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30. Juni 2012 00:03 Uhr

Wirtschaftsreformer

Christian Felber: Kapitalismus, adieu!

Christian Felber, Buchautor und Mitbegründer von Attac in Österreich, will die Wirtschaft von Konkurrenz auf Kooperation umpolen. Jetzt hat er sich sogar mit einem Banker verbündet.

  1. Geld regiert die Welt – aber leider nicht so, wie es für alle gut wäre. Foto: dpa

Der Mann mit dem roten Bart will der Bank das Handwerk legen. Einen Verein für Sozialarbeit will er aus ihr machen, einen Streichelzoo des guten Gewissens. Er fordert: Geldinstitute sollen künftig "dem Gemeinwohl verpflichtet" sein und "nicht mehr gewinnorientiert" arbeiten. Das sagt der Wirtschaftsreformer, Buchautor und Tänzer Christian Felber (39) den Bankangestellten selbst ins Gesicht. 200 von ihnen sind in den großen Saal des Bayerischen Rundfunks gekommen . Die Schreibtische der Banker stehen auf der anderen Straßenseite, in der Zentrale der Sparda-Bank München.

Viele sind zwischen 30 und 40, adrett bis teuer gekleidet, erfreuen sich am Reichtum der bayerischen Landeshauptstadt und hoffen – wenn sie es nicht schon geschafft haben – auf ein Einfamilienhaus im Voralpenland. Und nun kommt dieser Jüngling und schwingt eine Rede, in der er mit dem Kapitalismus und ihrem Anteil daran aufräumt? Hier und da ist Unmut zu vernehmen. Einer fragt: Wie soll man eine Bank betreiben "ohne ausreichende wirtschaftliche Basis"?

Christian Felber ist ein leiser, sanfter Mensch mit behutsamem Händedruck und scheuem Blick. Vor der Veranstaltung sitzt er bescheiden in einer hinteren Stuhlreihe und wartet, bis man ihn nach vorne bittet. Während seines Vortrages aber ändert er sich. Dann wird er bestimmt, fast schneidend. Dem Frager bescheidet er: "Man kann nur Gott dienen oder dem Mammon, nicht beiden zugleich." Wird der Kapitalismuskritiker aus Österreich in Bayerns Hauptstadt nun ausgelacht? Setzt man ihn vor die Türe, um in Ruhe weiter Geld zu verdienen?

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Nichts davon – der "liebe Christian Felber" ist hier in offizieller Mission. Denn Helmut Lind (50), der Chef der Sparda-Bank hat ihn eingeladen, auf dass er den Bankangestellten erkläre, wie eine Wirtschaft funktioniert, in der es allen Menschen gut geht. Felber und Lind – das ist die Fusion scheinbar unvereinbarer Lebenswelten. Aber auch Lind hat, trotz und wegen seines Jobs, eine ziemlich negative Sicht auf Teile der ökonomischen Realität. Er sagt: "Ich erwarte die Implosion unseres Wirtschaftssystems in nicht allzu ferner Zukunft". Dafür hat er ein schreckliches Wort erfunden: Finanzfukushima.

Das Gute, das alle wollen, verkehrt die Wirtschaft ins Gegenteil

Deshalb freut Lind sich am Rednerpult, dass "Du, Christian, da bist". Dessen neues Buch legt der Bankchef seinen 660 Angestellten sehr ans Herz: "Es ist hervorragend, ich habe mir schon viel rausgeschrieben." "Gemeinwohlökonomie" heißt Felbers Werk. Seine Idee ist, die ganze Wirtschaft und jedes Unternehmen von Konkurrenz auf Kooperation umzupolen. Er will nichts weniger, als das leitende Prinzip dieser Gesellschaft auszuwechseln, dem Kapitalismus die Vorherrschaft des Gewinnstrebens herauszuoperieren. Felber verlangt, eine Obergrenze für Privateigentum von zehn Millionen Euro einzuführen, Banken die Finanzspekulation zu untersagen, Firmen die Gewinnausschüttung an ihre Besitzer mehr oder weniger zu verbieten und sie zu verpflichten, nur noch sozialverträgliche Produkte herzustellen. Als Startschuss sollen möglichst viele Unternehmen eine Gemeinwohlbilanz vorlegen, in der sie Rechenschaft ablegen über die sozialen und ökologischen Konsequenzen ihres Wirtschaftens. Die Produkte umweltfreundlich hergestellt, den Beschäftigten vernünftige Löhne gezahlt, keinen Konkurrenten feindlich übernommen? Viele Fragen dieser Art müssen die Firmen beantworten.

