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05. Juni 2010 00:07 Uhr
Hinter den Kulissen
Besuch in Guangzhou: So arbeitet ein Adidas-Zulieferer in China
Was braucht der Mensch zum Leben? Mit 177 Euro pro Monat muss eine Arbeiterin bei einem Adidas-Zulieferer im chinesischen Guangzhou auskommen. Ein Besuch in der Fabrik.
Chen Dawei* ist sehr unzufrieden. "Der Reis in der Kantine ist schlecht", sagt der 20-jährige chinesische Arbeiter. Ungenießbar, zu hart, zu wenig Fett. Und das nicht nur heute, sondern dauernd. Er stochert mit den Stäbchen in seiner Schale herum. Daneben liegt auf dem grünen Tisch ein Häuflein Abfall. Ohne Begeisterung nimmt Chen ein wenig Gemüse und Fleisch zu sich. Das meiste aber lässt er stehen und wirft es am Ende der Mittagspause in eine der großen Tonnen.
Vor einiger Zeit gab es einen Streik in der chinesischen Fabrik, die für das Unternehmen Adidas Sportbekleidung fertigt. Manche Arbeiter sagen, der Grund sei das schlechte Essen gewesen. Andere berichten, der Protest habe sich auch gegen die zu niedrigen Löhne gerichtet. Jedenfalls stellten die Arbeiterinnen und Arbeiter die Nähmaschinen ab und blockierten die nahe Autobahn.
Adidas – die Firma ist Europas größter Sportartikelhersteller. Bei der Fußballweltmeisterschaft in Südafrika rüstet der Konzern neben der deutschen Nationalmannschaft elf weitere Teams aus. Dank des außergewöhnlichen Werbeeffekts könnte der Gewinn 2010 bei 500 Millionen Euro liegen. Ist es angesichts dieser komfortablen Lage zu glauben, dass die offiziellen Adidas-Zulieferer am Essen der Arbeiter sparen und miese Löhne zahlen?
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Gegen die chinesische Firma Tien Sung, in der Chen Dawei arbeitet, erhebt die Kampagne für Saubere Kleidung schwere Vorwürfe. Ob die Anschuldigungen zutreffen, soll der Besuch der Badischen Zeitung in der Fabrik klären. "Adidas hält an wichtigen Punkten seinen eigenen Verhaltenskodex nicht ein", sagt Kirsten Clodius, die für die Kampagne gegen Adidas verantwortlich ist.
Bei ihren Vorwürfen stützt sie sich auf einen Untersuchungsbericht, den sie bei der Hongkonger Organisation Sacom (Students and Scholars Against Corporate Misbehavior) in Auftrag gegeben hat. Erstens, so haben die Sacom-Rechercheure ermittelt, reiche der Lohn bei Tien Sung kaum aus, um die Grundbedürfnisse der Arbeiter zu decken. Zweitens liege der Basislohn in der Fabrik nur auf der Höhe des staatlich festgesetzten Mindestlohns, der seit 1. Mai diesen Jahres 1100 Renmimbi pro Monat beträgt (130 Euro).
Adidas jedoch sichere in seiner "Strategie zu angemessenen Löhnen" zu, dass die niedrigste Bezahlung über dem Mindestlohn liegen solle. Die Arbeitszeit gehe laut Sacom drittens teilweise weit über die 60 Stunden pro Woche hinaus, die sich Adidas im Verhaltenskodex selbst als Grenze gesetzt habe.
