Vollmondaufgang im Würfel

Boris Burkhardt

Von Boris Burkhardt

So, 02. September 2018

Südwest

Der Sonntag Schlafen unter Sternen (5) Übernachten im Designerzelt "Sleeperoo" im oberen Wiesental.

Es ist Sommer und die Menschen zieht es in die Natur. Wo man auch nachts ein tolles Naturerlebnis haben kann, zeigt Der Sonntag in einer Serie. Heute sind wir auf dem Martererhof in Fröhnd-Oberhepschingen, wo ein Hamburger Start-Up-Unternehmen einen ganz besonderen Würfel aufgestellt hat.

"Sleeperoo" – wer bei diesem Namen an die Kombination der englischen Wörter für Schlafen und Känguru denkt, liegt genau richtig. "Die Endung ’eroo’ hat im eigentlichen Sinne nichts zu bedeuten, suggeriert aber durch die Wortverwandtschaft mit ’kangaroo’ die Geborgenheit wie in einem Känguru-Beutel", erklärt Martina Peters, Kommunikationsbeauftragte des jungen Hamburger Unternehmens gleichen Namens. Zumindest äußerlich hat der Sleeperoo nichts mit einem Känguru gemein: Er ist ein grausilberner Stoffwürfel mit etwa zwei Metern Kantenlänge und großen Panoramafenstern an drei Seiten und im Dach.

In Oberhepschingen, einem der neun Weiler von Fröhnd im oberen Wiesental, steht er auf einer kleinen Kuppe oberhalb zweier Hohlwege auf der Weide. Als wir gegen 19 Uhr ankommen, geht über der westlichen Kimm gerade die Sonne unter. Die Berghänge auf der anderen Talseite, die teils noch zu Fröhnd, teils zur Nachbargemeinde Häg-Ehrsberg gehören, liegen noch in der Abendsonne. Den Schlüssel für den Sleeperoo holen wir drei Häuser weiter auf dem Martererhof, wo Heidrun Glaser und Bernd Marterer mit ihren Kindern zu Hause sind. Sie stellten der Firma Sleeperoo ihre Weide für ihren Schlafwürfel zur Verfügung; Anfang August kam er dort an, reichlich später als angekündigt. Glaser und Marterer, die neben der Landwirtschaft zwei Ferienwohnungen unterhalten, waren zunächst skeptisch, ob das moderne Design in die urige Bergbauernlandschaft passen würde. Heute sind sie froh, beweisen zu können, wie Fortschritt im landwirtschaftlichen Tourismus aussehen kann.

Der Sleeperoo ist mit einem Zahlenschloss gesichert. Zumindest das charakteristische Geräusch beim Öffnen des Reißverschlusses ruft das Camping-Gefühl der Jugend in Erinnerung. Aber wie fühlt es sich denn nun an im Beutel eines Kängurus? An der Ausstattung des Bettes gibt es nichts auszusetzen – gemütlich ist es. Nur mit einem Schlafanzug für die Nacht gerüstet, kommen allerdings die ersten Zweifel, ob man auf rund 600 Metern Höhe diese ohne Frieren durchhalten wird. Die Decken sind laut Hersteller aus Schafschurwolle, die Matratze aus Sojaölkern.

Auch die restlichen Materialien der Innenausstattung seien der Nachhaltigkeit verpflichtet. Zu jeder Übernachtung gehört eine "Chillbox": Darin befinden sich ein paar Bio-Snacks, ein Fläschchen Wein sowie Wasser einer Firma aus Sankt Pauli, die sich weltweit für menschenwürdigen Zugang zu Trinkwasser einsetzt. Auch Kondome sind in der Box – schließlich lädt das "Erlebnisbett" laut Werbetext "zum Kuscheln, Staunen und Träumen" ein.

Den Sleeperoo gibt es mittlerweile an 17 Standorten in Deutschland, im Museum in der Lüneburger Heide, im Hamburger Hafen, auf einer Burg im Nahetal, im Freizeitbad auf Fehmarn, im Kloster im Rheingau oder eben im Wiesental auf der Bergweide. In Fröhnd steht für den Toilettengang eine eigene Örtlichkeit auf dem Martererhof zur Verfügung; Duschen sind für die Übernachtung keine vorgesehen.

Doch nun wird’s Zeit, es sich im Sleeperoo gemütlich zu machen. LED-Lampen in der Ablagefläche am Kopfende des Betts spenden Licht; ihre Laufzeit mit Batterien ist allerdings begrenzt. Doch sollte man das Licht sowieso bald löschen, um den klaren Sternenhimmel über sich genießen zu können. Gegen halb zehn folgt das schönste Erlebnis, als der Vollmond rechterhand über den östlichen Berggrat hervorkommt: Die Sicht wird von keinerlei Gebäuden gestört und lässt einen sofort voller Sehnsucht an Caspar David Friedrich und Matthias Claudius denken. Mit der Schafschurwolldecke bis an die Nasenspitze gezogen schlafen wir ein.

Als wir nach sieben Uhr erwachen, wird sich erst einmal über die Kälte in der Nacht ausgetauscht. Jeder hat sein eigenes Empfinden. Übernachtungsgäste müssen wissen, dass die Innentemperatur der Außentemperatur entspricht, die in dieser Nacht bei zehn Grad lag. Doch jetzt am Morgen scheint die Sonne auf unsere Seite des Tals. Der erste Blick nach draußen fällt auf Bernd Marterer, der gerade seine Kuhherde auf der Straße unterhalb des Sleeperoo vom Stall auf die Weide treibt.
Sleeperoo auf dem Biohof Marterer, Oberhepschingen 3, in Fröhnd. Eine Übernachtung für maximal zwei Personen und ein Kind kostet je nach Wochentag zwischen 90 und 200 Euro und ist voraussichtlich bis Ende September möglich. Weitere Infos: Telefon 07673/8735, http://www.haus-wiesentalblick.de