. Zwar hat eine Reihe der Zehn- bis Zwölfjährigen auf dem Zettel angekreuzt, dass sie Märchen von ihren Eltern und Großeltern erzählt bekommen. "Aber manche haben überhaupt erst und nur im Kindergarten davon erfahren", sagt Diana Goebel. Und das habe keineswegs immer mit der Herkunft der Familie aus dem Ausland zu tun.

Märchen kennen manche

nur aus dem Kindergarten.

Entsprechend unterschiedlich geraten die Ergebnisse einer Mind Map (mit diesem Begriff für eine Ideensammlung nach bestimmten Gesichtspunkten können die Kinder durchaus etwas anfangen). Alle notieren sich Merkmale von Märchen. Aber bei dem einen steht nicht mehr als das, was auf der Tafel beispielhaft aufgeschrieben wurde, anderen fallen dagegen weitere Figuren, Orte oder Sprüche aus Märchen ein. Es wird Aufgabe der nächsten Unterrichtsstunden sein, allen das Basiswissen zu vermitteln – und diejenigen, die bisher nur wenige oder gar keine Märchen kennen, anzuspornen, sich eines der im Klassenzimmer stehenden Märchenbücher zur Lektüre vorzunehmen.

Gudrun Schönknecht, Professorin für Schulpädagogik an der Pädagogischen Hochschule Freiburg, ist überzeugt, dass dieser Ansporn in einem Unterricht gelingt, der auf den Leistungsstand jedes einzelnen Schülers eingeht. Erfahrungen gebe es damit genug: In der Grundschule, in deren Klassen ja alle künftigen Hauptschüler, Realschüler und Gymnasiasten vier Jahre lang zusammen in einer Klasse sitzen, gehört Binnendifferenzierung zum Alltagsgeschäft. Ein Unterricht jedoch, der allen dasselbe bieten will, richte sich meist an ein mittleres Niveau. Alle, die davon überfordert sind, reagieren bald frustriert, die Unterforderten dagegen langweilen sich.

Binnendifferenzierung erlaube dagegen, schwächere Schüler zu fördern, sei es durch Lehrerinnen und Lehrer oder durch Mitschüler, die besseren aber zu fordern durch zusätzliche Aufgabe, die sie selbstständig angehen. Die Leistungsunterschiede werden, sagt Schönknecht, von den schwächeren Schülern durchaus wahrgenommen. Aber wenn sie sich nicht etwa durch Notengebung in ihrem Selbstwertgefühl herabgesetzt fühlen, motiviere sie das zu neuen Lernanstrengungen. Und zwar, so Schönknecht, aus sich heraus, ohne ein durch Notengebung gefördertes Konkurrenzdenken.

Die Kinder leben mit diesen Unterschieden. Galina Konetschny und Diana Goebel haben als Hauptaufgabe in diesen zwei Deutschstunden die Einzelarbeit vorgesehen, und zwar auf drei verschiedenen Niveaustufen. Die Aufgaben dazu haben sie selbst zusammengestellt – ein Grund, warum differenzierender Unterricht einer umfangreicheren Vorbereitung bedarf als reiner Frontalunterricht.

Zur Auswahl gibt es die schwere Aufgabe zum Märchen "Die Bremer Stadtmusikanten" in der Grimmschen Version; dazu sind Fragen zu beantworten, die von den Kindern ein gewisses Abstraktionsvermögen verlangen, und dann ist das Märchen in Gestalt eines Interviews mit den vier Tieren nachzuerzählen. Die mittelschwere Aufgabe stützt sich auf denselben Text, nur sind die Fragen konkreter und die Nacherzählung soll als Tagebucheintrag erfolgen. Die leichte Aufgabe gibt das Märchen in vereinfachter und verkürzter Form wider, dazu gibt es mit Ja oder Nein zu beantwortende Fragen, einen Text, dessen Lücken im Sinne des Märchens auszufüllen sind, eine Comicvorlage zu den Stadtmusikanten, deren Sprechblasen noch leer sind.

Die Lehrerinnen überlassen es den Kindern, welche der Aufgaben sie erledigen wollen. Christina, die zuvor bewiesen hat, dass sie sich mit Märchen doch recht gut auskennt, ist vorsichtig und nimmt nur die mittelschwere Variante. Damit ist sie freilich schnell fertig – bleibt also Zeit, die auch noch schwere Aufgabe noch anzufangen. Beim nächsten Mal, sagt Galina Konetschny, wird sie vermutlich gleich die schwere Aufgabe nehmen, weil das Vertrauen in ihre Fähigkeiten gewachsen ist. Timo dagegen hat sich überschätzt – also wechselt er zur einfacheren Aufgabe, bei der er dann aber den Comic mit viel Liebe ausgestaltet. Andere haben sich schon "Zusatzfutter" geholt: weitere spielerisch erscheinende Variationen zum Thema Märchen, die dazu beitragen, dass der Stoff immer vertrauter wird.

