Wahrzeichen der Stadt

Die Pyramide steht bald wieder frei auf dem Karlsruher Marktplatz

Stefan Jehle

Von Stefan Jehle

Mo, 27. August 2018 um 10:03 Uhr

Kultur

Um sie ranken sich Legenden: Die wegen Bauarbeiten verschalte Pyramide steht bald wieder frei auf dem Karlsruher Marktplatz. Unter ihr liegen die Gebeine des Stadtgründers Markgraf Karl Wilhelm.

Pyramiden dienten im Alten Ägypten als Begräbnisstätten der Könige. Die Bauform mit meist quadratischer Grundform wird häufig mit einem religiösen oder okkulten Charakter verbunden. Die wohl bekannteste Pyramide in Deutschland steht auf dem Karlsruher Marktplatz – bereits seit 1825. Fast fünf Jahre lang ist diese jetzt schon verhüllt: wegen des Tunnelbaus unter dem Zentrum der Stadt. Bald soll das Unikat, das als Wahrzeichen der 1715 gegründeten nordbadischen Stadt gilt und von vielen Legenden umwoben ist, wieder frei zu sehen sein.

Seit 2010 wird in Karlsruhe an der so genannten "Kombilösung" gearbeitet. Rund 2,2 Kilometer lang ist der Tunnel unter der Kaiserstraße, in dem die Stadt- und S-Bahnen unterirdisch verkehren sollen. Dazu wird ein Südabzweig am Marktplatz gebaut, der die City als Flaniermeile neu eröffnen soll. Das Gesamtprojekt wird wohl mehr als 1,1 Milliarden Euro kosten. Das Bild der Stadt wandelt sich – viele Baustellen sind bereits wieder abgebaut. Seit Oktober 2013 war die Pyramide zum Schutz vor Beschädigung unter einer Holzverschalung verhüllt. Diese ist nun beseitigt. Letzte Arbeiten sollen ihren Sandstein aufpolieren.

Die Beziehung der Karlsruher zu ihrer Pyramide ist eine ganz besondere. Als Kreuzungspunkt der Straßenbahnen war und ist sie ein beliebter Treffpunkt. Früher gruppierte sich der Christkindlesmarkt um das Bauwerk herum, bevor auch dieser wegen der Baustellen verlegt wurde. Die Pyramide ist auf den Strafzetteln der städtischen Politessen aufgedruckt und auf amtlichen Briefbögen. Sie ist offizielles Logo der Stadt Karlsruhe. Seit mehr als 100 Jahren schon ist der fast 200 Jahre alte Sandsteinbau auch ein beliebtes Postkartenmotiv.

Karlsruhes Pyramide wird von Legenden umwoben. Lange wurde behauptet, die ägyptischen Grabstätten nachempfundene Form rühre daher, dass die Markgrafen von Baden dem Gedankengut der Freimaurerei nahe stünden. Bekannt ist, dass Badens erster Großherzog Karl Friedrich (im Amt bis 1811) Mitglied einer englischen Freimaurerloge war. Die Entstehungsgeschichte der Pyramide, unter der der Stadtgründer Carl Wilhelm begraben liegt, ist eher trivial: Weil der großherzogliche Baumeister Friedrich Weinbrenner die am Karlsruher Marktplatz stehende Konkordienkirche, unter der Markgraf Carl Wilhelm 1738 bestattet wurde, 1807 abreißen ließ, begann dort ein lange währendes Provisorium. Die Gruft, gut 100 Meter südlich des Schlosses gelegen, war nur notdürftig abgedeckt worden. "Die wahre Geschichte" sei ernüchternd profan, sagt der Architekturhistoriker Gerhard Kabierske vom Südwestdeutschen Archiv für Architektur und Ingenieurbau, das Teil des Karlsruher Instituts für Technologie ist. Was manche Karlsruher nicht davon abhält, immer wieder einen tieferen Sinn oder gar geheimnisvoll mystische Verbindungen in der Pyramide zu suchen. "Abenteuerliche Achsen, die eine Verbindung mit der Cheops-Pyramide in Ägypten herstellen wollen", sind laut Kabierske ebenso bemüht "wie Spekulationen um ein Symbol des Freimaurertums".

Nach dem Abriss der Kirche war das Grabmahl des Stadtgründers längere Zeit von einem zeltartigen Provisorium aus Holz überdeckt. Die Gruft war mit Ziegelstein und Beton eingefasst, die geplante Überbauung verursachte einen langen Streit. Baumeister Weinbrenner, der seit 1801 das staatliche Bauwesen des Großherzogtums leitete, und reichlich spät (1823) mit dem Bau einer Pyramide begann, hatte Altägyptisches rezipiert – was laut Kabierske zu seiner Zeit "alle Bereiche der Kultur vom Theater über Malerei bis zur Architektur durchdrang".

Zu dieser Auffassung gibt es Widerspruch: "Die Pyramide hat zumindest nach allgemeiner Wahrnehmung einen Bezug zur Freimaurerei", sagt der Architekt und Stadtplaner Hans Robert Hiegel, der sich intensiv der Geschichte der Freimaurerei widmete. Auch der fächerartige Grundriss Karlsruhes habe durch seine Geometrie einen deutlichen Bezug zur Freimaurerei. Die Pyramide auf der amerikanischen Ein-Dollar-Note gebe ebenfalls zu Spekulationen Anlass, meint Hiegel. Jedenfalls ist Karlsruhes Pyramide die einzige aus Stein mitten in einer Stadt. Im Internet halten sich hartnäckig Einträge zu mutmaßlichen Geheimbünden. Die 1907 in Karlsruhe gegründete Johannisloge trägt den Zweitnamen "Zur Pyramide".

Gerhard Kabierske bleibt skeptisch: "Die Bauarbeiten für den Tunnelbau haben auch die Legende, die Pyramide setze sich unter der Erde in gigantischen Dimensionen fort, längst Lügen gestraft." Derzeit wird dem 6,81 Meter hohen und am Sockel 6,05 Meter breiten Sandstein der letzte Schliff verpasst. Seit Juni schon ist die Holzverschalung entfernt. Fachleute werkeln hinter milchigen Netzen auf Gerüsten an dem Dreiecksbau. Da gehe es vor allem um die Sanierung und Reinigung des Sandsteingemäuers sowie die Herrichtung des Sockels. "Dies sollte Ende September erledigt sein", sagt Karlsruhes Baudezernent Michael Obert, für den die Pyramide "Heimat pur" ist. Beim Stadtfest im Oktober soll das Wahrzeichen mit einer Inszenierung "neu ins Blickfeld" gerückt werden.