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26. Januar 2010
Auschwitz-Jahrestag
Zeugen Jehivas: Der Landtag erinnert in Freiburg an die NS-Opfer
Der Landtag erinnert am Mittwoch in Freiburg an die NS-Opfer / Im Mittelpunkt stehen erstmals die Zeugen Jehovas
STUTTGART. Elisabeth Emter ist 33, als sie vergast wird. Ihre Leidenszeit begann 1940 im Gefängnis in Freiburg, es folgten zwei Jahre im Konzentrationslager Ravensbrück. Zuletzt war die sechsfache Mutter Insassin der "Heilanstalt Bernburg". Sie wurde von den Nazis ermordet, weil sie ihren Glauben leben wollte. Elisabeth Emter war Zeugin Jehovas.
Marlis Meckel, die lange als Psychotherapeutin in Freiburg gearbeitet hat und der Stolperstein-Initiative angehört, spricht von einer exemplarischen Geschichte. Sie hat sie – wie viele andere Schicksale – in einem Buch festgehalten. In einer kleinen Ausstellung im Freiburger Konzerthaus, die am Mittwoch die offizielle Gedenkfeier für die Opfer des Nationalsozialismus in Baden-Württemberg begleitet, wird auch an Elisabeth Emter erinnert. Und damit an alle Zeugen Jehovas, die unter dem NS-Regime verfolgt wurden.
Zum 15. Mal wird am 27. Januar, dem 65. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz, der Opfer gedacht. Und zum ersten Mal im Land ganz besonders jener Gruppe, die, im KZ mit einem lila Winkel gebrandmarkt, aus Glaubensgründen Hitler nicht Tribut zollen, den Arm nicht zum "deutschen Gruß" heben, die Waffen nicht anrühren wollte: den Zeugen Jehovas. Landtagspräsident Peter Straub trifft sich seit Jahren mit Vertretern der Opfergruppen, um gemeinsam den Gedenktag zu planen. So auch im Juli vergangenen Jahres. Juden, Sinti und Roma, politisch Verfolgte, Zwangsarbeiter, Euthanasie-Opfer standen schon im Mittelpunkt des Erinnerns. Dieses Jahr sollen es die Zeugen Jehovas sein.
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An ihrer systematischen Verfolgung durch die Nazis besteht kein Zweifel. Im Juni 1933 wurde die Ende des 19. Jahrhunderts in den USA gegründete christliche Religionsgemeinschaft verboten. Mit ihrer Auffassung, dass Staat und Kirchen des Satans seien, brachte sie das NS-Regime gegen sich auf. Weil sie nicht abschwören wollten, wurden die Bibelforscher, wie sie sich zeitweise selbst nannten, Schritt für Schritt aus dem öffentlichen Leben gedrängt, verloren Arbeit, Beamtenstatus, Genehmigungen, Eigentum, viele am Ende die Freiheit, an die 1500 das Leben.
Detlef Garbe, Leiter der KZ-Gedenkstätte Neuengamme, hat über das Schicksal der Zeugen Jehovas im Nationalsozialismus promoviert. "Zwischen Widerstand und Martyrium" heißt auch sein Vortrag, den er auf Einladung Straubs halten wird. Um die Opferrolle weiß Garbe genau. Aber auch, dass "die couragierte Haltung der Zeugen Jehovas sich als Leitbild in einer demokratisch verfassten Gesellschaft nur bedingt eignet. Ihr Handlungsmotiv war die Loyalität zur Theokratie, nicht die Wiedererlangung von Freiheit und Demokratie." Hier sehen manche Anlass, den Bogen in die Gegenwart zu schlagen. "Eine unglückliche Planung" nennt FDP-Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke immer noch, dass ausgerechnet jetzt die Zeugen Jehovas mit ihren mehr als 30 000 Mitgliedern im Land im Mittelpunkt des Gedenkens stehen. Im Mai war bekannt geworden, dass an deren Anerkennung als Körperschaft des öffentlichen Rechts wohl kein Weg vorbeiführt. Nach höchstrichterlichem Urteil schickte sich nicht nur das Land Berlin ins Unabänderliche. Zehn andere Länder folgten. Nur weil die geplante rechtliche Gleichstellung der Sekte mit den Kirchen Widerstand in allen Fraktionen des Landtags hervorrief, steht die schon vorbereitete Entscheidung noch aus. Rülke macht, wie Justizminister Ulrich Goll auch, erhebliche Bedenken gegen bestimmte totalitäre Tendenzen bei den Zeugen Jehovas geltend, die an ihrer Rechtstreue zweifeln ließen. Die Ablehnung demokratischer Wahlen stößt Kritikern ebenso auf, wie das Verbot, sich Bluttransfusionen geben zu lassen, das im Land mindestens in einem Fall 2001 den Tod eines Jugendlichen begünstigte.
Auch Straub ist dafür, den Anspruch der Zeugen Jehovas gerichtlich klären zu lassen. Die Veranstaltung am Mittwoch, bei der auch der Leiter des Informationsbüros der Zeugen Jehovas, Wolfram Slupina, ein Grußwort sprechen wird, sieht der Landtagspräsident losgelöst von dem Begehren.
Elisabeth Emters Sohn Hermann, an dessen zehntem Geburtstag die Mutter von der Gestapo abgeholt wurde, hat kein Verständnis dafür, "dass man Sekten stärker macht". Seiner Mutter sei doch zum Verhängnis geworden, dass sie bis zum bitteren Ende von der Lehre nicht abgewichen sei, sagt der 79-Jährige. "Sie war gefangen in ihrem Glauben."
Autor: Bettina Wieselmann
