Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

24. Mai 2013 00:00 Uhr

Deutschland

Elf Millionen Tonnen Lebensmittel landen im Müll

Lebensmittel sind günstig hierzulande. Was zu viel ist oder nicht mehr lecker aussieht, landet im Müll. Mehrere Millionen Tonnen türmen sich auf. Mit weitreichenden Folgen.

  1. Wohlstandsmüll. Foto: dpa

Der Apfel hat eine Druckstelle, die Möhre wirkt schrumpelig, das Haltbarkeitsdatum auf dem Joghurtbecher ist gerade abgelaufen – das alles reicht, um in den Abfalleimer zu fliegen. Jedes achte Lebensmittel, das der Verbraucher hierzulande kauft, landet nicht im Magen, sondern im Müll. Manchmal noch in der Originalverpackung. "Die Werbung suggeriert uns, wir sollen kaufen, kaufen, kaufen", sagt Greenpeace-Agrarexperte Martin Hofstetter. Überall werde man überredet, mehr mitzunehmen als nötig – mit Slogans wie "Kauf drei, zahl zwei".

Hofstetter meint: "Es wird immer noch zu viel weggeworfen in Deutschland, auch weil Lebensmittel billig sind und ihnen damit nicht der Wert beigemessen wird, der ihnen eigentlich zukommt." Ein gigantischer Lebensmittel-Abfallberg von elf Millionen Tonnen pro Jahr geht zu einer guten Hälfte – 61 Prozent – auf das Konto der privaten Verbraucher. Für den Rest sind Industrie, Gastronomie und Handel verantwortlich.

Die vor gut einem Jahr ins Leben gerufene Kampagne "Zu gut für die Tonne" von Verbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) reiche nicht aus, meint Hofstetter. Auch nicht, wenn nun der Handel aktiv mitmache, "um sein Image aufzupolieren", sagt er mit Blick auf die am Donnerstag in Köln gestartete Info-Aktion gegen Verschwendung von Aigner, Landfrauenverband und dem Discounter Penny. "Man müsste dort, wo die Menschen einkaufen, einfordern, dass sie nur das mitnehmen, was ihnen wirklich im Kühlschrank fehlt. Aber das widerspricht natürlich den Interessen des Handels und der landwirtschaftlichen Betriebe."

Werbung


Ein Blick über den Tellerrand ist geboten: In Deutschland werden nur zwölf Prozent des verfügbaren Einkommens für Lebensmittel ausgegeben. In den Entwicklungsländern muss die Bevölkerung 40 bis 50 Prozent für Essen aufwenden. Bei den Armen in den Städten sind es 80 bis 90 Prozent, sagt Ernährungsfachmann Johannes Küstner von Brot für die Welt. "Wenn sich die Preise für Grundnahrungsmittel erhöhen, kann das für sie existenzielle Auswirkungen haben." Die Verschwendung von Lebensmitteln in den wohlhabenden Ländern treibe die Preise definitiv mit in die Höhe.

Küstner ist skeptisch, ob es gelingen kann, die Menge der weggeworfenen, noch essbaren Lebensmittel EU-weit bis 2020 zu halbieren. "Das kann nur funktionieren, wenn man Industrie und Handel mit in die Pflicht nimmt." Denkbar sei etwa eine Abfallsteuer. Rewe-Vorstand Jan Kunath hält eine verbindliche Regelung für Industrie und Handel dagegen nicht für sinnvoll. "Das würde wenig Erfolg bringen, denn man muss beim Verbraucher ansetzen, der ja den größten Anteil an der Lebensmittelvernichtung hat." Der Handel solle allerdings den übermäßigen Einkauf "nicht befördern".

Greenpeace will neue Regeln für Mindesthaltbarkeit

"Wir haben eine ethische Verantwortung, sorgsam mit unseren Lebensmitteln umzugehen", sagt Aigner. Klar ist: Was hier weggeworfen wird, hat andernorts viel Ackerland, Wasser, Energie und Arbeitskraft gekostet. Das alles ist vergeudet, wenn das Lebensmittel am Ende einer langen Kette im Müll landet. 20 Prozent der Lebensmittel – Futtermittel eingeschlossen – auf dem deutschen Markt stammen aus Entwicklungsländern, erläutert Küstner. Die Politik müsse ans Mindesthaltbarkeitsdatum ran, fordert Hofstetter von Greenpeace. In vielen Fällen – wie bei Milchprodukten – bleibe das Produkt auch nach dem abgelaufenen Datum tadellos. Das wüssten viele nicht. "Ich kann schmecken, ob der Joghurt noch gut ist oder riechen, ob die Milch sauer ist. Wir müssen wieder anfangen, unsere eigenen Sinne zu nutzen." Und: "In Restaurants oder Kantinen könnte die Bewirtschaftung so umgestellt werden, dass sich jeder nur so viel bestellt oder selbst auswählt, wie er auch tatsächlich verzehrt."

Autor: Yuriko Wahl-Immel (dpa)