Finanzkrise, Ratingagenturen, Hedgefonds, VW-Chef Winterkorns Jahresgehalt von 17 Millionen Euro: Eine breite Strömung des linken, linksliberalen und bürgerlichen Zeitgeistes ist mit dem augenblicklichen Zustand der Gesellschaft höchst unzufrieden. Diesen Menschen bietet Felber ein Konzept, das aus Kritik einen Lösungsweg entwickelt. Fast 600 Unternehmen sind mittlerweile auf der Internetseite der Gemeinwohlökonomie vertreten. Einige veröffentlichen bereits ihre Gemeinwohlbilanz. Die meisten sind Mini-Betriebe wie der typische Ökotischler, der zwei Halbtagskräfte bezahlt. Aber es finden sich auch größere Firmen darunter, etwa das Bahntechnik-Unternehmen Rhomberg in Bregenz mit 1000 Mitarbeitern.

Christian Felber ist groß und spricht mit warmem österreichischen Akzent. Wenn er von seinen Erfolgen erzählt, versucht er ein stolzes Strahlen im Zaum zu halten. Vor Jahren hat er den österreichischen Zweig der globalisierungskritischen Organisation Attac mitgegründet. Noch immer amtiert er als einer ihrer Sprecher. Nun ist er ein gefragter politischer Alleinunterhalter. Bei ihm gehen drei bis fünf Vortragsanfragen täglich ein. Aber nur 15 Referate pro Monat sage er zu, damit er gesund und ausgewogen bleibe. Felber beschäftigt zwei Mitarbeiter, die seine Geschäfte organisieren. Für manchen Vortrag erhält er 5000 Euro.

Nicht umsonst. Hinter dem Mikrofon am Stehpult ruht er in sich, er spricht mit voller Stimme in unfallfreien Sätzen. Er ist ein guter Redner, der Ton, Mimik, Gestik und Computerpräsentation einzusetzen versteht. Felber hat Charisma, seine Zuhörer holt er in seine Gedankenwelt hinein und lässt sie anderthalb Stunden nicht entkommen. "Welche Werte praktizieren Sie im Privatleben?", fragt er in den Saal. Die Banker lassen sich vorsichtig auf das Gespräch zwischen Lehrer und Schülern ein. "Vertrauen", antwortet einer, "Respekt" eine andere, "Ehrlichkeit" eine dritte. Mit erhobener Hand zählt Felber mit, bis der humanistische Wertekanon beisammen ist. "Diese Werte lassen überall auf der Welt persönliche Beziehungen gelingen", fasst er zusammen.

Und welche Werte bestimmen das Wirtschaftsleben? Nun kommen diese Antworten aus dem Publikum: Gewinnstreben, Härte, Rücksichtslosigkeit, Macht – ein Kaleidoskop des Bösen in ziviler Verkleidung. Treffsicher bringt Felber den Saal zu der Erkenntnis, dass das Gute, das alle eigentlich wollen, im Wirtschaftsleben systematisch ins Gegenteil verkehrt wird. Ölkonzerne verpesten die Umwelt, Apple beutet chinesische Billigarbeiter aus. Letzter Beweis: Schon Adam Smith schrieb 1776 in seinem marktwirtschaftlichem Gründungsmanifest "Der Wohlstand der Nationen": "Nicht vom Wohlwollen des Metzgers, Bäckers, Brauers erwarten wir unsere tägliche Mahlzeit, sondern davon, dass sie ihre eigenen Interessen wahrnehmen." Man soll lernen, dass der Kapitalismus sich nur das Mäntelchen der Nächstenliebe umhängt, jedoch das allgegenwärtige Prinzip der Konkurrenz einen "ungemeinen Schaden an der Gesellschaft und an den Beziehungen zwischen den Menschen anrichtet". War die Stimmung im Saal anfangs wohlwollend, wird sie nun distanzierter, manche Zuhörer werfen ihren Nachbarn skeptische Blicke zu: Baut Felber nicht einen Kapitalismus-Popanz auf? Man kann die Realität auch anders betrachten: Der Bäcker verkauft uns seine Brötchen aus Eigeninteresse, aber das Produkt muss gut sein, sonst nehmen wir es ihm nicht ab. Der Egoismus des Produzenten berücksichtigt die Interessen der Konsumenten, beinhaltet also ein altruistisches Motiv – sonst geht das Unternehmen mangels Käufern pleite.