Adidas hat den Besuch des Journalisten und seiner Übersetzerin in der Fabrik vermittelt. Während der Mittagspause in der Kantine ist aber kein Vertreter der Firma dabei. An einem der festgeschraubten Metalltische sitzt die Arbeiterin Sin Lan*, vor sich eine dampfende Schale, die ihr an der Essensausgabe gefüllt wurde. Sin – das rotbraune Haar zu einem Knoten gebunden, schwarze Jeans, schwarzweiße Bluse – ist mit ihren 37 Jahren eine der erfahrensten Arbeiterinnen hier. 1500 Renmimbi (177 Euro) verdiene sie im Monat, sagt Sin. Reicht das zum Leben? "Das Essen ist teuer in Guangzhou." Dafür brauche sie etwa 500 Renmimbi. Hinzu kämen gut 400 für Miete und Strom ihrer Wohnung außerhalb der Fabrik. Zusätzliches Geld gibt sie aus für Kleidung, Kosmetika, Transport und die Sozialversicherung, die zehn Prozent des Gehaltes kostet. Damit bleibt nicht mehr viel übrig, das sie ihren beiden Kindern schicken kann. Die leben bei den Großeltern auf dem Land, in einem Bauerndorf der Provinz Henan in Zentralchina. Ihr Lohn, sagt Sin Lan, reiche meist nur dafür aus, "einmal pro Jahr die lange Strecke zu den Kindern zu fahren".
Das ist das Lebensmodell vieler Beschäftigter bei Tien Sung und in anderen Fabriken. Sie sind Wanderarbeiterinnen, 18, 19 oder 20 Jahre alt. Sie sind die ersten ihrer Familien, die vom Land in die Stadt ziehen. Sie lassen ihr altes Leben zwischen Hühnern und Hütten zu dem Preis zurück, dass sie vom Ertrag ihrer modernen Fabrikarbeit nicht nur das neue Leben in der Stadt, sondern gleichzeitig auch das alte ihrer Familie auf dem Lande finanzieren müssen.
Wie viel Beschäftigte in Guangzhou, einer der teuersten Städte Chinas, zum Leben brauchen, ist eine umstrittene Frage. Die in der Asia-Floor-Wage-Kampagne zusammengeschlossenen Aktivisten bezifferten Ende 2008 die Lebenshaltungskosten für das menschenwürdige Leben eines alleinstehenden Arbeiters in Guangzhou mit 2600 Renmimbi (308 Euro) – inklusive Telekommunikation, Arztkosten, Unterstützung der Familie und Altersvorsorge. Daran gemessen ist der Lohn beim Adidas-Zulieferer Tien Sung kärglich.
Arbeiterin Sin allerdings beschwert sich nicht – so bescheiden der Verdienst auch sein mag. "Im vergangenen Jahr", sagt sie, "war der Lohn wirklich schlecht". Jetzt aber zahle die Firma mehr. Möglicherweise hat der Streik etwas genützt.
Der Sitzungsraum in Verwaltungsgebäude, 300 Meter von der Kantine entfernt, dunkle, schwere Tische. Kenneth Leung, der General Manager der Fabrik, muss die Lohn-Frage anders beurteilen. "Die Leute können von dem Lohn leben, den wir zahlen", sagt der 49-Jährige. Seit acht Jahren arbeitet er hier, seit vier Jahren ist er Chef. Leung ist ein lockerer Typ, für den Gast und die Übersetzerin nimmt er sich jede Menge Zeit, obwohl sie weit vor dem vereinbarten Termin erschienen sind. Statt Anzug trägt er helle Hose und blaues T-Shirt. Neben Leung sitzt Hilde Gunn Vestad. Die 42-jährige Norwegerin, blond und resolut, ist extra aus Hongkong angereist. Als Regionalmanagerin von Adidas ist sie die wichtigste Person im Raum und achtet auf jedes Wort. Leung sagt, die Arbeiter in seiner Fabrik würden grundsätzlich auf der Basis des Mindestlohns bezahlt, den die Provinzregierung von Guangdong festsetze. Im Klartext heißt das: Wer keine Überstunden macht und keinen Akkordlohn für hohe Stückzahlen erhält, geht mit 1100 Renmimbi (130 Euro) nach Hause. Damit räumt der Fabrikchef ein, dass er den Verhaltenskodex des Adidas-Konzerns, für den die Firma zu fast 100 Prozent arbeitet, nicht einhält. Denn unter "angemessenen Löhnen" versteht Adidas "ein den örtlichen Mindestlohn übersteigendes Grundgehalt". Halb so schlimm, meint Leung. Denn tatsächlich bekämen alle Arbeiterinnen zusätzlichen Lohn in Form von Akkord-Zuschlägen und Überstunden-Bezahlung. Das durchschnittliche Gehalt betrage dann rund 1800 Renmimbi (213 Euro).
