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23. Dezember 2008 17:47 Uhr
BZ-Serie Alternative Wirtschaftspolitik
Chancengerechtigkeit
Alle wollen sie, doch um ihre Umsetzung ist es schlecht bestellt.
Sie finden fast alle gut. Während die Frage nach der gerechten Verteilung nach wie vor die Gemüter erhitzt, ist die Chancengerechtigkeit heute ziemlich unumstritten. Ob Linke, gemäßigter Sozi, Liberaler oder Christdemokrat, alle sind dafür, wenn Menschen unterschiedlichster Begabungen und verschiedener Herkunft die Tür zum sozialen Aufstieg und der Verwirklichung ihrer persönlichen Ziele geöffnet wird.
Extreme Fälle haben in der Bundesrepublik Seltenheitswert, aber um die Chancengerechtigkeit ist es nach wie vor nicht zum Besten bestellt
So ganz neu ist diese Überlegung nicht: Letztlich geht sie auf die Beobachtung zurück, dass nicht jeder von sich heraus in der Lage ist, seine in ihm steckenden Möglichkeiten und seine Freiheiten tatsächlich zu nutzen. Zum Beispiel das hoch begabte Kind, das wegen fehlender oder schlechter Schulen gar nicht mit jenen mathematischen Problemen konfrontiert wird, die es zu lösen imstande wäre. Oder die junge Frau oder der junge Mann, der sich gerne politisch betätigen will, aber nicht an die notwendigen Informationen herankommt – sei es, weil er oder sie nie lesen lernen durften oder nicht das nötige Geld haben, um sich die entsprechenden Nachrichten zu beschaffen.
Vollkommen gleiche Startchancen werden sich nie durchsetzen lassen, da sich Eltern unterschiedlich um ihre Kinder kümmern
Solche extremen Fälle haben in der Bundesrepublik Seltenheitswert, aber um die Chancengerechtigkeit ist es nach wie vor nicht zum Besten bestellt. Es sind Kinder aus Einwanderer- und Arbeiterfamilien, die unzureichend in den Genuss von Bildung kommen. Sie ist der Schlüssel zur Chancengerechtigkeit, weil sie zum einen der Faktor für den sozialen Aufstieg ist, zum anderen erst die Wahrnehmung des eigenen Potenzials möglich macht. Ökonomisch bedeutet dies einen hohen Verlust. Die Produktivität der Wirtschaft ist niedriger als sie sein könnte, weil nicht das volle Leistungsvermögen dieser Leute abgerufen wird. Allerdings hat auch die Chancengerechtigkeit Grenzen: Vollkommen gleiche Startchancen werden sich nie durchsetzen lassen, da sich Eltern unterschiedlich um ihre Kinder kümmern. Töchter und Söhne, die von den Eltern sinnvoll unterstützt werden, haben es leichter. Chancengerechtigkeit ist kein Heilsbringer: Sie enthebt eine Gesellschaft nicht der Verantwortung, sich um die zu kümmern, die mangels Fähigkeiten nicht ein hoch qualifizierter Facharbeiter oder Lehrer werden zu können.
Autor: Bernd Kramer