Apple ist keine Diktatur, die Millionen Menschen zum Kauf von I-Phones zwingt. Die Kreativität der Firma und die Bedürfnisse der Kunden kommen im freien Kaufvertrag zusammen. Ist dieser gut oder böse, sozial oder asozial, das Werk Gottes oder des Teufels? Oft beides zugleich. Kann man die eine Seite tilgen, ohne auch die andere zu verlieren?

Sparda-Chef Helmut Lind ist ein harter Manager, der sich die Karriereleiter bis zum Bankvorsitz hinaufgeschuftet hat. Aber er begreift sich auch als Bürger, der sich über manches in seinem Gewerbe empören muss: "18 Billionen Euro werden in Steueroasen versteckt. Das ist nicht nur Flucht vor der Steuer, sondern vor dem Gesetz und der Demokratie." Auf seine Initiative hat die Sparda-Bank als eines der ersten Unternehmen ihre Gemeinwohlbilanz erarbeitet. Damit analysiert man das politische, soziale und ökologische Soll und Haben. 60 Pluspunkte erhält das Unternehmen, wenn es die Produkte auf sozialverträgliche Art herstellt, 40 Punkte, wenn es die Arbeitszeit auf viele Köpfe verteilt, um die Erwerbslosigkeit zu senken. Weitere Positivkriterien sind eine geringe Einkommensspreizung zwischen Angestellten und Vorstand und eine bescheidene Gewinnausschüttung zugunsten der Aktionäre. Punktabzug erfolgt dagegen, wenn die Firma die Menschenrechte verletzt, andere Betriebe gegen deren Willen aufkauft, Mitarbeiter trotz Gewinn entlässt oder das Kapital externer Eigentümer mit mehr als zehn Prozent jährlich verzinst. Am Ende stand fest: Von 1000 möglichen Punkten hat die Bank 332 erreicht – für den Anfang nicht schlecht, aber es bleibt noch was zu tun.

War es für das Geldinstitut schwierig, das zu schaffen? Nicht besonders. Sparda München ist keine transnational operierende Aktiengesellschaft wie die Deutsche Bank oder Goldman Sachs, sondern eine Genossenschaftsbank. Manche dieser Institute schränken ihr Profitstreben selbst ein – indem sie sich auf die Heimatregion konzentrieren. So gesehen ist die Sparda-Bank sowieso kein gieriges, sondern ein gemäßigt kapitalistisches Unternehmen. Die Spreizung zwischen dem niedrigsten Einkommen von 2248 Euro und dem Gehalt des Vorstandes von knapp 20 000 Euro beträgt das 8,4-Fache. Zum Vergleich: Martin Winterkorn, Vorstand der VW-Aktiengesellschaft, erhält größenordnungsmäßig 300 Mal so viel wie einer seiner Facharbeiter. Auch beim Gewinn verhält sich die Bank vergleichsweise moderat. Angesichts eines bilanzierten Eigenkapitals von 200 Millionen Euro wies das Institut 2010 einen Gewinn von 20 Millionen aus. Nur gut drei Millionen Euro wurden an die 230 000 Genossen ausgeschüttet, denen die Bank offiziell gehört. Die Verzinsung des Kapitals der externen Eigentümer betrug 5,5 Prozent – lächerlich im Vergleich zu den Profiten, die Eigner und Manager transnationaler Banken und Fonds beanspruchen.

