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23. September 2017 00:01 Uhr

Schweizer stimmen über Reform der Alterssicherung ab

Bei den Schweizer Nachbarn steht am Sonntag eine Reform der Alterssicherung zur Abstimmung, mit der die Interessen zwischen Erwerbstätigen und Rentnern austariert werden sollen.

  1. In der Schweiz steht die Altersvorsorge zur Abstimmung. Foto: dpa

Die Schweizer Altersversorgung hat europaweit den Ruf, besonders differenziert und sicher zu sein. Das auf drei Säulen ruhende System gilt vielen als modellhaft. Das heißt aber nicht, dass es keinen Reformbedarf gibt. Der ergibt sich allein schon aus den demografischen Veränderungen, vor denen auch die Schweiz nicht gefeit ist. Die geburtenstarken Jahrgänge kommen ins Rentenalter, die Zahl der Bezieher von staatlichen Leistungen nimmt zu.

1980 waren 14 Prozent der Schweizer im Rentenalter, 2015 waren es bereits 18 Prozent und 2045 werden es den Prognosen nach 26 Prozent sein. Anfang der 1960er Jahre standen statistisch fast sechs Erwerbstätige für die Renten eines Älteren ein, heute sind es 3,3, in 20 Jahren sollen es nur noch 2,2 sein. Das Verhältnis kippt weiter zu Ungunsten der Beitragszahler. Derzeit finanziert die staatliche Rentenversicherung einen Teil der Renten mit alten Rücklagen – nachhaltig ist das nicht.

Durschnittliche Lebenserwartung ist gestiegen

Dies ist nicht zuletzt Folge einer sehr erfreulichen Entwicklung: Die durchschnittliche Lebenserwartung in der Schweiz ist in dieser Zeit von 74 auf 84 Jahre bei Frauen und von 68 auf 80 Jahren bei Männern gestiegen, entsprechend länger beziehen sie Rente. Die Antwort darauf kann heißen, das Renteneintrittsalter zu erhöhen, die Höhe der ausbezahlten Rente zu beschneiden oder den Steueranteil an der Finanzierung anzuheben – oder alles zusammen in Maßen zu tun.

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Anpassungen bei der staatlichen, umlagefinanzierten Alters- und Hinterbliebenenversorgung (AHV) der tragenden ersten Säule, bedeuten in der Schweiz zugleich Korrekturen bei der zweiten Säule, der Betriebsrente. Daneben gibt es als dritte Säule die private Altersvorsorge. Dieses Dreisäulenmodell wurde 1972 eingeführt. Säule 1 ist die staatliche AHV, in der alle Bürger versichert sind. Es ist eine Art Grundsicherung, sie soll im Rentenalter allerdings nur "ein einfaches menschenwürdiges Leben" ermöglichen.

Die zweite Säule betrifft alle, die berufstätig sind und mehr als 21 150 Franken verdienen. Diese Pflichtversicherung dient dazu, den Lebensstil abzusichern auf einem Niveau jenseits der Grundsicherung. Mehr als 80 Prozent der Schweizer haben eine solche zweite Versicherung über die Pensionskassen. Dieser Teil der Rente beruht auf dem Kapitaldeckungsverfahren.

Verschiedene Szenarien wurden durchgerechnet – mit erschütterndem Ergebnis

Das Problem ist nun, dass die Pensionskassen angesichts niedriger Zinsen zunehmend Mühe haben, die nötige Rendite zu erwirtschaften, um die versprochenen Renten zu bezahlen. Und so werden einbezahlte Beiträge nicht mehr angespart, sondern genutzt, um aktuelle Ansprüche zu decken. Ähnlich ist die Lage der 3. Säule, die rein individuelle Altersvorsorge in Form von privaten Renten.

Die Regierung hat nun verschiedene Szenarien durchrechnen lassen – mit einem erschütternden Ergebnis. Bleibt alles wie bisher, wird die AHV im Jahr 2025 ein Defizit von drei Milliarden Franken erzielen, bis 2030 wird dieses Minus auf sieben Milliarden Franken anwachsen. Ganz neu ist die Erkenntnis nicht, dass das System auf eine massive Krise zuläuft, aber in den vergangenen Jahren sind alle Reformbemühungen gescheitert.

Schweizer können künftig zwischen 62 und 70 Jahren in Rente gehen

Die geplante Rentenreform umfasst mehrere Einzelschritte. Das reguläre Renteneintrittsalter der Frauen, das derzeit bei 64 Jahren liegt, wird dem der Männer (65) angepasst. Die Anpassung soll 2018 beginnen und vier Jahre dauern. Das soll durch zusätzliche Beitragseinnahmen und Einsparungen 1,3 Milliarden Franken einbringen. Zugleich will die Regierung das Renteneintrittsalter flexibler gestalten. Künftig können die Schweizer zwischen 62 und 70 Jahren in Rente gehen, Abschläge bei einem vorgezogenen und Erhöhungen bei einem späteren Eintritt werden auf die Referenzgröße 65 Jahre bezogen.

Zugleich werden die Beiträge in die AHV für Versicherte wie für Arbeitgeber um 0,15 Prozentpunkte angehoben. Ebenso soll der Bund seine Zuschüsse in die AHV erhöhen, und zwar um 0,6 Prozentpunkte. Dazu allerdings müsste der Bund die einzige Steuer, über die er verfügt, die Mehrwertsteuer, anheben. Und zwar von 2021 an um 0,3 Prozentpunkte. Obwohl die beiden Fragen in ein Paket gehören, muss in zwei getrennten Vorlagen darüber abgestimmt werden (siehe Hintergrund unten).
Geld im Alter

Das Einkommen eines Rentners in der Schweiz setzt sich im Durchschnitt zusammen aus 40 Prozent Bezügen aus der staatlichen AHV, 20 Prozent aus der betrieblichen Altersversorgung und 30 Prozent aus der privaten Vorsorge. Zudem erzielen Rentner weitere Einnahmen, statistisch sind es zehn Prozent aller Ruhestandsbezüge. Die staatliche Mindestrente der AHV beträgt künftig 1175 Franken, die Maximalrente das Doppelte (2350 Franken).

Autor: Franz Schmider