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21. Mai 2008

Erst eingeschleust, dann ausgebootet

Jahresbericht zur Schleuserkriminalität gibt keine Entwarnung.

STUTTGART. Nur auf den ersten Blick fällt der Jahresbericht zur Schleusungskriminalität positiv aus: Die Zahl der aufgedeckten Delikte ist zwar rückläufig – aber wohl nur, weil die Arbeit der Ermittler schwerer geworden ist.

Wie viele Menschen in einen Mercedes Sprinter passen, davon konnte sich die Polizei beim Abpassen eines Schleppers ein Bild machen: 35 Iraker hatte der Mann in den Transporter gepresst, für die Fahrt von Südtirol nach München. Die verhältnismäßig kurze Strecke ist nur ein Teilstück auf dem langen Weg der Iraker nach Skandinavien.

Der Fahrer mit Wohnsitz in Baden-Württemberg sollte für die Etappe 500 Euro erhalten – pro Person, wohlgemerkt. Schleusen, also die Hilfe zur unerlaubten Einreise und zum unerlaubten Aufenthalt, ist ein überaus lukratives Geschäft. Gefährlich ist es auch, vor allem für Menschen aus Krisenregionen, die sich auf Schlepper einlassen, weil sie sich in Europa ein besseres Leben versprechen. So sind in Italien 17 Kurden auf dem Weg nach Nordeuropa aus einem Kühlwagen gerettet worden. Die Temperatur in dem Transporter betrug weniger als ein Grad Celsius.

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Noch verläuft die Schleuserroute für Iraker überwiegend von Italien über Österreich und Bayern in Richtung Skandinavien, wo das Aufenthaltsrecht relativ liberal ist. Schleusungen durch die Schweiz und durch Baden-Württemberg ins Bundesgebiet sind dagegen eher die Ausnahme. Bislang zumindest. Sechs irakische Schleuser haben die Sicherheitsbehörden 2007 in Baden-Württemberg festgenommen und 291 unerlaubt eingereiste Iraker aufgegriffen. Im Vorjahr waren es laut dem jetzt veröffentlichten gemeinsamen "Lagebild Schleusungskriminalität" von Landeskriminalamt und Bundespolizei für 2007 erst 221.

Die Zahl, fürchten Experten wie Manfred Schmid von der "Ermittlungsgruppe Schleuser", könnte aber steigen. Denn für Herbst 2008 ist die Assoziierung der Schweiz zum Schengen-Raum geplant. Dann fallen die Kontrollen des Personenverkehrs an den Grenzen zur Schweiz weg. Für Schleuser wird die Route damit interessanter. Auch bei der übelsten Form der Schleusungskriminalität, dem Menschenhandel zum Zweck der Zwangsprostitution, lässt die Statistik nur auf den ersten Blick auf Besserung hoffen: 2007 haben Ermittler im Land 26 Fälle und 47 Opfer registriert. 2006 waren es mit 57 Fällen und 60 Opfern deutlich mehr. Doch die Verbesserung der Zahlen führen Fachleute vor allem auf den Rückgang der Kontrollen im Rotlichtmilieu zurück.

Einschüchterung durch Voodoo-Rituale

Dieses hatte die Polizei im WM-Jahr 2006 verstärkt überprüft. Als weiteren Faktor für den scheinbaren Rückgang nennt der Bericht die seit 2007 geltende Freizügigkeit für Rumänien und Bulgarien. Früher verzeichnete die Statistik viele Frauen aus diesen Ländern als Opfer von Menschenhändlern. Nun dürfen sie sich legal hier aufhalten, was den Ermittlern die Arbeit erschwert, denn der illegale Aufenthalt war leichter nachzuweisen.

Außer aus Russland kommen die meisten Opfer des Menschenhandels aus Nigeria. Die Frauen werden über Marokko und Spanien nach Baden-Württemberg geschleust und zum Abzahlen der Schleuserlöhne von bis zu 40 000 Euro zur Prostitution gezwungen. Zuvor werden sie offenbar durch Voodoo-Rituale eingeschüchtert. Schmid nennt es ein Problem: Die Opfer seien durch Voodoo in psychische Zwangslagen versetzt und würden nicht mit der Polizei kooperieren.

Autor: Roland Muschel