Wenn die Bank den Kunden Sand in die Augen streut

René Zipperlen

Von René Zipperlen

So, 09. September 2018

Wirtschaft

Der Sonntag 10 Jahre Finanzkrise (3): Was ein Freiburger Anwalt mit Kunden erlebt hat, denen man hochriskante Lehman-Zertifikate angedreht hatte.

Es klingt heute wie die Geschichten einer verrückten Epidemie, bei der ein Virencocktail aus Gier und Übertölpelung die Vernunft angreift, wenn der Freiburger Andreas Mayer von seinen Erfahrungen mit den zum Sinnbild der Finanzkrise gewordenen Zertifikaten der US-Bank Lehman Brothers erzählt. Der Fachanwalt für Banken- und Kapitalmarktrecht aus der Kanzlei Mayer & Mayer hat Kunden vertreten, die durch die Pleite der Bank zum Teil ihr gesamtes Vermögen verloren – ihre Hausbanken hatten ihnen die hochkomplexen Papiere als sichere Anlage mit Traumrenditen angepriesen. "Da sind manche in existenzielle Not geraten." 2009 rechnete das Handelsblatt vor, dass Privatanleger allein in Deutschland zwei Milliarden Euro verloren hatten.

"Man hat diese Papiere auch an Leute verkauft, denen man sie nie hätte anbieten sollen. Darunter waren schlimme Schicksale." Mayer erzählt von einem Mann, der seine Firma verkauft hatte und nun für die Rente drei Viertel seines Vermögens in die angepriesenen Zertifikate stecken sollte. Oder von der berufsunfähigen Frau, der geraten wurde, ihre gesamten Ersparnisse von 30 000 Euro in Lehman-Zertifikaten anzulegen. Wie die anderen rund 50 Kunden, die Mayer beriet, war nach der Lehman-Pleite alles weg. Auffällig: Alle seiner Kunden waren im oder nahe am Rentenalter – "Die wollten durch die Bank keine Risiken eingehen". Und doch legten sie viel zu viel Geld in hochriskante und kaum durchschaubare Anlageprodukte einer einzigen Bank – Klumpenrisiko nennt man das, und jeder Novize lernt, dass man dies verhindern muss. Basierend auf aufgekauften notleidenden Immobilienkrediten waren die mehr als 100 Lehman-Produkte "hochkomplexe Wetten, deren Risiken niemand einschätzen konnte".

Warum viele Banken, darunter auch stockbiedere Institute wie Sparkassen oder Genossenschaftsbanken, ab etwa 2005 plötzlich hochriskante Papiere an konservative, auf Sicherheit bedachte Anleger verkauften, weiß man heute recht gut: Lehman Brothers brauchte dringend Geld – und bot den Banken hohe Provisionen. Das Geschäft lohnte einfach zu sehr, um es nicht zu machen.

Vor Gericht nachzuweisen, dass Kunden falsch beraten wurden, wovon Mayer ausgeht, hat sich allerdings als fast unmöglich erwiesen. Und den Weg durch die Gerichte konnte sich nur leisten, wer eine Rechtsschutzversicherung hatte. Mayer hält mit einer gewissen Frustration über überforderte und in Finanzdingen wenig kompetente Gerichte nicht hinter dem Berg. Er erzählt von Richtern, die meinten, er gehe doch bitte nicht davon aus, dass sie sich durch 100-seitige Verkaufsprospekte arbeiten. Viele der frühen Verfahren hat Mayer verloren. Auch weil die kurzen Verjährungsfristen dazu führten, dass die wenigsten von einem wegweisenden Urteil des Bundesgerichtshofs von 2014 profitieren konnten – "95 Prozent der Verfahren waren da schon erledigt". Zum Teil mehr als 50 Prozent ihrer Gelder konnten Kunden danach zurückerhalten und zum Teil sogar die Zertifikate behalten. Als Mayer die ersten Vergleiche schließen konnte, sollte er sich auf 9 Prozent einlassen – obwohl am Markt zum Teil schon 16 Prozent bezahlt wurden. Heute lässt sich mit den Papieren wieder Geld machen – zum Teil von den verkaufenden Banken selbst, die sie im Rahmen der Vergleiche zurückverlangten.

Inzwischen gab es Verbesserungen: Bankberater müssen protokollieren, dass sie ausreichend über Risiken aufgeklärt haben. Die Verjährungsfrist von drei Jahren beginnt nun erst mit Kenntnis des Schadens, nicht mit Vertragsabschluss. Auch die neue Musterfeststellungsklage könnte helfen. Doch noch immer fehle Anlegern eine echte Lobby, sagt Mayer. Die Fristen seien noch immer miserabel, die Beweislast für ordentliche Beratung müsse auf die Banken übergehen. Und vor allem: "Das Provisionssystem müsste verboten werden."RENé ZIPPERLEN