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03. September 2010 09:16 Uhr
Pro und Contra
Der Glaubenskrieg um den Fahrradhelm
Schützen Fahrradhelme vor Kopfverletzungen wie Polizei, Verkehrswacht und einige Verbände sagen? Darüber tobt ein Glaubenskrieg zwischen Befürwortern und Gegnern der Helmpflicht. Fünf Anmerkungen zur Sache.
Um den Fahrradhelm ist eine Industrie entstanden, die jährlich Millionen umsetzt. Gute Helme kosten zwischen 50 und 300 Euro. Der ADAC, der keine Helmpflicht fordert, schreibt: "Untersuchungen haben gezeigt, dass sich durch einen Helm das Verletzungsrisiko am Kopf um nahezu 50 Prozent verringern lässt." Derweil kommt der Allgemeine Deutsche Fahrradclub, auch er ein Gegner der Helmpflicht, zum Ergebnis: "Beim senkrechten Fall ist der helmtragende 75-kg-Mensch bei 25 km/h etwa so geschützt wie ohne Helm bei 24 km/h."
Im Sommer 2006 unternahm Ian Walker, Verkehrspsychologe an der Universität Bath, einen Selbstversuch. Mal mit, mal ohne Helm radelte er durch Salisbury und Bristol. Dabei dokumentierte er 2500 Überholvorgänge mit versteckter Kamera und Abstandsmesser. Wenn Walker einen Helm trug, rückten ihm Autos im Schnitt 8,5 Zentimeter näher, als wenn er oben ohne unterwegs war: "Radfahrer mit Helm gelten wohl als versierter und erfahrener." Dass ihm Pkw- und Lkw-Fahrer dagegen 14 Zentimeter mehr Platz einräumten, wenn er sich mittels angestecktem Zopf als Radlerin ausgab, liege womöglich daran, dass "viele einer Frau eher plötzliche Schlenker zutrauen".
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Münster in Westfalen gilt noch vor Freiburg im Breisgau als Hochburg der Radfahrer. Auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Neurochirurgie 2004 referierten drei Fachärzte der Uniklinik in Münster über "Verletzungsmuster bei Radunfällen". Von 3395 untersuchten Schädeltraumata gingen knapp 10 Prozent auf Fahrradunfälle zurück, der Rest auf Bereiche, in denen nicht über Helmpflicht diskutiert wird: Freizeit, z.B. Treppensteigen (36%), Fensterputzen u.ä. Hausarbeiten (28%), Arbeit (15%), Autoverkehr (11%).
Fazit der Neurochirurgen: Fahrradhelme vermindern nicht das Risiko von Schädelverletzungen, für Radfahrer müssen andere Mittel zur Prävention gefunden werden.
Für ihre Studie "Verletzungssituation von Radfahrern", präsentiert im Oktober 2005, haben acht Unfallchirurgen aus Hannover 4264 Radunfälle untersucht. Fast jeder zweite in einen Unfall verwickelte Fahrer erlitt Kopfverletzungen, die Helmträgerquote betrug nur 1,5 Prozent.
Fazit der Unfallchirurgen: Zwei Drittel aller Kopfverletzungen lagen im Schutzbereich des Helms, zu ändern sei das vor allem durch eine konsequentere Helmnutzung. Das empört ausgewiesene Helmgegner: "In 73 Prozent der Unfälle sind Autos involviert, doch statt die Ursachen solcher Unfälle anzugehen, werden vom schwächeren Unfallgegner zusätzliche Schutzmaßnahmen verlangt."
Noch nicht durch Studien belegt, aber unter Helmgegnern oft kolportiert werden zwei weitere Aspekte. Das Tragen eines Helms vermittle eine Illusion von Sicherheit, was zu einer Risiko-Überkompensation führen könne: Mit Helm gehe manche Radfahrer Risiken ein, die sie ohne Helm nicht wagen würden. Überdies notierten Ärzte auch Unfälle, bei denen die Halswirbelsäule durch das zusätzliche Gewicht, die Hebelwirkung der Helmschale oder die ungenügende Befestigung des Helms geschädigt werde.
Fazit des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC): "Die positiven Gesundheitseffekte des Radfahrens, auch ohne Helm, gleichen die Gesundheitsgefährdung durch Verletzungen bei weitem aus." Eine Helmpflicht würde zur Verminderung des Radfahrens und damit einem "Wohlfahrtsverlust für das Land".
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Autor: Toni Klein
