Das Vertrauen in die Türkei schwindet

Gerd Höhler und Rolf Obertreis

Von Gerd Höhler & Rolf Obertreis

Sa, 11. August 2018

Wirtschaft

Die Währung Lira verliert gegenüber dem Dollar und dem Euro immer mehr an Wert / Hauptursache ist Erdogans Politik.

FRANKFURT/ANKARA. Der Kursverfall der türkischen Lira hat sich am Freitag dramatisch beschleunigt. Zeitweilig verlor die Währung gegenüber dem Dollar fast 23 Prozent. Das war der größte Kursverlust an einem einzigen Tag seit der schweren türkischen Finanzkrise von 2001. Auch zum Euro stürzte die Lira auf ein neues historisches Tief. Die türkische Währungskrise bedeutet nach Ansicht des Verbandes der deutschen Kreditwirtschaft jedoch kein Problem für die deutsche Banken.

Vor allem die hohe Inflation, Zweifel an der Unabhängigkeit der türkischen Zentralbank und die Sorgen vor politischen Spannungen mit den USA wegen des Streits um einen in der Türkei inhaftierten Pastors sowie Wirtschaftssanktionen drücken die Lira. Am Freitag hatten sich die Befürchtungen bestätigt: US-Präsident Donald Trump schrieb auf Twitter, er habe eine Verdoppelung der Einfuhrzölle auf Stahl und Aluminium aus der Türkei angeordnet.

In Ankara erläuterte Finanzminister Berat Albayrak vor Wirtschaftsvertretern die Leitlinien eines neuen mittelfristigen Wirtschaftsplans. Danach nimmt die Regierung ihr diesjähriges Wachstumsziel von bisher fünf auf "drei bis vier Prozent" zurück. Im vergangenen Jahr war das türkische Bruttoinlandsprodukt (BIP) noch um 7,4 Prozent gewachsen – dank staatlicher Konjunkturprogramme. Die Inflation, die im Juli 15,8 Prozent erreichte, will Finanzminister Albayrak bis zum Jahresende unter zehn Prozent und das Leistungsbilanzdefizit von fünf auf vier Prozent des BIP drücken. Ist das Leistungsbilanzdefizit hoch, wächst die Auslandsverschuldung stark. Albayrak versicherte, die Zentralbank bleibe unabhängig.

Die Eckdaten des Wirtschaftsplanes deuten darauf hin, dass die Regierung beim Wachstum den Fuß vom Gas nimmt, um eine drohende Überhitzung zu vermeiden. Ob das reicht, das erschütterte Vertrauen der Anleger und Investoren zurückzugewinnen, ist aber offen. Marktbeobachter sahen am Freitag noch keine Anzeichen einer Wende. Staatschef Erdogan sprach bei einem Besuch in der nordtürkischen Provinz Bayburt von einem "Wirtschaftskrieg", den sein Land jedoch gewinnen werde. Er sieht hinter dem Währungsverfall eine Verschwörung gegen die Türkei. Erdogan sagte auch: "Die anderen mögen ihre Dollars haben, aber wir haben unser Volk und Allah."Am Freitag rief Erdogan die Türken erneut dazu auf, Dollar, Euro und Gold in die Landeswährung umzutauschen. Die meisten Türken legen ihre Ersparnisse traditionell in harten Währungen oder in Gold an, um der Inflation ein Schnippchen zu schlagen.

Die Landesbank Banden-Württemberg (LBBW) sieht eine Vertrauenskrise und die türkische Währung in einer "Abwärtsspirale". An den Finanzmärkten wird schon über die Zahlungsunfähigkeit der Türkei spekuliert. Die bei der Europäischen Zentralbank (EZB) angesiedelte Bankenaufsicht prüft offenbar, ob sich aus den Forderungen europäischer Banken an die Türkei Probleme ergeben könnten. Dem Vernehmen nach hat sie vor allem die spanische Großbank BBVA, die italienische Unicredit und die französische BNP Paribas im Blick. Nach Daten der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) haben Banken aus Spanien in der Türkei aktuell Kredite in Höhe von rund 83 Milliarden Dollar ausgereicht, aus Frankreich kommen 38 Milliarden Dollar und aus Italien und Deutschland je rund 17 Milliarden Dollar. Deutsche Institute haben vier Milliarden Dollar an türkische Banken, fünf Milliarden an Unternehmen und zwei Milliarden an öffentliche Kreditnehmer gegeben. "Das ist alles kein Drama", meint ein Bankvertreter. "Nach allem, was den Zahlen zu entnehmen ist, ... ist die derzeitige Lira-Schwäche kein Problem für deutsche Kreditinstitute", sagt Stefan Marotzke, Sprecher der Deutschen Kreditwirtschaft.

Es gilt derzeit als unwahrscheinlich, dass die Türkeikrise Probleme in der Eurozone verursachen könnte. Die EZB stuft die Lage dem Vernehmen nach als noch nicht kritisch ein. Am Devisenmarkt ist man vorsichtig. Am Freitag rutschte der Euro auch wegen der Entwicklung in der Türkei auf unter 1,15 Dollar. Das ist der tiefste Stand seit einem Jahr.

"Die anderen mögen ihre
Dollars haben, aber wir

haben unser Volk und Allah."

Erdogan
Die Bedienung und Rückzahlung der Kredite wird für türkische Unternehmen immer teurer, weil sie für ihre Aufträge in Lira bezahlt werden, aber Zins und Tilgung in Dollar oder Euro überweisen müssen. Möglicherweise droht einigen Unternehmen sogar die Pleite. Mittlerweile droht dem Land sogar die weitere Herabstufung durch Ratingagenturen. Nach Angaben von Commerzbank-Ökonom Lutz Karpowitz braucht das Land pro Jahr Kapitalzuflüsse von mindestens 40 Milliarden Euro. Investoren machen derzeit aber einen großen Bogen um das Land.