Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

26. August 2010

Denkfabrik für die Finanzwelt

Bank für Internationalen Zahlungsausgleich: Im Dreiländereck wird ausgehandelt, wie krisenfest die Banken in den großen Finanzzentren der Welt künftig sein müssen.

  1. Stefan Walter Foto: BIZ

  2. Peter Dittus Foto: BIZ

Untertreibung gehört zum Stil des Hauses und auch zu dem des Hausherren. Peter Dittus, der Generalsekretär der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel, sagt: "Wir pflegen hier ja seit Jahrzehnten sehr komplexe Datenreihen über Banken, die in der Vergangenheit als etwas obskur angesehen wurden." Die Genugtuung, dass die Fleißarbeit nun wegen der Finanzkrise Anerkennung findet, klingt nur an: "Aber in letzter Zeit interessiert das jeden" – zumindest jeden, den es interessieren muss.

Was die Zahlenkolonnen bedeuten, die die BIZ regelmäßig veröffentlicht, können nur wenige Menschen auf der Welt einschätzen – sehr wohl aber die einflussreichen Herren, die sich hier regelmäßig treffen. Im Sitzungssaal in einer oberen Etage des achtzehnstöckigen BIZ-Hochhauses kommen alle zwei Monate Jean-Claude Trichet, der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Axel Weber, der Bundesbankpräsident, und Ben Bernanke zusammen, der Präsident der amerikanischen Federal Reserve Bank. Dieses Trio gehört dem Verwaltungsrat der BIZ an. Mit Blick auf den Basler Zoo und die Störche, die dort nisten und über der Stadt ruhig ihre Kreise ziehen, diskutieren die mächtigsten Männer der Finanzwelt über das Schicksal der Weltwirtschaft und des Finanzsystems, das in den vergangenen zwei Jahren von einer atemraubenden Unruhe gekennzeichnet war.

Werbung


Warum sitzt die BIZ in Basel und nicht an einem der großen Finanzplätze dieser Welt? Peter Dittus, ein Deutscher, der den Posten des Generalsekretärs seit 2005 innehat, erklärt das so: "Hier wird technische Arbeit gemacht. Der politische Druck und das Lobbying sind hier relativ bescheiden. Man kann sich auf die Sache konzentrieren." Deswegen passe das kleine Basel, fernab der Finanzplätze New York, Tokio und London, ganz gut zur BIZ.

Wenn er die Aufgabe der BIZ umreißt, untertreibt Dittus ebenfalls: "Wir haben nur einen Lebenszweck: den Zentralbanken die Kooperation zu erleichtern. Wir leisten die intellektuelle Hintergrundarbeit und Forschung, um diesen Austausch zwischen den Zentralbanken produktiv zu machen." Die Basler Bank versteht sich als Denkfabrik. "Hier arbeiten Leute, die primär an Sacharbeit interessiert sind. Der Managertypus kommt nicht hierher", sagt Dittus über die gerade 550 Angestellten, deren Arbeitsplatz von außen an den Kühlturm eines Kohle- oder Atomkraftwerks erinnert. Einem Vergleich mit den imposanten Hauptquartieren der Basler Pharmariesen Novartis und Roche jedenfalls hält der Kühlturm nicht stand.

Vielleicht hängt die Schlichtheit des Turms damit zusammen, dass das eigentliche Bankgeschäft bei der BIZ nur eine Nebenrolle spielt. Sie ist spezialisiert auf die Bereitstellung von Liquidität für die Zentralbanken. "Es gibt nur wenige Stellen auf der Welt, bei denen man noch ein paar Milliarden Dollar kurz vor Marktschluss mobilisieren kann", erklärt Dittus.

Zudem verwaltet die BIZ einen Teil der Währungsreserven der Zentralbanken. Auch die Bundesbank greift auf die Dienste der BIZ zurück. Wie viel Geld verwaltet die BIZ? Vier Prozent der Währungsreserven weltweit. Die Bilanzsumme der Bank beträgt umgerechnet 393,5 Milliarden Dollar. Das Geld liegt nicht in Basel im Tresor. Es ist zinsbringend angelegt. Nein, einen Goldschatz habe man nicht im Keller liegen, versichert Dittus, "aber einige Flaschen guten Wein."

Wie keine andere Institution der Finanzwelt hat die BIZ bereits in den Jahren vor 2007 jene Fehlentwicklungen angeprangert, die dann zur weltweiten Finanzkrise und dem Zusammenbruch der US-amerikanischen Bank Lehman Brothers führten. Deshalb überrascht es nicht, wenn jetzt aus Basel Vorschläge für die Reform des Finanzwesens kommen. Das ist die Arbeit des Basler Ausschusses für Bankenaufsicht, kurz Basler Ausschuss genannt, der unter dem Dach der BIZ arbeitet. Hier entwickeln Experten Standards für die Bankenwelt.