Vestad verwahrt sich dagegen, dass Tien Sung als wichtiger Zulieferer den Verhaltenskodex von Adidas missachte. Würde sich dieser Eindruck bei den Verbrauchern in Europa festsetzen, hätten die Kritiker gewonnen. Also interpretiert die Norwegerin die Angelegenheit so: Ihr Unternehmen habe sich das Ziel gesetzt, mehr zu zahlen als Mindestlohn. Und Ziele seien Ziele, weil sie erst noch erreicht werden müssten.
Und was sagt Vestad zum Vorwurf der Sacom-Rechercheure, dass die Arbeiterinnen von ihrem Lohn kaum leben könnten? "Wie viel ein Arbeiter hier zum Leben braucht, ist sehr schwer zu berechnen", so Vestad, "in die Realität umsetzbare Konzepte für einen existenzsichernden Lohn gibt es bislang nicht".
Anrufen kann man in dieser Sache auch bei Frank Henke am Konzernsitz im bayerischen Herzogenaurach. Der oberste Manager für soziale und ökologische Fragen analysiert, dass "der Mindestbedarf der Beschäftigten in China durch den Lohn abgedeckt" sei.
In der Produktionshalle leuchtet Neonlicht, die Nähmaschinen surren laut, aber nicht ohrenbetäubend. Sie stehen in langen Reihen – jeweils 15 bis 20 Arbeitsplätze nebeneinander. Insgesamt arbeiten hier rund 300 Beschäftigte, meist junge Frauen. Chen Dawei ist aus der Mittagspause zurückgekehrt. Mit gebeugtem Rücken sitzt er wieder an der Maschine. 500 Mal oder mehr pro Tag verrichtet er die gleichen Handgriffe. Vom Stapel links neben der Maschine nimmt Chen zwei rot Stoffdreiecke, legt ihre Kanten unter der Nadel aneinander, näht sie zusammen und wirft das verbundene Stück auf den Stapel rechts. Fertig, her mit den nächsten Dreiecken. Seine Arbeitszeit, sagt Chen, betrage normalerweise acht Stunden pro Tag. Hinzu kämen vier tägliche Überstunden. Samstags arbeite er eine weitere Schicht mit zwölf Stunden. Sechs Tage Arbeit, 72 Stunden pro Woche.
Sollte das stimmen, würde die Zulieferfirma gegen die 60-Stunden-Grenze im Adidas-Verhaltenskodex verstoßen. Adidas weist diesen Vorwurf zurück. Nur in Ausnahmefällen würden den Zulieferern Arbeitszeiten über 60 Stunden pro Woche genehmigt, sagt Managerin Vestad.
Angenommen aber, Arbeiter Chen hätte Recht – müsste man die Arbeitsbedingungen als modernen Manchester-Kapitalismus bezeichnen? Die Arbeiter schuften nicht in Lumpen, und sie haben auch keine blutigen Hände. Aber sie haben kaum eine Wahl bei ihrem großen Sprung vom Land in die Stadt. Sie müssen Jobs machen, die man keinem Europäer mehr anbieten kann – aus hiesiger Sicht viel zu harte Arbeit für lächerlich wenig Geld.
Bei all dem erweckt der drahtige Chen Dawei nicht den Eindruck, als würde ihn seine Lage sonderlich stören. Im Gegenteil: Er spricht davon, dass er sich bald einen Computer kaufen will, um in seinem Heimatort ein Business zu eröffnen – was, weiß er noch nicht genau.
* Namen geändert
Autor: Hannes Koch


