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11. März 2010
Der Sechs-Millionen-Euro-Flirt
Wie die Freiburger Softwarefirma Jedox um Wagniskapital buhlt, weil sie bei Banken keinen Kredit bekommt.
Kristian Raue ist wieder unterwegs. Es ist Anfang November vergangenen Jahres. Gerade hat er in London um Investoren geworben, die ihr Geld in seine Firma stecken sollen – erfolglos. Nun ist er nach Frankfurt gereist, in die dortige Messehallen, wo Jedox einen bescheidenen Stand aufgebaut hat. Wie jedes Jahr findet hier das Kapitalmarktforum der Deutschen Börse statt. Unternehmer wie Raue, die Geld suchen, treffen sich dort mit Investoren, die trotz der Finanzmarktkrise genug davon haben – und es gern hochverzinst anlegen wollen.
Raue ist im Rahmenprogramm der Messe zu einem besonderen Essen eingeladen. 25 Firmenchefs speisen mit 25 Kapitalgebern. "Dabei geht es fast zu wie beim Speeddating", sagt Raue. "Rote Teller für die Unternehmer, weiße Teller für die Investoren – und nach jedem Gang sitzt man an einem anderen Tisch." Keiner will Single bleiben. Gesucht werden keine kurzen Affären, sondern längere Beziehungen, etwas Festes, zumindest für ein paar Jahre. Raue bändelt mit einem französischen Geber von Wagniskapital an. Man versteht sich gut. Den Rotwein lässt Raue weg. Nach dem Essen macht er bis tief in die Nacht eine Firmenpräsentation für den nächsten Tag fertig.
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Der Franzose sagt zu, bald nach Freiburg zu kommen, in das Hochhaus am Hauptbahnhof, wo Jedox seinen Sitz hat. Falls ihm das Produkt von Jedox gefällt, ein Computerprogramm, wird er in die Bücher des Unternehmens schauen wollen, um zu prüfen, ob sich eine Investition lohnt. In dieser Bilanz von Jedox steht heute ein einstelliger Millionenumsatz und ein Verlust. Vielleicht ist der Franzose derjenige, mit dessen Hilfe sich das ändern lässt. Sechs Millionen Euro sucht Jedox. Mit diesem Geld will die Aktiengesellschaft schnell weiter wachsen, Märkte im Ausland erobern, neue Mitarbeiter einstellen und bald Gewinn machen.
Keiner will hier in Frankfurt ein gutes Geschäft verpassen. Deshalb herrscht eine eigentümliche Form der Hektik. Es wird viel geredet. Sobald ein Grüppchen zusammensteht, strömen andere hinzu, neugierig wie Kinder. Firmenchefs werben im Halbstundentakt parallel in mehreren Konferenzräumen für ihre Ideen und um Geld. Ohne dieses wird aus keiner Idee ein Geschäft.
Im Raum "Hongkong" hat gerade ein norddeutscher Unternehmer gesprochen. Mobiltelefone, verspricht er, würden mit seiner Software sogar die Kreditkarte ersetzen, weil man ja bald mit dem Handy überall bezahlen könne. Um die 1000 Prozent Umsatzwachstum binnen weniger Jahre versprach der smarte Manager. Der ein oder andere Zuhörer hat solche Sätze schon einmal gehört – bevor Anfang des Jahrtausends am sogenannten Neuen Markt Träume und Renditeerwartungen platzten wie Seifenblasen.
Schlüssige Konzepte von Hochstapelei zu unterscheiden – das muss ein erfolgreicher Wagniskapitalgeber können; auch wenn die Grenzen manchmal fließend sind. Um sein Risiko zu streuen, investiert diese Spezies von Investoren in mehrere junge Firmen in wachsenden Branchen. Viele davon werden es nicht schaffen. Aber eine gelungene Investition kann reichen, um unter dem Strich einen hohen Gewinn einzufahren.
Warum tut sich Jedox-Chef Raue diese Hektik an? Warum geht er nicht einfach zu einer Bank, um einen Kredit zu bekommen, wie seine Kollegen aus der Industrie oder aus dem Handel? "Wenn ich als Softwareunternehmer der Bank 500 000 Euro an Sicherheiten geben würde, gibt sie mir vielleicht 250 000 Euro Kredit", scherzt er. Sicherheiten – die hat Raue nicht, nur eine Idee, mehr als 50 Mitarbeiter in Freiburg, 20 weitere in Prag, Bosnien und Rumänien und ein Computerprogramm. Das Problem: Wie will man dessen Wert bestimmen? 15 Millionen Dollar seien es, sagt Raue. In der Bilanz von Jedox taucht dieser Wert aber nicht auf, weil die Bilanzierungsregeln in Deutschland dies nicht gestatten. "Wenn ein Industriebetrieb eine Maschine baut, kann er deren Wert in die Bilanz stellen. Bei einem Computerprogramm darf man das nicht. Deshalb taucht jede Investition, die wir tätigen, in der Bilanz erst einmal als Verlust auf", erklärt Raue. Eine Maschine ist ein materieller Vermögenswert. Man kann sie sehen, hören, anfassen, in einer anderen Halle aufbauen, reparieren oder verschrotten. Aber ein Computerprogramm, einen immateriellen Vermögenswert?
