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18. Juli 2015

Erneuerbare Energien auf dem Vormarsch

Atomkraft im Niedergang

Die erneuerbaren Energien überflügeln in immer mehr Ländern die Kernkraft.

  1. Weit über dem Kostenrahmen und weit hinter dem Zeitplan: das finnische Atomkraftwerk in Olkiluoto Foto: dpa

FREIBURG. Der Atombranche kommt der alljährliche Bericht stets ungelegen: Jetzt publizierte der in Paris ansässige Atomexperte Mycle Schneider zusammen mit seinem Team den neuen World Nuclear Industry Status Report. Dieser dokumentiert Jahr für Jahr den Bedeutungsverlust der Kernspaltung in der internationalen Energiewirtschaft, während die Branche stets den gegenteiligen Eindruck zu erwecken versucht.

Nüchtern betrachtet ist der Niedergang der Nuklearenergie unverkennbar. Er resultiert nicht allein daraus, dass Japan im vergangenen Jahr erstmals seit 45 Jahren keine einzige Kilowattstunde Atomstrom produzierte – als Spätfolge der Reaktorkatastrophe von Fukushima im Frühjahr 2011. Es ist stattdessen vor allem der Boom der erneuerbaren Energien, der in zahlreichen Ländern die Atomkraft ausbremst.

So produzieren inzwischen drei der vier größten Volkswirtschaften der Welt – China, Deutschland und Japan – mehr Strom aus erneuerbaren Energien als aus Atomkraft. Das gilt auch, wenn man die Wasserkraft als traditionelle Regenerativenergie nicht mitzählt. In China zum Beispiel erzeugten im vergangenen Jahr alleine die Windkraftanlagen mehr Strom als alle Atomkraftwerke des Landes zusammen: 158 Milliarden gegenüber 124 Milliarden Kilowattstunden.

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Der Trend hat nicht nur die großen Volkswirtschaften erfasst. Auch in weiteren Ländern tragen Windkraft, Sonne und Biomasse heute mehr zum Strommix bei als die Kernspaltung – in Brasilien, Indien, Mexiko, den Niederlanden und Spanien. In der Summe repräsentieren diese acht Länder mit Ökostrom-Überhang drei Milliarden Menschen, und damit fast 45 Prozent der Weltbevölkerung. Der Anteil der Atomkraft an der Weltstromproduktion liegt nun im dritten Jahr unter elf Prozent; Mitte der 90er-Jahre hatte der Wert noch bei mehr als 17 Prozent gelegen.

Die Atombranche verweist auf die Reaktoren, die rund um den Globus gerade im Bau sind. Doch einige dieser Projekte sind nicht gerade geeignet, das Bild einer vor Kraft strotzenden Branche zu zeichnen. Auf drastische Weise zeigt sich das in Europa: Der Bau der beiden Meiler im finnischen Olkiluoto und im französischen Flamanville hat sich wegen technischer Probleme jeweils um viele Jahre verzögert, während zugleich die Kosten explodierten. Längst sind beide Projekte zu einem ökonomischen Desaster geworden.

Weltweit sind laut dem neuen Statusreport 62 Reaktoren im Bau. Das sind fünf weniger als ein Jahr zuvor. Im vergangenen Jahr wurden drei Projekte neu gestartet, im Vergleich zu 15 im Jahr 2010. In 10 der 14 Länder, in denen Reaktoren gebaut werden, seien alle Projekte inzwischen gegenüber den Planungen verspätet, viele davon um Jahre, heißt es in dem gut 200 Seiten starken Bericht. Fünf Reaktoren sind sogar schon seit inzwischen 30 Jahren als "in Bau" gelistet – also nurmehr Karteileichen.

Autor: Bernward Janzing