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07. Januar 2016 20:34 Uhr

ST. PETER / FREIBURG

Bald keine Schwarzwaldmilch mehr im Schwarzwald?

Die Schwarzwaldmilch fordert neuerdings von Geschäftskunden höhere Mindestbestellwerte bei der Direktbelieferung. Sie brüskiert damit kleinere Bäckereien.

  1. Schwarzwald-Idyll St. Peter Foto: MarkuS Donner

Wo ist der Schwarzwald noch richtig Schwarzwald? In St. Peter. Die höchsten Gipfel des Mittelgebirges umgeben die Gemeinde, dunkle Wälder rahmen sie ein. Auf den sanften Wiesen weiden die Kühe. Ihre Milch wandert in die nicht weit entfernte Freiburger Genossenschaftsmolkerei Schwarzwaldmilch, die mit der einzigartigen Landschaft und der Regionalität ihrer Produkte für sich wirbt. Solch Harmonie schätzen sowohl Einheimische als auch Feriengäste.

Sie kaufen gerne die Markenprodukte der Molkerei in Supermärkten oder Bäckereien der Region, weshalb das Unternehmen – gemessen an der Höhe des Milchpreises für die Bauern – zu den erfolgreichsten in der Republik zählt. Doch dem friedlichen Miteinander von Erzeugern, Molkerei, Wiederverkäufern und Kunden droht Gefahr. Inmitten von St. Peter könnte eine Schwarzwaldmilch-freie Zone entstehen.

Jedenfalls ist Benedikta Kreutz aus St. Peter sauer auf die Molkerei. Sie betreibt dort mit ihrem Ehemann eine Bäckerei samt Filiale in Buchenbach. Ohne Telefonat, ohne persönliches Gespräch habe das Unternehmen ihr kundgetan, dass die Molkerei in Bauernhand ihre Lieferbedingungen ändere. "Wir wussten von nichts. Es waren nur ein paar Sätze auf einer der letzten Rechnungen. Wenn wir nicht genau hingeschaut hätten, wäre uns das gar nicht aufgefallen. So geht man nicht mit langjährigen Kunden um", findet sie.

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Das Unternehmen selbst äußert sich nicht konkret

Auf dem Schriftstück habe die Schwarzwaldmilch mitgeteilt, dass sie nur noch ab einer Mindestbestellmenge von 200 Euro Waren direkt in den Betrieb liefert. Für Benedikta Kreutz ist das zu viel: "Ich habe bislang durchschnittlich für 150 Euro bestellt. Der Schwarzwaldmilch-Lieferwagen kam jede Woche und brachte unter anderem Schoki, Joghurt oder Butter. So war das hervorragend."

Mehr will sie nicht und kann sie nicht ordern. "Milchprodukte kann ich ja nicht zeitlich unbegrenzt verkaufen", sagt die Unternehmerin. Im schlimmsten Fall würde sie auf Joghurts oder Butter sitzenblieben, deren Haltbarkeitsdatum abgelaufen ist. Die Kosten blieben an dem kleinen Bäckereibetrieb hängen. Geeignete Ausweichmöglichkeiten sieht sie nicht. Die wöchentliche Fahrt von St. Peter zu einem Freiburger Großhändler würde sich nicht lohnen. Der Weg über den Bäckerei-Großhandel sei sehr aufwendig.

Der lokale Supermarkt biete die Schwarzwaldmilch-Produkte nur zu einem deutlich höheren Preis an. "Ich bin wütend", sagt Benedikta Kreutz. Sie überlegt sich, auf Schwarzwaldmilch-Produkte zu verzichten – obwohl die Frau das Sortiment der heimischen Molkerei von Kindesbeinen an schätzen gelernt hat: "In eine Bäckerei im Schwarzwald gehört eigentlich auch Schwarzwaldmilch."

Was sind die Gründe für den höheren Mindestbestellwert?

Auf der anderen Seite des Kandels, im Simonswälder Tal, versucht derweil die Bäckerei Weis Bestellungen zusammenzulegen, um über den erhöhten Mindestbestellwert zu kommen. "Das kommt uns bestimmt nicht entgegen", heißt es dort.

Die Schwarzwaldmilch äußerte sich nicht konkret zu den Gründen für den höheren Mindestbestellwert. Auf Anfrage der Badischen Zeitung schrieb die Pressesprecherin: "Bitte haben Sie dafür Verständnis, dass wir grundsätzlich keine kundenspezifischen Sachverhalte kommentieren. Dennoch möchte ich Sie gerne darauf hinweisen, dass wir eine ausgeprägte Serviceorientierung bieten bei gleichzeitig notwendiger Kostenabdeckung."

Klar ist, dass eine höhere Mindestbestellmenge der Molkerei Vorteile bringt. Geht ein Lastwagen auf die Straße, der Waren mit einem deutlich höheren Wert transportiert, wird die Fahrt für den Lieferanten lukrativer. Die Kosten bleiben gleich, der erzielte Umsatz ist jedoch höher. Möglicherweise fallen einzelne Kunden weg oder werden weniger oft angefahren. Die Transportwege werden dadurch kürzer, die Schwarzwaldmilch spart Kosten.

Genossenschaftsmolkerei unter Druck

Solche Diskussionen um Lieferwege sind nicht neu. Auch die Bauern selbst waren schon von Einsparungen betroffen. Die Molkerei verringerte die Zahl der Milcheinsammelstellen, um Wege und Ausgaben zu reduzieren. Das bedeutete für manche Bauern, die vergleichsweise wenig Milch produzieren, längere Anfahrtswege zu den Abholpunkten.

Die Genossenschaftsmolkerei steht unter Druck. Der Milchpreis liegt deutlich unter dem Niveau von Anfang 2014. Das bedeutet geringere Einnahmen für die Bauern, denen die Molkerei gehört. Der Preisverfall hatte im Spätsommer zu Protesten der Landwirte auch in Südbaden geführt. Der Bund deutscher Milchviehhalter (BDM) forderte eine Begrenzung der Milchmenge. Wer in Krisenzeiten seine Produktion ausweitet, sollte demnach eine Strafe zahlen, wer weniger Milch anliefert, belohnt werden.

Das baden-württembergische Landwirtschaftsministerium stellte sich hinter den BDM-Vorschlag, die EU ging aber auf das Konzept nicht ein. Inzwischen hat sich die Lage am Milchmarkt ein wenig gebessert. "Das Tal der Tränen ist durchschritten", sagt Martin Banse, Marktanalytiker beim Thünen-Agrarforschungsinstitut in Braunschweig.

Für Benedikta Kreutz ist dies kein Trost. Ihre Bäckerei gehört zu den schwächsten Gliedern in der Milch-Produktions- und Verkaufskette. Sie zahlt den Preis für die Veränderungen auf dem Milchmarkt.

Autor: Bernd Kramer