Der Ausschuss wurde 1974 gegründet, als es bei den Banken schon einmal kriselte. In der jüngsten Finanzkrise gaben die 20 größten Länder der Erde dem Ausschuss den Auftrag, neue Regeln auszuarbeiten, damit die Banken Krisen künftig besser standhalten können. Diese Regeln werden in der Fachwelt unter dem Begriff Basel III diskutiert. Sie sollen auf dem nächsten G-20-Gipfel im November im südkoreanischen Seoul abgesegnet und von 2012 an eingeführt werden. Das erwartet zumindest Stefan Walter, der Generalsekretär des Basler Ausschusses, ein US-Amerikaner, der in Freiburg Abitur gemacht hat. In seinem bescheidenen Arbeitszimmer stapeln sich Studien und Statistiken.

Basel III beschäftigt sich nicht mit den Boni für Bankmanager, auch nicht mit der Frage, ob die Banken mit einer Sondersteuer belegt werden sollten oder ob eine Finanzmarktsteuer die Spekulation zähmen könnte. Alle diese Themen, die Öffentlichkeit und Politiker so sehr bewegen, seit die Finanzkrise ausgebrochen ist, spielen in Basel keine Rolle. Hier geht es nur um eines – um Kapital, um Eigenkapital. Mehr davon sollen die Banken vorhalten müssen, als Polster, das selbst bei hohen Verlusten dick genug ist, damit nicht noch einmal der Steuerzahler rettend eingreifen muss. Verschärfte Eigenkapitalregeln halten die meisten Experten für die wichtigste Reform, um das Finanzsystem stabiler zu machen.

Im Prinzip wollen alle 27 Länder, die im Basler Ausschuss vertreten sind, ihre Banken mit mehr Eigenkapital krisenfester machen. Allerdings ist schon der Begriff des Eigenkapitals umstritten. Walter sagt zwar: "Der politische Druck ist nach der Finanzkrise enorm. Auf dem jüngsten G-20-Gipfel Ende Juni in Toronto war man sehr optimistisch, dass man das dieses Jahr durchziehen kann." Hinter den Kulissen wird aber erbittert gefeilscht. Der Satz von Peter Dittus, es gebe derzeit wenig politischen Druck und Lobbyarbeit, erweist sich als eine der Untertreibungen, die zum Stil der BIZ gehören.

Wer in Basel gegen wen kämpft, mag Walter nicht sagen. Es werde intensiv diskutiert – mehr ist ihm nicht zu entlocken. Bei der jüngsten Verhandlungsrunde jedenfalls, das wird aus Stellungnahmen von Kennern deutlich, hat sich die Bundesrepublik als Bremser erwiesen. Die deutschen Banken, vor allem die Landesbanken, sind schwach kapitalisiert. Und weil sie – mit Ausnahme der Deutschen Bank – kaum hohe Gewinne erzielen, werden sie es schwer haben, private Geber für neues Kapital zu finden. Das haben die Schweizer und US-Banken längst gefunden, beispielsweise in den Emiraten am Golf. Deshalb hat Deutschland kein allzu großes Interesse daran, allzu hohe Anforderungen an die Banken zu stellen, obwohl die Bundesregierung nicht müde wird, das Gegenteil zu betonen. Dass die Bankenbranche in den verschiedenen Ländern höchst unterschiedlich aufgestellt ist, bestreitet Walter nicht. Die Forderung "gleiche Regeln für alle", die auf den ersten Blick einleuchtend klingt, bedeutet aber trotzdem nicht für alle Länder das gleiche.

Dass dennoch eine Verständigung nötig ist, kann Stefan Walter gut begründen: "Im Schnitt haben wir in einem Land alle 20 bis 25 Jahre eine Bankenkrise." Die seien viel teurer als normale Wirtschaftskrisen. Allerdings ist die Macht des Basler Ausschusses begrenzt. Er kann Vorschläge machen, die aber nicht bindend sind. Die einzelnen Länder müssen sie in ihre Gesetzgebung übernehmen, sonst bleiben die Vorschläge eine akademische Übung. Die USA haben beispielsweise das Regelwerk Basel II nie übernommen, weil sie der Meinung waren, es erlege den US-Banken zu große Beschränkungen auf.

Dieses Schicksal werde Basel III nicht erleiden, da ist sich Stefan Walter sicher. Grundsätzlich gibt er sich jedoch keinen Illusionen hin: "Ein Finanzsystem, das krisenfrei ist, gibt es nicht. Aber es gibt Spielraum, um die Wahrscheinlichkeit und das Ausmaß solcher Krisen zu beschränken."

Autor: Dominik Haubner und Jörg Buteweg