Trotzdem widerspricht diese bescheidene Kapitalverzinsung noch dem, was Christian Felber zulassen will. Wenn es nach ihm ginge, dürften die Eigentümer, die nicht im Unternehmen mitarbeiten, höchstens Inflationsausgleich erhalten – oder am besten gar keine Rendite. Außerdem will Felber die Zinsen verringern, unter anderem weil sie zur Umverteilung von Arm zu Reich führten. Wie aber soll eine Bank überleben, die mit einem Hauptprodukt – Krediten – keinen Gewinn mehr machen darf? Hinter dem Konzept der Gemeinwohlökonomie steckt ein anderes Wirtschaftssystem. Was verliert eine Gesellschaft, wenn sie den Wettbewerb zwischen Individuen unterbindet und jede Entscheidung vom Händchenhalten abhängig macht? Den Porsche 911, das I-Phone, Medikamente gegen Aids und Windparks auf dem Meer gibt es auch deshalb, weil Privatleute, Erfinder, Kapitalisten und Unternehmen viel Hirn, Zeit und Geld investieren. Dafür erwarten sie als Gegenleistung einen Profit. Legte man Milliardären wie Steve Jobs das Handwerk, müssten wir auf die Art von Fortschritt verzichten, die die Mehrheit der Bevölkerung in wohlhabenden Staaten heute genießt.

Felbers Vortrag ist zu Ende, Applaus. Doch Lind meint, die Skepsis seiner Leute zu spüren. Er hängt sich nochmal rein, kämpft. Am Mikrophon beschwört er sie: Die opulenten 14,4 Monatsgehälter, die die Sparda-Angstellten jährlich erhalten, habe man nicht einmal gekürzt, als 2009 die Finanzkrise tobte. Die Botschaft des Chefs: Das bleibt auch in Zukunft so, trotz Gemeinwohl. Das glauben nicht alle. Gegenüber Betriebsrat und Aufsichtsrat muss Lind seine Ideen ständig verteidigen. Und für viele Manager anderer Sparda-Banken ist er ein Störenfried, einer, der sich zum "Guru" aufschwingt. "Warum tust Du das?", wird Lind in bösem Ton gefragt. Er macht eine wegwerfende Handbewegung: Jede Sparda-Bank ist selbstständig ist, die anderen haben ihm nichts zu sagen.

Aber Linds Weg wird nicht einfacher. Tatsache ist, dass Sparda München bisher nur den Stand der Dinge bilanziert hat. Geändert wurde im Sinne der Gemeinwohlökonomie noch nichts. Die eigentlichen Prüfungen und Antworten stehen deshalb aus: Ist die Gemeinwohlökonomie ein vielleicht etwas utopisches Modell oder gar eine fantastische Sackgasse? Für welche Unternehmen kann sie sich unter welchen Umständen eignen? Und: Wie überzeugt man einen wie Josef Ackermann von der Deutschen Bank?

Felber lächelt milde. Ackermann ist kein Gegner für ihn. Die Systematik des Gemeinwohlkonzepts liefert auch hier die durchdachte Antwort. Felber und seine Mitstreiter stellen sich einen basisdemokratischen Prozess vor, durch den über kommunale und regionale Versammlungen ein nationaler "Wirtschaftskonvent" einberufen wird, der eine neue Wirtschaftsverfassung schreiben und von der Bevölkerung abstimmen lassen soll. Entsprechende Gesetze würden später festlegen, dass Unternehmen mit einer guten Gemeinwohlbilanz steuerlich bevorzugt, die übrigen benachteiligt werden. Ein solcher Prozess fände "erstmals in der Menschheitsgeschichte" statt, meint Felber, und bezeichnet die heutige Demokratie als "Diktatur auf Zeit". Er betont, dass es ihm nicht nur um einen "neuen Rahmen" für die Wirtschaft gehe, sondern um ein neues "Fundament" – auch für die Deutsche Bank.
Zur Person

Der 39-jährige Autor und Publizist bereist Deutschland und Österreich als Inspirator einer neuen menschenfreundlichen Wirtschaft. Er neigt zum Spirituellen und Utopischen und ist einer der Gründer der globalisierungskritischen Organisation Attac Österreich. Sein Buch Gemeinwohlökonomie erschien im Frühjahr 2012 neu überarbeitet (Deuticke Verlag, 17,90 Euro).

Autor: Hannes Koch