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08. Juli 2011 21:56 Uhr

Hotzenwald

Rickenbach: Ein Bürgermeister ohne Bürger

Einst war er als Hoffnungsträger in Rickenbach gestartet. Inzwischen droht Norbert Moosmann und dem Städtchen eine Scheidung mit Schrecken. Der Bürgermeister hat den Rückhalt seiner Bürger verloren.

  1. Idyll mit Skandal: Rickenbach im Hotzenwald Foto: Mielcarek

Wenn doch alle zwischenmenschlichen Konflikte in Rickenbach im Hotzenwald so leicht zu lösen wären: "Herr Brüggemann, die Hannah sagt immer, sie würde viel schöner schreiben als ich." – "Ja, aber du bist ja auch erst in der zweiten Klasse, die Hannah ist doch schon in der vierten." – "Das stimmt." Die blonde Lene lacht wieder und trollt sich mit ihren Freundinnen über den Schulhof davon.

Der Pfarrer der evangelischen Gemeinde Rickenbach, Wilhelm Brüggemann, zwinkert beglückt über den kleinen Schlichtungserfolg, dann wird sein Blick wieder finster. Der 59-Jährige hat derzeit nicht viel zu lachen in seiner 600 Seelen zählenden Rickenbacher Gemeinde. Brüggemann steht machtlos vor einem Scherbenhaufen.

"Es müsste ein Wunder geschehen, dass sich die Seiten wieder annähern." Wenig Hoffnung bei Pfarrer Brüggemann
Im Streit zwischen Bürgermeister Norbert Moosmann und der Gemeinde Rickenbach haben beide Seiten viel Porzellan zerschlagen. Soviel, dass der gemütliche Pfarrer mit dem grauen Haar und den kleinen sanftmütigen Augen einen Satz sagt, den man einem christlichen Seelsorger kaum zutraut: "Die Zeit für Gespräche ist vorbei. Es müsste ein Wunder geschehen, dass sich die Seiten wieder annähern." Denn Norbert Moosmann ist ein Bürgermeister, den seine Gemeinde nicht mehr will.

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Der Verlauf des Verhängnisses ist bekannt: Im Winter 2006/2007 startete der damals 36-Jährige aus Freiburg schwungvoll in den Wahlkampf. Er war eloquent, gesellte sich überall gern dazu. Im zweiten Wahlgang gewann er souverän mit 60 Prozent der Stimmen. Von da an ging es bergab mit Moosmanns Amtszeit. Schon bei seiner Antrittsrede trat er das erste Mal in den Fettnapf. Er versprach "aufzuräumen mit der Vetterleswirtschaft".

Der Tiefpunkt: Umzug nach Bad Krozingen

Unter Moosmann verabschiedete sich ein beliebter Rathausmitarbeiter vorzeitig in den Ruhestand, einen anderen schasste er. Das Echo auf Moosmanns Aktionismus fiel heftig aus: eine tote Maus per Post, das Auto beschmiert, Morddrohungen. Als Moosmann von Rickenbach ins 90 Kilometer entfernte Bad Krozingen zum Lebenspartner zog, schäumten die Bürger.

Das war der Tiefpunkt. Pfarrer Brüggemann formuliert es diplomatisch: "Der Umzug war ein sehr schlechtes Zeichen an die Bürger von Rickenbach." Psychisch angeschlagen fiel Moosmann knapp ein Jahr lang aus.

Fingiertes Attentat auf Moosmann

Vergangene Woche wollte er wieder schrittweise mit der Arbeit im Rathaus beginnen – und gleich krachte es von neuem. Die Attrappe eines Molotow-Cocktails flog am Sonntagabend durch das geöffnete Fenster seines Büros.

Moosmann wollte flüchten – scheiterte aber an der mit einem Keil von außen blockierten Rathaustür. Die Polizei befreite ihn, Moosmann kam erneut ins Krankenhaus. Seither schießen in Rickenbach die Spekulationen ins Kraut. Könnte Moosmann die Drohungen und Anschläge selbst inszeniert haben? Moosmann will sich zu dem Vorwurf nicht äußern.

Polizei hüllt sich noch in Schweigen

Des Rätsels Lösung könnte eine Videoaufnahme bringen. Die Überwachungskamera eines benachbarten Geschäfts zeichnete auch am vergangenen Sonntag das Geschehen rund um das Haus auf – am Rande des Bildfelds aber auch das, was sich rund ums Rathaus tat. Was nun für einzelne Bürger Anlass für eine Beschwerde beim Datenschutzbeauftragten ist, liefert der Polizei möglicherweise die Identität des Attrappenwerfers frei Haus. Aber was genau zeigen die Bilder?

Die Polizei macht daraus weiterhin ein großes Mysterium. In einer knappen Mitteilung gab die Waldshuter Polizei lediglich Bruchstückhaftes bekannt. Eine BMW-Limousine habe vor dem Rathaus gehalten, ein Mann mit weißer Kappe und weißer Jacke sei ausgestiegen und kurze Zeit später wieder davongefahren. Auch Moosmann fährt einen BMW. Dass es sein Wagen sein könnte, wird aber ausgeschlossen. War es Moosmanns Lebensgefährte? Weil die Polizei nur so wenig sagt, lässt sie den Mutmaßungen an den Stammtischen im Ort viel Raum.

Moosmann hat scheinbar seine letzten Sympathisanten verloren

Es scheint, als habe Moosmann selbst seine letzten Sympathisanten verloren. Sogar an seinem Arbeitsplatz scheint er auf verlorenem Posten zu stehen. Wer durch die Glastür des unscheinbaren Rathauses an der Hauptstraße geht und mit den Mitarbeitern spricht, spürt sofort die schizophrene Stimmung. Eigentlich will niemand etwas sagen. Wer es doch tut, sagt, man verhalte sich neutral, bei manchen klingt es eher nach falscher Loyalität.

"Man findet sie nicht mehr, die Unterstützer von Moosmann." Pfarrer Brüggemann
Rückendeckung sieht jedenfalls anders aus. Einzelne lassen sich zu einer Diskussion um die Grundsätze des guten Journalismus hinreißen. Zu oft gerieten sie im Fall Moosmann in die Klauen der Medien, die ihnen die Worte im Mund verdrehten. Jeder wolle doch eigentlich nur seine Arbeit machen.

Immer wieder sind auch Fernsehteams im Ort unterwegs. Vor dem zentralen Supermarkt in Rickenbach interviewen sie die Einwohner. In den Beiträgen, die später gesendet werden, ist dann die Rede vom Konflikt, der die Lager teilt. Kameraleute könnten in Rickenbach den Dorfbach filmen.

Er fließt am Supermarkt vorbei mitten durch den Ortskern. Das Bild vom gespaltenen Rickenbach wäre denkbar – aber falsch. Denn in Rickenbach ist die Entwicklung schon weiter. Es scheint, als stünden die Bürger vereint gegen ihren Bürgermeister. "Man findet sie nicht mehr, die Unterstützer von Moosmann", sagt Pfarrer Brüggemann.

Wie es weitergeht in Rickenbach, weiß niemand. Klar ist nur: So kann es nicht weitergehen. Aber vielleicht geschieht ja doch noch das Wunder. Pfarrer Brüggemann betet jeden Abend darum und dass der Wunsch seiner Gemeinde in Erfüllung gehen möge: ein bisschen Ruhe für Rickenbach.

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Autor: Bastian Henning