Hass

Empörung über Nazi-Schmierereien im Ulmer Münster

dpa

Von dpa

Mo, 03. September 2018 um 19:53 Uhr

Südwest

Hakenkreuze in einer der bekanntesten Kirchen der Welt. Und das unweit eines Mosaik-Fensters mit dem Davidstern. Die Empörung ist groß, doch die Hintergründe sind noch unklar.

Nach Hakenkreuz-Schmierereien im Ulmer Münster hat die Kriminalpolizei am Montag Ermittlungen aufgenommen. Ulms Oberbürgermeister Gunter Czisch (CDU) verurteilte die auf Bänke und an eine Tür des Gotteshauses geschriebenen und teils gekratzten Symbole und Parolen. Die Spurensicherung dokumentierte die Schmierereien, die dann rasch entfernt werden sollten. Der Dekan des Münsters, Ernst-Wilhelm Gohl, hatte am Wochenende Anzeige gegen Unbekannt erstattet.
Neben einem der insgesamt drei Hakenkreuze waren die Worte "statt Kreuz" gekritzelt; in einer der Parolen wurde direkt Bezug auf die AfD genommen. "Die Hakenkreuz-Schmierereien in unserem Münster sind widerwärtig", sagte Czisch. "Dass die Täter verbotene nationalsozialistische Symbole nutzen und sich auf die AfD beziehen, zeigt deutlich, wes Geistes Kind sie sind." Hass und Angst seien Instrumente von Brandstiftern, die "Feuer an die freiheitlich-demokratische Grundordnung und die Grundwerte unseres Zusammenlebens legen".
Der Münster-Dekan sagte: "Ich sehe einen Zusammenhang mit den Ausschreitungen in Chemnitz." Gezielt werde Hass geschürt. "Man testet immer mehr die Grenzen aus, um zu sehen, wie weit man damit gehen kann, eine solche Gesinnung, die es bei einer Minderheit schon immer gab, zu verbreiten." Er werfe der AfD zwar nicht vor, die Schmierereien selbst angebracht zu haben. "Aber ich beschuldige die AfD, dass sie wesentlich dazu beiträgt, dass das Klima so ist." Ähnlich hatte Gohl sich zuvor auf Facebook geäußert.
Die AfD wies die Vorwürfe zurück. "Wir prüfen rechtliche Schritte gegen den Dekan", sagte Eugen Ciresa, Sprecher des AfD-Kreisverbandes Ulm/Alb-Donau. "Wenn er Mitglieder der AfD als Rassisten bezeichnet und die AfD in Zusammenhang mit Hakenkreuz-Schmierereien bringt, ist das aus unserer Sicht unterirdisch, das geht überhaupt nicht." In der einen von zwei gekritzelten Parolen hieß es "Stopt Kinderarmut, Altersarmut, Wohnungsnot usw. AfD 13 % Die Chance", in der anderen "Merkel, Söder usw. muß weg!"
Auffallend sei, erklärte Dekan Gohl, dass die drei schwarzen Hakenkreuze auf einer Reihe von Bänken im nördlichen Seitenschiff gezeichnet wurden, die in einer Linie zum berühmten Israel-Fenster des Münsters führe. "Der Davidstern auf der Linie vom Hakenkreuz - das erinnert doch daran, für welchen Ungeist dieses Nazi-Symbol steht, an die Menschenverachtung, die damit verbunden ist."
Das Israel-Fenstermosaik war 1986 anstelle des 1945 durch Bomben zerstörten sogenannten Reichsfensters in Erinnerung an die Zerstörung der jüdischen Gemeinde in Ulm eingesetzt worden. Allerdings sei bislang völlig unklar, ob die Hakenkreuze bewusst in der Nähe des Israel-Fensters platziert wurden, räumte Gohl ein.
Der Antisemitismus-Beauftragte der Landesregierung, Michael Blume, verwies darauf, dass es vor den Schmierereien im Münster in Ulm in den zurückliegenden Monaten auch Vandalen-Angriffe auf die dortige neue Synagoge und auf eine türkische Moschee gegeben habe. "Dass der Rat der Religionen und die Stadt Ulm dagegen zusammenstehen, ist richtig und wertvoll", sagte Blume der Deutschen Presse-Agentur. "Mit dem Dekan des Münsters habe ich bereits über eine gemeinsame Solidaritätsveranstaltung unter dem Motto "Sterne, Kreuze, Hakenkreuze - Warum Antisemiten alle Religionen attackieren" gesprochen."
Das Ulmer Münster gehört zu den international bekanntesten Sakralbauten. Es hat den mit 161,53 Metern höchsten Kirchturm der Welt. Etwa eine Million Menschen haben das Gotteshaus nach Angaben der Evangelischen Gesamtkirchengemeinde im vergangenen Jahr besucht.
Wie am Montag bekannt wurde, sind in der vergangenen Woche nicht nur im Münster, sondern auch an anderen Stellen in Ulm Hakenkreuz-Schmierereien aufgetaucht. Sie fanden sich laut Polizei auf einem öffentlich aufgehängten Poster und in einem Treppenhaus - beide Tatorte sind in der Nähe des Münsters. Die Beamten prüfen noch nach eigener Aussage, ob die Taten miteinander zusammenhängen und suchen Zeugen.