Rasanter Wandel

René Zipperlen

Von René Zipperlen

So, 14. Oktober 2018

Südwest

Der Sonntag Zu Besuch beim Gastland Georgien auf der Frankfurter Buchmesse mit einer Freiburger Autorin aus Tiflis.

René Zipperlen
Wer kennt schon Amiran? Die Sagenwelt Georgiens steht hierzulande auf keinem Lehrplan. Dagegen der Mythos vom Halbgott, der den Menschen erst das Feuer brachte und sich dann gegen die Götter auflehnte, bis diese ihn an einen Felsen im Kaukasus ketteten, wo ihm jeden Morgen ein Adler die frisch nachwachsende Leber aus dem Leib fraß. Prometheus, ewig leidend. In Georgien, wo dieser Felsen stehen soll, heißt er Amiran, und von ihm erzählt eine der Tafeln, die in großen, geschwungenen Buchstabenskulpturen den Auftritt des Gastlandes auf der Frankfurter Buchmesse prägen. Gestalterisch ein echter Coup. Der dazugehörende Slogan "Made by Characters" sowieso.

Denn das englische "characters" meint nicht nur Menschen, sondern auch Buchstaben. "Das Alphabet ist das Beste, was man hätte nehmen können." Ketevan Bachia aus Freiburg sagt das nicht, weil sie selbst Autorin ist: Das 33 Buchstaben umfassende georgische Alphabet mit seinen verwunschen ausschwingenden Lettern hat dem Land seine Eigenständigkeit selbst unter der 70-jährigen russischen Herrschaft bewahrt. Seit mindestens 1600 Jahren in Gebrauch, besitzt Georgien dadurch eine durchgehende literarische Tradition von großem Reichtum.

Während Bachia Tafeln über Künstler, Gebräuche, Geschichte und natürlich Essen erläutert, erkennt sie die Stimme von Davit Gubania, der auf dem Podium über sein gerade übersetztes Buch spricht. In der weißen Spirale, in der Designer George Bokhua die eigentliche Bücherausstellung ein wenig versteckt untergebracht hat, greift Bachia später ins Regal und empfiehlt Gubanias "Farben der Nacht" über einen homosexuellen Politiker, der als Vertreter der alten Garde nicht offen lieben kann.

Auf der zweiten Bühne stellt Andreas Oetker-Kast den Bildband "Tamar, where are you?" vor und Ana Kordzaia-Samadashwili ("Ich, Margarita") erklärt wehmütig ihre Liebe zu diesem Titel, der auf das Goldene Zeitalter im späten 12. Jahrhundert verweist, als Georgien erstmals eine Königin verehrt und sich dem byzantinisch-christlichen Westen zuwendet. Damals entstand auch Shota Rustawelis Nationalepos "Der Recke im Tigerfell". Am Bücherstand blättert Ketevan Bachia im Bildband mit dem Essay "Verlorene Paradiese": Zwei Silhouetten überqueren auf einem Betonwasserrohr einen Fluss, eine junge Frau im Kleid, die einer gebückten Alten über diese prekäre Brücke hilft. Zwei Jungs in selbst genähten Schuhen. Alte Männer in abgewetzten Jacketts, alte Frauen mit Kopftüchern. "Das ist das Georgien, das ich meine, wenn ich von meiner Heimat spreche."

Es ist vielfach Thema hier in Frankfurt, auch bei Nino Haratashwili, deren auf Deutsch verfasster Roman "Die Katze und der General" auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis steht. Sie beschreibt, wie sie erst durch den fremden Blick einer Besucherin viele Besonderheiten ihrer alten Heimat erkannte. Fremdes und Vertrautes, Exotismus und Nostalgie – viele dieser Schlagwörter fallen an diesem Donnerstag über die Beziehung zu einem Land zwischen Europa und Asien. Und das, so Haratshiwili, nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem Bürgerkrieg noch immer versucht, seine Identität zu finden.

Wenn Ketevan Bachia heute nach Tiflis fährt, sagt sie, fahre sie in ein "völlig anderes Land". Georgien verändere sich rasant und habe dabei viel westliche Kultur übernommen. Dabei staunt sie über die eigene Nostalgie und den Wunsch, Altes zu bewahren: "In all dem Wandel in diesem eigentlich konservativen Land geht für mich etwas verloren. Was ich als Heimat zurückgelassen habe, ist wie die Menschen kaum wiederzuerkennen."

Das Tempo der Veränderung beschreibt auch Tamar Tandaschwili: "Wir haben den Diskurs, der im Westen seit Jahrzehnten geführt wird, innerhalb von fünf Jahren aufgeholt." Aus den USA zurückgekehrt, beschreibt sie aber in "Löwenzahnwirbelsturm in Orange" selbst im lebensfrohen Tiflis weiter ein konservatives Patriarchat an den Hebeln, das Frauen und Homosexuelle mit Gewalt unterdrückt.

