Musik

Ewig ist der Blues, alterslos der Rock: Die Stones in Stuttgart

Gabriele Schoder

Von Gabriele Schoder

So, 01. Juli 2018 um 20:14 Uhr

Rock & Pop

Je länger der Abend, desto größer die Vitalität der alten Herren: Das Konzert der Rolling Stones in Stuttgart verfolgten gut 40 000 Menschen.

Sie sind wieder da. Nein, immer noch. Nur älter. Mit den gleichen Songs – nur älter –, angefangen beim Bluesrock-Titel "Street Fighting Man", mit dem sie vor einem halben Jahrhundert gegen den Vietnamkrieg protestiert haben und der jetzt ihr Konzert in der Stuttgarter Mercedes-Benz-Arena eröffnet. Man könnte den Song vom Musiker als verhindertem Straßenkämpfer, der nur von der Bühne aus zur Palastrevolte aufrufen kann, sogar für politisch aktuell halten. Wenn sie ihn nicht seit Jahren so zuverlässig wie erwartbar auf der Setlist hätten. So ist er eine Art Selfie der Rolling Stones, Visitenkarte ihrer Selbstinszenierung.

Erst recht natürlich die nächste Nummer, die Mick Jagger – knallbunter Blouson, knallenge schwarze Jeans – über die Bühne fetzt, Körper wie Stimme raumgreifend und durchtrainiert: "It’s Only Rock’n’Roll (But I Like It)". Es war schon 1974, als die "Glimmer Twins" Mick Jagger und Keith Richards das Album produzierten, nicht "nur" Rock’n’Roll, sondern lässig-ironischer Ausdruck eines kommerziellen Kalküls – wenngleich natürlich noch nicht abzusehen war, dass diese Band zur Legende würde und zur Ikone des Stadionrock. Der übrigens in Deutschland genau hier begann: Im Juni 1976 spielte im Neckarstadion, wie es damals hieß, mit den Stones zum ersten Mal eine Rockband in einer Fußballarena. Der Eintritt soll 20 Mark gekostet haben – diesmal waren es 350 bis 800 Euro...

Die Hitparade wird nie bloß abgenudelt

Und doch ist das Stadion ausverkauft, was soll der Geiz, mögen sich die gut 40 000 gedacht haben, man weiß ja nicht, wie lange sie noch da sind, die Heroen: Mick Jagger wird am 26. Juli 75 Jahre alt, Keith Richards ist 74, Ron Wood 71, Charlie Watts 77. Und sollte dies ihr letztes Konzert gewesen sein, war man wenigstens dabei. Das wollen auch Jüngere: Die meisten im Stadion könnten Jaggers Kinder sein, viele sogar seine Enkel. Es ist ein eigentümlich altersloser Abend, auch wenn die faltigen Hälse und zerfurchten Gesichter, die die vier himmelhohen Videowände gnadenlos ins Bild setzen, eine andere Sprache sprechen. Während die Hitze des Sommertages langsam freundlicher Milde weicht, heizen da vorne die Stones und ihre formidablen Begleitmusiker mit immer entfesselterer Energie ein.

Die Arena geht mit, der pensionierte Lehrer im Rauschebart ebenso wie das junge Mädchen auf den Schultern ihres Freundes, und bei "Let’s Spend The Night Together", dem Wunschtitel des Publikums, singen zigtausend Kehlen mit. Das wird bis zum Finale mit "Satisfaction" so bleiben, kein Wunder, ist doch jedes Stones-Konzert eine Hitparade der todsicheren Nummern: "Honky Tonk Women", "You Can’t Always Get What You Want", "Jumpin’ Jack Flash", "Gimme Shelter" und und und. Euer Stadion, scherzt Jagger auf Deutsch, hat ja immer neue Namen, aber unsere Songs sind immer die gleichen. Ein neuer immerhin ist auf der Setlist, "Ride ’Em On Down" aus dem jüngsten Album "Blues and Lonesome"(2016) – aber der ist ein Cover von Jimmy Reeds uraltem Bluesklassiker von 1955.

Ein rollender Stein setzt kein Moos an

Ewig ist der Blues, zeitlos der Rock. Und natürlich dürfen sich die Stones bei den Klassikern bedienen. Sie gehören ja längst selbst dazu. Auf wen bitteschön könnte Bob Dylans "Like A Rolling Stone", der zweite Cover des Abends, auch besser passen als auf sie? Ein rollender Stein, sagt das englische Sprichwort, setzt kein Moos an. Scheint geradezu das Motto zu sein für die unermüdlich tourende dienstälteste Boygroup der Welt. Sicher, Watts drischt das Schlagzeug mit fast entrücktem Lächeln und presst die Lippen übers Gebiss. Ja, Richards müht sich in den obligatorischen beiden Nummern als Leadsänger um die punktgenauen Einsätze, was "You Got The Silver" aber umso berührender macht. Okay, Wood wirkt in der Altherrenriege wohl nur deshalb wie das Nesthäkchen, weil er es halt ist.

Sir Mick jedoch hat offenbar noch gar kein Härchen Moos angesetzt: ein Shouter, dessen metallisches Organ immer noch jedes Gitarrengewitter übertönt, ein drahtiger, wild gestikulierender, genüsslich arroganter Poser, dessen Hüftkreisen noch immer nicht peinlich ist, ein Entertainer im fliegenden Wechsel der Outfits – rot, pink, glitzer und schwarz. Auf dem 26 Meter langen Bühnensteg, der wie eine Zunge ins Publikum leckt, rock’n’rollt er lustvoll hinein zwischen die betörten Fankörper. Und je länger der Abend dauert, umso mehr Spaß und Vitalität scheint der Frontmann zu tanken.

Die Show ist ebenso schlicht wie stark

Das ist überhaupt das Phänomen dieses Konzerts: Die Stones nudeln ihre tausendmal gespielten Hits in keiner Sekunde bloß runter. Unterstützt von einer ebenso schlichten wie starken visuellen Show aus historischen Aufnahmen, Collagen, monochromen Knallern und sanft psychedelischen Strudeln – die post-pubertären Sperenzchen ihrer frühen Shows wie aufblasbare Riesenpenisse haben die Briten längst hinter sich gelassen –, wird so mancher Song zur Session, zum Ereignis. Schwarz-weiße Bilder bei "Paint it Black", Höllenfeuer bei "Sympathy For The Devil", neonbunte Frauengesichter à la Warhol bei der Poprock-Nummer "Miss You", die auf hochenergetische neun Minuten getrieben wird. Der "Midnight Rambler" kommt gar auf zwölf, ein Highlight des Abends, mit schönen Soli, etwa vom hinreißenden Bassisten Darryl Jones, und mit orgiastischen Farberuptionen auf den LED-Wänden.

Am Ende, wenn sich die Stones nach etwas mehr als zwei atemlosen Stunden artig vorm erschöpften Publikum verbeugen, scheinen sie aus Stuttgart, ihrer Station zwischen Marseille und dem Tourneefinale in Warschau, tatsächlich auch selbst eine satte Portion Satisfaction mitzunehmen. Die Fans tun’s auf jeden Fall.