Aufsicht sucht nach Aufsehern

Rolf Obertreis

Von Rolf Obertreis

Mi, 13. Februar 2019

Wirtschaft

Die Deutsche Sabine Lautenschläger wacht nicht mehr über Europas Banken / Ihre Nachfolge ist noch ungeklärt.

FRANKFURT. Bei der europäischen Bankenaufsicht SSM ist ein Posten frei: Die stellvertretende Vorsitzende Sabine Lautenschläger hatte am Montag ihren letzten Arbeitstag. Einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin gibt es bislang aber nicht.

Sabine Lautenschläger bleibt als einzige Deutsche und als einzige Frau Mitglied des sechsköpfigen Direktoriums der Europäischen Zentralbank EZB, bei der die Bankenaufsicht SSM angesiedelt ist. Die bislang unbeantwortete Frage nach der Nachfolge der engagierten und hoch angesehenen Lautenschläger bei der SSM sorgt am Finanz- und Bankenplatz Frankfurt jedoch für Verwunderung. Vor allem über EZB-Präsident Mario Draghi, der sich angeblich nicht um das Thema gekümmert habe, auch wenn das EU-Parlament und die Regierungen der Euro-Staaten bei der Berufung eines Nachfolgers entscheiden. Der Posten des SSM-Vize gilt als wichtig, weil er mit einer Person aus dem Direktorium der Notenbank besetzt wird und damit wichtiges Bindeglied zwischen den Institutionen ist.

Es gebe noch nichts Neues. "Aber sie werden es erfahren", hatte Draghi Ende Januar nach der ersten Sitzung des EZB-Rates auf die Frage nach der Nachfolge von Lautenschläger gesagt. Seitdem hat sich nichts getan. Als Option wird jetzt in Frankfurt diskutiert, die Amtszeit von Lautenschläger erst einmal zu verlängern, bis eine Lösung gefunden ist. Laut Regeln der EZB dauert eine Amtsperiode an der Spitze des SSM fünf Jahre. Verlängert werden kann sie nicht. Eigentlich.

Die 54-jährige gebürtige Stuttgarterin saß mehrere Jahre im Vorstand der Bundesbank und fungierte dort als Vizepräsidentin. 2014 kam sie zur EZB. Lautenschläger hat die Bankenaufsicht seit ihrer Gründung Anfang 2014 zusammen mit der französischen Präsidentin Danièle Nouy zu einer schlagkräftigen Einheit geformt. Die Französin ist im Dezember ausgeschieden. Die Banken hatten in den Frauen hartnäckige Aufseherinnen.

Geleitet wird der SSM seit Jahresanfang vom Italiener Andrea Enria. Zumindest bis Ende Oktober sitzen damit zwei Italiener auf den wichtigsten Posten im europäischen Finanzsystem. Bis dahin noch führt Mario Draghi als Präsident der EZB. Auch hier ist die Frage eines Nachfolgers oder einer Nachfolgerin noch nicht geklärt. Eine Entscheidung durch die Regierungen der Eurostaaten wird erst nach der Europawahl Ende Mai erwartet. Formal gilt auch Bundesbank-Präsident Jens Weidmann als möglicher Kandidat. Faktisch aber werden seine Chancen als gering eingeschätzt, da der CSU-Europa-Politiker Manfred Weber Aussichten hat, an die Spitze der EU-Kommission zu rücken. "Zwei Deutsche auf den beiden wohl wichtigsten Posten in der EU würden die anderen Länder kaum akzeptieren", sagt Commerzbank-Ökonom Michael Schubert.

Derzeit gelten der finnischen Notenbank-Präsident Erkki Liikanen und sein französischer Kollege François Villeroy de Galhau als Favoriten für die Draghi-Nachfolge. Insgesamt endet die Amtszeit von drei der sechs EZB-Direktoriumsmitglieder in diesem Jahr. Der irische Notenbanker Philip Lane dürfte als künftiger Chef-Volkswirt Anfang Juni den Belgier Peter Praet beerben. Neben ihm und Draghi scheidet zum Jahresende der Franzose Benoît Cœuré aus dem Direktorium aus. Sabine Lautenschläger bleibt dort und damit auch im EZB-Rat. Ihr Vertrag läuft nach acht Jahren erst Ende 2021 aus.