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30. Juli 2010

Was die Krise verändert hat

Während der Rezession sind Hunderttausende Jobs in der Industrie verloren gegangen – doch an anderer Stelle entstanden neue.

DIE 3-MILLIONEN-GRENZE KÖNNTE GEKNACKT WERDEN
3,19 Millionen Menschen wurden im Juli offiziell als arbeitslos gezählt. Das sind noch immer viele. Aber von einer solchen Zahl konnte man vor einem halben Jahrzehnt nur träumen, als die Hartz-Arbeitsmarktreformen in Kraft traten. Wie groß deren Anteil daran ist, dass heute zwei Millionen Menschen weniger erwerbslos sind als damals, kann niemand genau sagen. Fakt ist aber: Auch die Weltwirtschaftskrise hat hierzulande nicht zu einer Jobkrise geführt. In keinem anderen vergleichbaren Industrieland sank die Zahl der Arbeitslosen während der Rezession – obwohl Deutschland besonders von ihr getroffen wurde. Im Herbst rückt die Bestmarke aus diesem Jahrhundert in Reichweite, jene 2,99 Millionen Erwerbslose aus dem November 2008.

BLICK ZURÜCK: MEHR NORMALE ARBEITSVERTRÄGE
Obwohl unbefristete Vollzeitstellen tendenziell seltener werden, werden sie mit Recht noch immer als Normalarbeitsverhältnisse bezeichnet. Drei Viertel aller Arbeitsverhältnisse sind in diesem Sinne normal. 2009, als die Wirtschaftsleistung um fast fünf Prozent einbrach, stieg die Zahl der Normalarbeitsverhältnisse laut Statistischem Bundesamt erstaunlicherweise um 0,3 Prozent. Die Verlierer der Krise waren Leiharbeiter und befristet Beschäftigte. Viele von ihnen mussten gehen, die Stammkräfte blieben.

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Erfreulich entwickeln sich jene Jobs, bei denen Sozialabgaben entrichtet werden. Seit 2005 kamen fast anderthalb Millionen hinzu. Für etwa ein Viertel dieses Zuwachses ist die boomende Leiharbeit verantwortlich. Das legen die bislang vorliegenden Daten nahe.

DER STRUKTURWANDEL HINTER DER KULISSE
Die insgesamt guten Zahlen lassen vermuten, dass die Krise den Arbeitsmarkt kaum durcheinandergewirbelt hat. Doch Ruhe herrschte nur scheinbar. Denn es hat sich jener Strukturwandel beschleunigt, der seit Jahrzehnten läuft. Im verarbeitenden Gewerbe gehen tendenziell Stellen verloren, in anderen Branchen entstehen neue – in der Bildung, in der Pflege und in anderen Dienstleistungen, die sich um Menschen kümmern.

Im Mai 2010 beschäftigte das verarbeitende Gewerbe bundesweit 550 000 Menschen weniger als kurz vor der Rezession Ende 2007. Während die exportabhängige Industrie von der Weltwirtschaftskrise voll erwischt wurde, wuchs im Gesundheits- und Sozialwesen die Zahl der Beschäftigten um 227 000, im Bildungswesen um 78 000.

Weil die Industrie von männlichen Arbeitnehmern dominiert wird und die Dienstleistungen von Frauen, traf die Rezession vor allem Männer. Im Juli 2008, stellten Frauen und Männer mit je 1,6 Millionen je exakt die Hälfte an allen Arbeitslosen. Seitdem neigte sich die Waage stark zu Ungunsten der Männer. Heute stellen sie 53,1 Prozent an allen Erwerbslosen.

Dieser Strukturwandel drückt auf die Löhne. Erstens werden Industriejobs in der Regel höher entlohnt. Einer von vielen Gründen: Ein Industriearbeiter stellt, wenn er nicht gerade kurzarbeitet, in der gleichen Zeit mehr Waren her als früher. Er arbeitet produktiver. Gut organisierte Gewerkschaften wie die IG Metall haben wegen dieser Produktivitätszuwächse jahrzehntelang ordentliche Lohnsteigerungen aushandeln können. In den personenbezogenen Dienstleistungen kann es hohe Produktionszuwächse kaum geben und die Beschäftigten sind weniger gut in Gewerkschaften organisiert.