"Jeder soll die Chance haben, auf seinem Niveau zu arbeiten", sagt Gudrun Schönknecht. Ziel des differenzierenden Unterrichts sei nicht, alle auf dasselbe Niveau zu heben, sondern jedem zu helfen, sein Niveau zu verbessern. Im Idealfall nach einem individuellen Bildungsplan, der in seinem Einzelschritten auch für die betreffenden Schüler verständlich ist. Etwa in Gestalt eines Kompetenzraster, aus dem sie herauslesen können, was sie lernen müssen, um eine bestimmte Fähigkeit oder ein bestimmtes Wissen zu erwerben. "In der Beurteilung des Schülers sollte deshalb berücksichtigt werden, welche Anstrengungen er in seiner Bildung unternimmt", sagt Schönknecht. Simple Noten sind ihrer Ansicht nach einer ganzheitlichen Bewertung durch den Lehrer nicht angemessen – eine Auffassung, der freilich ihr Freiburger Kollege Alfred Holzbrecher widerspricht: "Schüler wollen Noten."

Alle Blätter, die sie an diesem Vormittag ausgefüllt haben, sammeln die Kinder im "Märchenordner". Am Nachmittag haben sie nämlich noch eine "SOLE-Stunde" SOLE steht für selbstorganisiertes Lernen, wo jeder für sich anhand der Märchenbücher, aber auch mit Hilfe von Mitschülern oder dem beaufsichtigenden Lehrer in seinem Ordner weiterarbeitet. Da werden dann Fehler vom Vormittag korrigiert, offene Rubriken ausgefüllt und das Thema nach eigenem Interesse und Vorwissen vertieft – und vielleicht ja auch das eine oder andere Märchen gelesen. In dem Märchenordner steht zudem, wo der jeweilige Schüler nach Einschätzung der beiden Lehrerinnen in diesem Stoff steht – und in welchen Einzelthemen er noch Nachholbedarf hat. Doch auch was die Einschätzung des eigenen Niveaus angeht, zeigen sich die Kinder in der Schlussabfrage dieser beiden Deutschstunden lernfähig. "Ich glaub’, beim nächsten Mal nehm’ ich gleich die schwere Aufgabe", sagt Christina. So wächst das Selbstbewusstsein – und mit ihm die Lernbereitschaft, wie es Galina Konetschny erwartet hatte.

Bremsen die Leistungsunterschiede nicht die begabteren Schüler in ihrem Elan? Nein, sagt Gudrun Schönknecht. Vergleichsstudien zwischen Schülern aus dem dreigliedrigen System und solchen, die derartigen gemeinschaftlichen Unterricht hatten, belegten, dass die kognitiven Lernleistungen im Durchschnitt nicht schlechter, allerdings auch nicht signifikant besser ausfallen. Im sozialen Bereich lernen dagegen Schüler im Gemeinschaftsunterricht mehr. Zudem habe sich gezeigt, dass auch überdurchschnittlich gute Schüler vom individuellen Unterricht profitierten. "Sie lernen mehr durch die Hilfe für ihre Mitschüler", sagt Schönknecht. Die offene Form des Unterrichts erlaube es, schwächeren Schülern mehr Unterstützung zu gewähren, während die stärkeren durch größere Selbstständigkeit zum Lernen herausgefordert werden.

Die stärkeren Schüler

ziehen die Schwächeren mit.

Galina Konetschny und Diana Goebel erleben das gerade in ihrer Klasse 5a. Da sitzt Daniel, der eigentlich aufs Gymnasium dürfte und schon jetzt, in der zweiten Deutschstunde zum Thema, ahnt, worauf das Ganze hinauslaufen wird, wenn alle verstehen, wie ein Märchen funktioniert: "Am Ende müssen wir alle ein neues Märchen schreiben." Beide Lehrerinnen nicken da lächelnd. Sorge, dass Daniel allen davoneilt, haben sie nicht. Neben ihm sitzt Thomas, der nur eine Hauptschulempfehlung erhalten hat – doch seine Leistungen ließen schon nach einem halben Jahr erkennen, sagt Galina Konetschny, dass das nicht das letzte Wort zu seiner Schullaufbahn gewesen sein dürfte. Nicht zuletzt, weil Daniel danebensitzt.

– * Die Namen aller Schülerinnen und Schüler wurden geändert.

Autor: Wulf Rüskamp