Was kann die Software von Jedox? Sie soll dafür sorgen, dass ein Firmenchef in seinem Unternehmen die Übersicht behält. Viele Firmen erfassen die wichtigen Daten mit der Tabellenkalkulation Excel von Microsoft – Umsätze, Lagerbestände, Bestellungen. "Verschiedene Abteilungen getrennt voneinander, in Hunderten Dateien. Oft widersprechen sich die Zahlen. Wir beenden dieses Chaos", verspricht der 48 Jahre alte gelernte Wirtschaftsingenieur Raue. Die Software von Jedox sei nicht schwieriger zu bedienen als Excel, habe aber mehr Funktionen. Und alle Mitarbeiter eines Unternehmens, egal, ob in der Niederlassung in Baltimore, Bombay oder Bielefeld, könnten auf die selben Dokumente zugreifen. Das Programm von Jedox heißt Palo. Es ist kostenlos im Internet zu bekommen, ist also ein Open-Source-Programm wie es Privatanwender von Open Office kennen.
"Nur fünf bis zehn Prozent unserer Kunden bezahlen uns", erklärt Raue. Die anderen nutzen Palo kostenlos. Geld bekommt Jedox nur für Beratungsleistungen, Schulungen und für besonders umfangreiche Software-Pakete. 300 zahlende Kunden habe man. Bayer sei darunter, Metro, die UBS, Novartis, Magna, Vodafone. Raues Kalkül: Wenn ein Mitarbeiter in einer Firma Palo kostenlos herunterlädt, nutzt und zufrieden ist, empfiehlt er es weiter – an andere Mitarbeiter, andere Abteilungen, andere Firmen. So will Jedox in die Firmen einsickern und sich dann als Berater unverzichtbar machen.
Raue glaubt, Open Source wird die Softwarebranche umkrempeln. Ein Computerprogramm werde nun einmal nur einmal geschrieben und die Kosten für Palo steigen nicht, falls es statt 300 bald 3000 Firmen nutzen. Mehr Aufwand für Jedox entstünde erst, wenn die Unternehmen Beratung bräuchten. Hat Raue Recht? Diese Frage ist für die Wagniskapitalgeber entscheidend. Nur wenn dem so ist, können sie mit Jedox Geld verdienen.
"Ja, Open-Source-Geschäftsmodelle können funktionieren", sagt Wolfgang Johann Mitschke vom Beratungsunternehmen Simon-Kucher. Dazu müssten sie aber sehr weit verbreitet sein, weshalb die Anbieter zu schnellem Wachstum gezwungen seien. "Es gibt bereits Beispiele, bei denen dies der Fall ist. Denken Sie an das kostenlose Betriebssystem Linux. Auch hier wird mit kostenpflichtigen Zusatzleistungen Geld verdient. Unternehmen, die diese Software nutzen, bezahlen zum Beispiel für Support und Upgrades." Auch Platzhirsche in der Softwarebranche wie SAP erwirtschafteten einen großen Teil ihres Umsatzes mit Service und verdienten nicht allein mit den Lizenzen für ihre Software. Jedox-Chef Raue ist überzeugt, dass er Recht hat; dass sich mit Open Source Geld verdienen lässt, "aber ein Bankberater müsste unser besonderes Geschäftsmodell verstehen und die enormen Marktchancen. Das ist schwierig." Deshalb braucht Raue einen Wagniskapitalgeber, muss auf die hektischen Messen in London oder Frankfurt.
2002 hat Raue Jedox gegründet. Das erste Computerprogramm schrieb er selbst, das Startkapital nahm er aus dem Verkaufserlös einer anderen Softwarefirma. Diese habe er von zwei auf 50 Mitarbeiter groß gemacht und verkauft – bevor der Neue Markt einbrach. Einen Teil des Verkaufserlöses investierte er in Jedox. Warum noch einmal in ein Geschäft mit derart vielen Unsicherheiten? "Manchmal sagt man mir, dass ich zu schnell bin", sagt der Vater von vier Kindern. "Ich finde das aber besser, als wenn man mir sagen würde, ich würde etwas verschlafen." Rau mag die Geschwindigkeit, das Risiko.
mag das Risiko.
Inzwischen liegt das Eigenkapitalforum in Frankfurt vier Monate zurück. Der deutsch-französische Flirt beim Speeddating ist folgenlos geblieben, auch der Frager aus der Präsentation wird Jedox kein Geld geben. Aber ein anderer Franzose ist aufgetaucht, peilt eine Liaison mit Jedox an. Er hat die Präsentation in Frankfurt auch gehört, sich danach bei Raue gemeldet. Der Franzose lässt derzeit prüfen, wie gut das Palo-Programm von Jedox ist. Findet er Gefallen daran, wird er Wirtschaftsprüfer nach Freiburg schicken, die die Bilanz von Jedox prüfen, bevor er einsteigt. Das wird ein paar zehntausend Euro kosten, minimiert aber das Risiko, einem Hochstapler aufzusitzen.
Ist es Zufall, dass so viele Franzosen Wagniskapital zu vergeben haben? "Nein", sagt Raue. Staatschef Nicolas Sarkozy fördert solche Investoren, um Frankreichs High-Tech-Branche nach vorn zu bringen. Falls die Investoren Gewinn mit jungen Softwarefirmen machen, erhalten sie saftige Steuervorteile. Von Sarkozys Standortpolitik könnte Freiburg profitieren – und dann wieder Frankreich. Denn diesen Markt hat Raue im Auge.
Autor: Ronny Gert Bürckholdt
