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10. Februar 2012
MENSCHEN VON HIER: Proteste und Predigten
Vor 40 Jahren startete in Weisweil die Anti-Atomkraftbewegung / Günter Richter, Pfarrer im Ruhestand, erinnert sich.
WEISWEIL. Die Nachricht, die alles verändert, trifft spät abends ein und ist streng geheim. Ihr Inhalt: Die Landesregierung beabsichtige, das geplante Atomkraftwerk von Breisach nach Wyhl zu verlegen. Günter Richter, damals, im Februar 1972, Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde im vom Bauvorhaben unmittelbar betroffenen Nachbarort Weisweil, wird durch die Enthüllung über Nacht zu einem der Motoren der Anti-Atomkraft-Bewegung. Selbst spricht der Gottesmann 40 Jahre später bescheiden von sich als kleinem Rädchen im Getriebe der Bewegung.
Als Aktivist hat sich der heute 78-Jährige nie verstanden. Auch vor den Karren einer Partei wollte er sich nie spannen lasen. Seine Rolle war stets die des Vermittlers, sein Ziel der friedliche Protest. Und doch kommt ihm in der Geschichte der Bewegung eine Schlüsselrolle zu: Weil er sich zwar mit der Schöpfung auskennt, nicht aber mit ihrem elementaren Kern, lädt er am 8. Februar 1972 den Atomphysiker Professor Hans Klumb zu einem Vortrag ins Gemeindehaus ein. Der Experte referiert über "Die Zukunft Weisweils im Schatten der Atomkraftwerke." Für Richter ist es ein Erweckungserlebnis, die regionale Anti-Atomkraftbewegung feiert das Ereignis als ihre Geburtsstunde. Günter Richter erinnert sich: "Die Formeln sagten mir nichts, aber die Aussage, dass Atomkraft von Menschen nicht beherrschbar ist, hat mich tief berührt." Der Vortrag Klumbs bleibt nicht ohne Wirkung, es folgen weitere Informationsveranstaltungen, die über die Risiken der Kernkraft aufklären, Bürgerinitiativen gründen sich entlang des Oberrheins in Baden und im Elsass, die Anti-Atomkraftbewegung nimmt Fahrt auf, die Region ist in Bewegung.
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Auch die Schreckensmeldungen überschlagen sich: Im Juli 1973 wird Wyhl als Standort offiziell benannt, im Sommer 1974 werden die Pläne für ein Bleichemiewerk im elsässischen Marckolsheim veröffentlicht. Der Ton verschärft sich. Richtig brenzlig wird es am 18. Februar 1975. Günter Richter kehrt an diesem Tag spät nachmittags aus Heidelberg zurück, die Familie sitzt noch an der Kaffeetafel. Wieder erreicht den Pfarrer eine Nachricht, die nichts Gutes verheißt: "Es braut sich was zusammen." Im Wyhler Wald spitzt sich die Lage zu. Polizei und Bauplatzbesetzer stehen sich gegenüber. Als Richter eintrifft, wird ihm die bedrohliche Lage erst so richtig klar: "Frauen mit Kindern standen einsatzbereiten Wasserwerfern gegenüber", erzählt er. In dieser Situation denkt er an die Maximen Martin Luther Kings: Er will die Stimme derer sein, die keine Stimme haben. Die Vermittlerrolle behält er auch später bei, nicht um sich rauszuhalten, sondern weil er daran glaubt, das Richtige zu tun. Als Pfarrer und als Mensch.
Nie kommt er im Talar auf den Bauplatz, der gehört für ihn ausschließlich in die Kirche. Dafür sind seine Gottesdienste in dieser bewegten Zeit stets gut besucht. Auch Politiker interessieren sich mit einem Mal für seine Predigten, einmal wird er sogar als Unruhestifter beim Landesbischof angeschwärzt. "Das musste man auch aushalten – einfach war das nicht. Oft hatte ich das Gefühl zwischen den Stühlen zu sitzen."
Irgendwann hat ihm dann jemand gesagt, dass er da genau richtig sitze. So steht nun auf dem Gedenkstein, der Anfang dieser Woche zum 40. Jahrestag vor dem Gemeindehaus in Weisweil eingeweiht wurde, ein Satz, der zu Günter Richter passt: Widerstand der Schöpfung zuliebe.
Autor: Julia Jacob
