USA

Brauereien wittern das große Geschäft mit Gras

Hannes Breustedt

Von Hannes Breustedt (dpa)

Do, 13. September 2018 um 22:14 Uhr

Gastronomie

In den USA erlebt legales Marihuana einen Boom – von dem nun auch Bier- und Spirituosenhersteller profitieren wollen. Ein Milliardenmarkt entwickelt sich.

Legales Marihuana hat sich in Nordamerika zum Milliardenmarkt entwickelt. Nun will auch die Getränkeindustrie mitmischen: Brauereien und Spirituosenhersteller steigen vor der Legalisierung von Cannabis in Kanada in das lukrative Geschäft ein.

Cannabis gilt zwar gemeinhin nicht gerade als Aufputscher, doch das Rauschmittel soll die schwächelnde Branche wieder auf Trab bringen. Denn während die Nachfrage nach vielen großen Biersorten in den Vereinigten Staaten schwindet, boomt dort das Geschäft mit legalem Marihuana.

In etlichen US-Bundesstaaten, etwa Kalifornien, ist das Kraut bereits erlaubt. Im Oktober will Kanada nachziehen.

"Im Laufe des vergangenen Jahres sind wir dazu gekommen, den Cannabis-Markt und sein gewaltiges Potenzial besser zu verstehen", sagt Vorstandschef Rob Sands vom Spirituosen-Riesen Constellation Brands. Der US-Konzern, der Biermarken wie Corona und Modelo verkauft, ist im Oktober vergangenen Jahres beim kanadischen Marihuana-Produzenten Canopy Growth eingestiegen. Constellation war damit der Vorreiter der Branche – und bewies einen guten Riecher.

Mitte August legte er nach und gab bekannt, weitere rund vier Milliarden Dollar in Canopy Growth zu stecken. Damit soll der Anteil an den Kanadiern auf 38 Prozent wachsen. "Durch diese Investition wählen wir Canopy Growth als unseren exklusiven globalen Cannabis-Partner", verkündete Constellation-Chef Sands. Sein Unternehmen, zu dessen Portfolio auch diverse Weinsorten und hochprozentigere Kaliber wie Svedka Vodka oder High West Whiskey zählen, liegt mit der Beteiligung voll im Trend.

Kurz vor Constellations Mega-Investment bei Canopy hatte bereits der weltweit fünftgrößte Brauereikonzern Molson Coors angekündigt, groß im Cannabis-Geschäft mitmischen zu wollen. Das Unternehmen aus Denver hat die kommende Legalisierung des Krauts in Kanada im Blick und startet mit seiner dortigen Tochter eine Gemeinschaftsfirma mit dem nach eigenen Angaben führenden kanadischen Marihuana-Produzenten Hydropothecary.

"Wir bleiben im Kern ein Bierunternehmen, freuen uns aber, ein separates neues Projekt mit einem zuverlässigen Partner zu gründen", sagte Frederic Landtmeters, der Chef von Molson Coors Canada.

Berichten von US-Medien zufolge schaut sich auch Diageo, der Konzern hinter Weltmarken wie Johnnie Walker und Smirnoff, nach kanadischen Cannabis-Partnern um.

Doch die Branche will nicht Bier oder Schnaps mit Cannabis mixen, sondern im Fokus stehen vor allem alkoholfreie Cannabis-Getränke. Solche Drinks wollen Coors und Hydropothecary gezielt für den kanadischen Markt entwickeln, wo Marihuana Mitte Oktober als Genussmittel zugelassen werden soll und trinkbare Cannabis-Produkte von 2019 an legalisiert werden dürften.

Der Rivale Heineken brachte mit seiner US-Marke Lagunitas bereits im Juli ein Sprudelwasser in Kalifornien heraus, das Cannabis enthält. In Nevada soll ein alkoholfreies Cannabis-Bier auf den Markt kommen.

Dass sich die Industrie nach Alternativen umschaut, hat gute Gründe. Denn der Bierkonsum in Nordamerika lässt aus Sicht der Hersteller zu wünschen übrig. Insbesondere die jüngere Kundschaft ist von Bud, Miller, Coors & Co nicht mehr so angetan. Wenn schon Alkohol, dann sind hier eher Wein oder Spirituosen gefragt. Die einzige Nische im US-Biermarkt, die in den vergangenen Jahren ordentlich gewachsen ist, umfasst die "Craft Beers" kleinerer Mikrobrauereien, die dadurch schon zu begehrten Übernahmezielen der Industrieriesen geworden sind.

Experten sehen das boomende Cannabis-Geschäft als große Chance für Bier- und Spirituosenhersteller. "Die Cannabis-Revolution ist in vollem Gange, während die Alkohol-Industrie bislang weitgehend abseits steht", meint Spiros Malandrakis vom Marktforscher Euromonitor. Nun sei es an den Brauereien, die Chance zu nutzen: "Die Marihuana-Industrie könnte den nächsten Wachstumszyklus antreiben oder eine bereits in die Defensive geratene Branche abwürgen." Es habe eine Neuorientierung begonnen, die Antworten auf die existenziellen Fragen der Industrie liefern könnte. Euromonitor schätzt das jährliche Volumen legaler Marihuana-Verkäufe in Kanada auf 7,5 Milliarden Dollar.

"Die Aufwärmphase ist zu Ende – jetzt geht es richtig los", freut sich Canopy-Chef Bruce Linton. In den USA, wo Cannabis inzwischen in 30 Bundesstaaten als Genussmittel oder als Medikament erlaubt ist, dürfte das Marktvolumen in diesem Jahr zehn bis elf Milliarden Dollar erreichen. Das Analysehaus Arcview geht davon aus, dass der Markt bis 2021 auf ein Volumen von 24 Milliarden Dollar steigt und die Marihuana-Industrie den USA 400 000 Jobs und vier Milliarden Dollar an Steuereinnahmen bescheren wird.