Zweitens sind viele der neuen Dienstleistungsjobs Teilzeitstellen, die weniger gut vergütet werden als Vollzeitstellen. Laut Bundesagentur für Arbeit (BA) schrumpfte die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Vollzeitstellen allein zwischen Ende 2007 und Ende 2009 um 128 000 auf 22,2 Millionen. Im selben Zeitraum legten die Teilzeitstellen um 390 000 auf 5,3 Millionen zu.

Ein Abgesang auf die Vollzeitstellen in der Industrie zu singen, wäre aber falsch, weil dieser Wirtschaftszweig nun wieder vom Aufschwung des Welthandels profitiert. Einen Jobboom wird das aber so schnell nicht auslösen. Bevor neue Mitarbeiter eingestellt werden, beenden die Unternehmer die Kurzarbeit und Arbeitszeitkonten füllen sich. Wenn sie einstellen, holen sich die Firmenlenker nach den brutalen Umsatzeinbrüchen des vergangenen Jahres und wegen des unsicheren Ausblicks Leiharbeiter ins Haus. Die Leiharbeit boomt wieder – und auch dies drückt auf die Löhne. Aber: Die Leiharbeit legte auch im vergangenen Aufschwung zwischen 2005 und 2008 besonders in dessen Frühphase zu, während in der Spätphase mehr und mehr Stellen außerhalb der Leiharbeit entstanden.

DIE KURZARBEIT BREMSTE DEN STRUKTURWANDEL
Am Höhepunkt der Krise arbeiteten anderthalb Millionen Menschen in der Bundesrepublik kurz. Ihre Arbeitszeit verringerte sich im Schnitt um 30 Prozent. Der Staat ersetzte die Lohneinbuße zu einem großen Teil und erließ den Unternehmen einen Teil der Sozialabgaben. Rechnerisch rettete der Staat 450 000 Jobs – und zwar vor allem in den Industriebetrieben, die den größten Teil der Kurzarbeiter stellen. In der Spitze haben sieben Prozent aller in der Bundesrepublik sozialversicherungspflichtig beschäftigten Männer und weniger als drei Prozent aller sozialversicherungspflichtig beschäftigten Frauen kurzgearbeitet. Die Kurzarbeit bremste so nicht nur den Anstieg der Arbeitslosenzahl, sondern auch den Strukturwandel weg von der Industrie. Ohne Kurzarbeit wäre er viel tiefgreifender abgelaufen.

LANGZEITARBEITSLOSIGKEIT VERFESTIGT SICH

Mit Sorge lässt sich beobachten, dass sich die hierzulande ohnehin hohe Langzeitarbeitslosigkeit weiter verfestigt hat. Dies führt oft zu Armut und Perspektivlosigkeit. In Krisenzeiten stellen viele Chefs niemanden mehr ein. Arbeitnehmer verharren auf ihren Posten. Ihnen geht die Sicherheit vor Karrierechancen, die sich anderswo auftun könnten. "Wegen der unverändert schlechten Chancen am Arbeitsmarkt ist es für arbeitslos gewordene Personen und für Ausbildungsabsolventen schwer, eine Stelle zu finden", schreiben die Forscher des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), das zur BA gehört. Die Dauer der Arbeitslosigkeit erhöhe sich. Die Forscher rechnen damit, dass die Zahl der Arbeitslosengeld-I-Empfänger in diesem Jahr stabil bleibt. Diese Menschen sind in der Regel weniger als zwölf Monate ohne Job. Die Zahl der langzeitarbeitslosen Hartz-IV-Empfänger werde dagegen steigen, so das IAB.

BLICK NACH VORN: WACHSTUM OHNE VIELE JOBS
Es ist nicht lange her, als viele Beobachter Horrorprognosen veröffentlichten. Die Krise werde die Zahl der Erwerbslosen Richtung fünf Millionen treiben oder gar darüber hinaus. Davon ist keine Rede mehr. Das IAB sagt: "Derzeit gibt es keine Anzeichen für eine verzögerte abrupte Reaktion des Arbeitsmarktes auf die Wirtschaftskrise." Die Zahl der Erwerbslosen werde wohl im traditionell schwachen Winter die Vier-Millionen-Marke nicht überschreiten. Der Bundesrepublik stehe aber ein jobless growth bevor, also ein Wirtschaftswachstum ohne nennenswert mehr Arbeitsplätze. Dies gelte selbst dann, wenn die Wirtschaftsleistung 2010 um 2,25 Prozent zulege. Gerade die Industrie habe noch viel aufzuholen. Die Belegschaften und Maschinen sind noch längst nicht so ausgelastet wie im Boomjahr 2008.

Autor: Ronny Gert Bürckholdt