Allerdings kann man heute auch im konservativ geprägten Georgien Gender Studies studieren. Tamta Melaschwili zog dafür noch nach Budapest. Heute lebt sie wieder in Tiflis, 2013 erhielt sie für "Abzählen" den deutschen Jugendbuchpreis. Für das von Haratashwili kuratierte Buchprojekt "Georgien. Eine literarische Reise" fuhr sie mit Ulla Lenze nach Kachetien. In einem anderen Autorentandem stieg Archil Kikodze ins Hochland Tuschetiens an der russischen Grenze. Besonders nachdrücklich schildert er den Besuch bei den in ärmlicher Einsamkeit hausenden Schafhirten, die mit Brot, Käse und Strömen von Schnaps (aus Patronenhülsen) eine georgische Supra improvisieren. Für die große Tafel muss aufgefahren werden, was die Küche hergibt, und getrunken, was sich destillieren lässt: Schließlich braucht es Treibstoff für die Tischreden: über die Gäste, Verstorbene, Helden, Natur, die Liebe, das Essen, den Wein. In oft hochpoetischer Form, bis der Tresterschnaps Tschatscha das Kommando übernimmt.

Ketevan Bachia folgte vor 20 Jahren ihrem Bruder nach Deutschland – wie viele Georgier, denn hier gab es zuerst europäische Visa. Sie begann ein neues Leben in Freiburg, studierte katholische Theologie. Freiburg entwickelte bald eine besondere Bindung zu Georgien. Zuerst am Ball: Kobiashwili, Tskitishwili, Iashwili, Tobias Willi, die Georgier (und Fastgeorgier) des SC sind bis heute Kult. Nino Haratashwili war mehrfach am Theater zu Gast, es gibt einen deutsch-georgischen Chor, und der Film "Weit" der Freiburger Weltreisenden Gwendolin Weisser und Patrick Allgaier hat keinen geringen Anteil am Boom, den das Land derzeit erfährt. Maia Koberidze, Musikerin im Städtischen Orchester, lädt ab 26. Oktober wieder zur Georgischen Woche, dieses Jahr mit einem literarischen Schwerpunkt, den Nino Haratshwili eröffnen wird. Im Frankfurter Bücherregal entdeckt Ketevan Bachia auch Archil Kikodze, der seinen Roman "Der Südelefant" ebenso in Freiburg vorstellen wird wie Zurab Karumidze "Dagny", in dem ein junger Revolutionär für Ärger sorgt, der sich später Stalin nennt.

Was es in Freiburg hingegen nicht gibt: ein georgisches Restaurant. Dabei kann man die Bedeutung des Essens kaum überschätzen. Die Küche kennt großartige Köstlichkeiten, und die echte Supra ist mit ihren Ritualen Weltkulturerbe. Zwingend sind die buttrigen Käsefladen Chatschapuri, die gegarten Teigtaschen Chinkali, Spinat- und Rote-Bete-Pchrali, wichtig Zutaten wie Bockshornklee, Granatapfelsamen, Walnüsse, Koriander. Und Gewürzmischungen wie Adjika. Ketevan Bachia hat über "Die Küche meiner Mutter" ein Buch mit Erzählungen verfasst. Bis auf die Rezepte ist es fertig. "Ihr bestes Rezept wollte meine Mutter aber nicht einmal mir verraten." Irgendwann gab sie nach. "Für das Buch bleibt ihr Adjika aber absolut tabu."

Ab 18 Uhr werden an den Messeständen die Sektflaschen für die informellen Verlagsempfänge geöffnet, und Bachia besucht einen Stand georgischer Weingüter. An einem steht sie am Samstag selbst, denn der Winzer ist ihr Bruder. Eigentlich Künstler, hat er ein Landgut gekauft und begonnen Wein wie in uralten Zeiten herzustellen. "Auf eine Art und Weise, die selbst die Alten im Dorf nicht mehr kennen", sagt Bachia. Ungefiltert reift sein Biowein in tönernen Amphoren in der Erde. Quevri, wie diese alte Kunst heißt, gehört zum immateriellen Kulturerbe der Unesco. Archäologen haben Spuren von Winzern entdeckt, die aus dem achten Jahrtausend vor Christus stammen sollen. Mehr als 500 eigene Rebsorten sind bekannt.

Eigentlich hatte Bachia gehofft, ihren Romanerstling "Das Unwettermädchenbuch" auf der Buchmesse präsentieren zu können. Doch der autobiografische Briefroman liegt noch bei ihrer Agentin. Für Lesungen unterwegs war sie dieses Jahr mit "Nanuli", ihrer Erzählung aus der Georgien-Anthologie "Bittere Bonbons" (Edition Fünf). Auch hier geht es um das Fremde und das Eigene – nicht immer versöhnlich. Den Unterschied zwischen ihren beiden Kulturen fasst Nanuli in das Bild vom Selbstmord Kleopatras. Wäre sie Deutsche gewesen, hätte sie erst noch den Palast aufgeräumt. Als Georgierin jedoch sieht Nanuli die Königin "sich in ein Fass voller Honig und Bienen legen, im langen Kleid, mit langen offenen Haaren, süß-scharf sterbend".