Vom Umsiedeln und Pflanzen

Annette Hoffmann

Von Annette Hoffmann

So, 02. September 2018

Basel

Der Sonntag Theaterfestival Basel: Ungarische Stücke thematisieren ein Land jenseits Schwarzweiß.

Zwei Produktionen des Theaterfestivals Basel geben Einblick in ein Land, das sich mehr und mehr abschottet. Die beiden ungarischen Produktionen "Imitation of Life" und "Hungarian Acacia" zeigen, dass Kunst mit Poesie und Humor Gegenbilder entwerfen kann.

Gut die Hälfte seiner Produktionen sei nicht in Ungarn, sondern lediglich im Ausland zu sehen, sagte Kornél Mundruczó vor zwei Jahren in einem Interview mit dem Theaterportal "Nachtkritik". Mittlerweile ist die Situation für ungarische Theaterschaffende noch ein bisschen komplizierter geworden.

Doch noch funktioniert es, dass Theatermacher wie Mundruczó mit Hilfe internationaler Festivals inszenieren können. Bei der diesjährigen Ausgabe des Theaterfestivals Basel gastieren gleich zwei Produktionen aus jenem Land, das in Europa wie kein zweites für den aufkommenden Nationalismus steht. Neben Mundruczós Theaterstück "Imitation of Life", dessen Anlass ein Mord an einem Rom war, ist es das "post-faktische-Dokumentarstück" über die ungarische Akazie von Kristóf Kelemen und Bence György Pálinkás.

Was soll man auch machen, wenn die Gegenwart abstrus ist, die finanzielle Förderung durch den Staat auf null steht. Da wird das Subversive zum Einfallstor für Gesellschaftskritik. Er suche Löcher und Risse im Beton der Macht, um die Wasser seiner Kunst dort hineinzuschütten, sagte Kornél Mundruczó im gleichen Interview.

Der Theater- und Filmregisseur, der 2009 das Proton Theatre gegründet hat, das lediglich über eine feste Mitarbeiterin verfügt, ist kein Freund des Schwarzweiß-Denkens. Beim Übergriff auf den jungen Rom stellte sich bald heraus, dass der Angreifer die gleiche ethnische Zugehörigkeit hatte. Und so ist auch der Inkassoeintreiber, der die alte Frau in "Imitation of Life" aus ihrer Wohnung werfen soll, kein Unmensch. Als sie nach einem heftigen Streit um die offenen Rechnungen einen Schwächeanfall erleidet, er den Notarzt benachrichtigt und dieser sich weigert die Roma-Frau sogleich zu versorgen, zerreißt er sein Besuchsprotokoll.

Ungarisches Symbol mit Migrationsgeschichte

Mundruczós 2016 in Wien uraufgeführtes Theaterstück richtet sich jedoch nicht allein gegen Antiziganismus und Gentrifizierung. Es setzt sich auf die Spur jenes Gewaltverbrechens und erdichtet eine Biografie des Täters. Dieser bricht mit seiner Familie, seine Mutter wird vereinsamt in ihrer heruntergekommenen Wohnung sterben. Die Erfahrung von Verrat und Gewalt jedoch setzt sich bei der Nachmieterin fort, die von ihrem Freund geschlagen wird und ihren Sohn verleugnet. Einfache Antworten findet "Imitation of Life" nicht. Dieses Stück, das den Realismus einer Guckkastenbühne nicht allein mit Videoeinspielungen auf den Kopf stellt, ist eben lediglich eine Imitation des Lebens, eine Scheinwelt.

Kristóf Kelemen und Bence György Pálinkás haben mit ihrer Performance "Hungarian Acacia" ein bisschen an den Stellschrauben der Victor Orbán-Republik gedreht. Die Darsteller stehen in solidem Schuhwerk und Latzhosen, die auf Kniehöhe verstärkt sind, auf der Bühne und umsorgen eine eher kümmerliche Akazie. Später werden sie ihr gezeichnete und ausgeschnittene Blätter anheften, ist der Baum doch zu einem ungarischen Symbol geworden. Tatsächlich jedoch kam er im 18. Jahrhundert über Gärten in Frankreich und England nach Ungarn, ursprünglich stammt er aus Amerika. In Ungarn wurde er angepflanzt, um Flugsand zu binden. Trotz einer veritablen Migrationsgeschichte haben sich Ungarns rechtspopulistische Politiker für den Baum eingesetzt, ja ihn zum ungarischen Symbol erklärt, als die Umweltkommission der EU 2014 das Bäumchen zur invasiven Pflanze erklärte. Ein merkwürdiger Schulterschluss gegen die EU kam in Folge zustande. Es lässt sich wohl mit Fug und Recht behaupten, dass in Ungarn kein anderer Flüchtling aktuell derart herzlich aufgenommen wurde.

Die Künstler der Produktion "Hungarian Acacia" beheben das Stigma der amerikanischen Vorgeschichte, indem sie die Akazie in historische Darstellungen einschmuggeln und den Politikern der Fidesz-Partei Statements über die Bedeutung der Akazie und über Migration überhaupt in den Mund zu legen, die aufhorchen lassen.

Die Akazie jedenfalls, die noch nicht einmal eine Akazie ist – eigentlich ist sie eine Robinie –, geschweige denn ungarisch, hat Karriere in Ungarn gemacht. Der ungarische Akazienhonig ist über die Grenzen des Landes bekannt und auch wichtige Zutat für den Likör Palinka. Was also die Einwanderung in Ungarn angeht: die Akazie böte sich als Vorbild an.
Imitation of Life 4. September, 20.30 Uhr; 5. September., 21 Uhr, Kaserne, Reithalle.
Hungarian Acacia: 7. September, 21 Uhr; 8. September, 19 Uhr, Junges Theater Basel, Kaserne.
Ausführliche Infos im Internet unter http://www.theaterfestival.ch