Subversiv im familiären Kosmos

Michael Baas

Von Michael Baas

Sa, 22. September 2018

Theater

Richard Wherlock choreografiert in Basel zu Songs von Velvet Underground "Don’t Tell The Kids".

Die US-Band Velvet Underground ist nicht nur eine Ikone des experimentellen Rock. Das Mitte der 60er Jahre gegründete Quartett um John Cale und Lou Reed ist bis heute ein Inbegriff des subversiven, rebellischen Geistes der Hippiezeit. Dass dieser inzwischen wie selbstverständlich über die einst verschmähten Bühnen des Establishments wabert, ist nur eine Facette des damals auch beschworenen Marsches durch die Institutionen. Richard Wherlock, der Chef des Basler Balletts, verleiht dieser Rezeptionsgeschichte in "Don’t Tell The Kids" eine weitere Note. Für die auf der Kleinen Bühne im Basler Theater uraufgeführten Choreografie nutzt der 60-jährige Brite Songs der Band als Folie tänzerischer Skizzen über die emotionale Dynamik familiärer Systeme, diesen mit der Industrialisierung erst in heutigen Formen entstandenen sozialen Organismen, die auch als Keimzellen biedersinnigen Konformismus gelten.

Subversives und die provokanten Texte der Band über Sex, Drogen und andere Tabubrüche treffen auf Konventionen und reiben sich an diesen: Das ist denn auch eine Linie, die sich durchzieht durch die geschmeidig verbundenen mehr als 15 Miniaturen, die das Ensemble auf der spärlich ausgestatteten Bühne aneinanderreiht. Ein biederes Sofa, zwei ebenso spießige Lehnsessel und ein reichlich altbackener Couchtisch, deren Stellung sich immer wieder ändert, die über die Bühne wandern, kippen, ... Das reicht Wherlock. Damit sowie mittels der sechs Tänzer und Tänzerinnen und deren Typologie – vom väterlichen Hipster über eine Inkarnation der mütterlich strengen Chefsekretärin, von relaxten jugendlichen Schlabberhosenträgern bis zum Girlie im Stil einer Pippi Langstrumpf – kreiert er Bilder und Stimmungen zum Beziehungsleben, vermisst den familiären Kosmos als Landschaft mit Höhen und Tiefen, als Sphäre des (vermeintlich) Unbekannten.

Das beginnt in der ersten Sequenz mit dem leicht bizarr arrangierten Familienfoto, zu dem sich das Ensemble versammelt. Das weitere Geschehen entwickelt sich wie Versuchsanordnungen, die emotionale und soziale Aggregatzustände durchdeklinieren, und verbindet diese augenzwinkernd mit Pointen oder kleinen Gags. Da wirkt Wherlock auch nach mehr als 25 Jahren in Deutschland und der Schweiz noch etwas britisch. Da rivalisieren zwei Männer um eine Frau. Da turtelt ein Paar verliebt in Spielereien. Da ist Krise angesagt, aber auch Versöhnung. Da baggert ein Älterer eine Jüngere an, bis die empörte Lebensabschnittsgefährtin auftaucht. Da keimt gleichgeschlechtliche Liebe. Da sprießen Leidenschaft und Begehren, Wut und Frust. Das oszilliert zwischen Anpassung und Aufbegehren, zwischen dem Anspruch auf Selbstbestimmung und Verobjektivierung, zwischen Annäherung und Abgrenzung, da wechseln kleine Gesten, die auf Autonomie bestehen, mit subtiler Erotik ...

Genaue Rollenzuschreibungen bleiben diffus. Dennoch entwickeln sich narrative Züge fast wie im klassischen Ballett; andererseits hat das Tänzerische dessen formale Fesseln längst abgestreift, swichted in expressiven und freien Körpertanz. Dazu kommt die Magie der minimalistisch vibrierenden Velvet-Songs – von "Candy Says" und "Pale Blue Eyes" bis zu "Femme Fatale" und "I’ll be Your Mirror" – und die aufrüttelnden Geräusch- und Klangcollagen von Max Zachrisson, die das Wohlbehagen gleichsam im Stil der späten Velvet immer wieder zerreißen. Das ergibt kurzweilige – so hörens- wie sehenswerte – 70 Minuten und langen Schlussapplaus: zu Recht.

Aufführungen: 26., 27. September, 4., 7., 11., 19. Oktober, 3. November, 20 Uhr, Tickets: http://www.theater-basel.ch