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19. Juni 2015

Mindestlohn

"Die Katastrophe ist ausgeblieben"

Experten ziehen Bilanz nach sechs Monaten Mindestlohn.

NÜRNBERG. Es war ein Experiment mit ungewissem Ausgang – knapp sechs Monate nach der Einführung des flächendeckenden Mindestlohns sind die Auswirkungen für Wirtschaft und Arbeitsmarkt zwar noch nicht komplett überschaubar – große Jobverluste zeichnen sich bislang aber nicht ab.

Die ersten Service- und Küchenkräfte hat er entlassen, und auch das Eisbein mit Sauerkraut gibt es bei Marco Helm in der "Bauernschänke" im brandenburgischen Eggersdorf nicht mehr so günstig wie noch vor ein paar Monaten. Vielleicht, so überlegt der ostdeutsche Wirt, führt er auch noch einen weiteren Ruhetag ein. Umsatz erhöhen und Kosten senken sei angesagt in dem Traditionsgasthaus am Bötzsee. Helm macht wie vielen Wirten in ländlichen Regionen Ostdeutschlands der Mindestlohn zu schaffen. "Da passt dann einfach die Kalkulation nicht mehr", klagt Helm. Höhere Preise verschreckten die Gäste.

Trotz verstärkter Klagen der Taxibranche, mancher Landwirte und vor allem ostdeutscher Gastronomen – sechs Monate nach Einführung des Mindestlohns von 8,50 Euro die Stunde sind die bundesweiten Folgen der flächendeckenden Lohnuntergrenze noch immer nur schwer abschätzbar. Vor allem Wirtschaftsforscher, wie das Münchner Ifo-Institut, halten sich mit einer Zwischenbilanz zurück. "Wir haben noch keine eigenen Erkenntnisse", lehnt Ifo-Sprecher Harald Schultz Bewertungen ab. Zwei Entwicklungen lassen sich nach Experteneinschätzung aber schon beobachten: Der Mindestlohn kostet vor allem Minijobber und Beschäftigten in Ostdeutschland den Job. Insgesamt scheinen aber Unternehmen den Mindestlohn im Großen und Ganzen gut verkraftet zu haben. Der von manchen befürchtete massive Stellenabbau ist bislang ausgeblieben.

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Das sieht auch der Direktor des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), Joachim Möller, ähnlich. "Wie erwartet ist die Anpassung an den Mindestlohn für einige Betriebe im Osten schwerer als im Westen", berichtet er. Und auch der stärkere Rückgang der Minijobs im ersten Quartal gehe wahrscheinlich zum Teil auf das Konto des Mindestlohns. Dafür spreche die zeitliche Übereinstimmung. "Das ist zwar kein strenger Beweis, aber ein klares Indiz." Trotz dieser Entwicklung ist für Möller aber klar: "Die von einigen erwartete große Katastrophe ist ausgeblieben. Das Instrument Mindestlohn hat nicht für immense Probleme gesorgt."

Wurden aus Minijobs reguläre Beschäftigungen?

Für jene, die ihren 450-Euro-Job verloren, weil sie offenbar zu Mindestlohnbedingungen nicht mehr rentabel zu beschäftigen waren, ist das ein schwacher Trost. Nach Angaben der Minijob-Zentrale gab es Ende März fast 190 000 Minijobs weniger als vor einem Jahr. "Der Rückgang der Minijobs in diesem Umfang ist schon ungewöhnlich", sagt Sprecher Wolfgang Buschfort. Dass der Rückgang etwas mit dem Mindestlohn zu tun hat, hält auch er für wahrscheinlich. "Andere Gründe fallen uns jedenfalls nicht ein."

Für Arbeitsmarktforscher Möller bedeutet das aber nicht unbedingt, dass die bisherigen Minijobber zugleich ihre Arbeit verloren haben. Ein genauerer Blick auf die Minijob-Zahlen habe gezeigt, dass gerade in Branchen mit hohen Minijob-Verlusten zuletzt besonders viele neue sozialversicherungspflichtige Stellen entstanden. Im Klartext: Etliche Minijobs wurden anscheinend wegen des Mindestlohns in reguläre Arbeitsplätze umgewandelt. Wie groß dieser Effekt tatsächlich ist, werde man aber wohl frühestens am Jahresende wissen, erwartet Möller.

Unklar ist noch, wie viele Beschäftigten auf der anderen Seite vom Mindestlohn profitieren. Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, sprach von 2,8 Millionen Menschen, die am Monatsende wegen des Mindestlohns mehr Gehalt auf dem Konto haben – und zwar im Schnitt 30 Prozent. IAB-Chef Möller möchte sich da noch nicht festlegen. Er geht davon aus, dass sich die Lohnsumme in Deutschland wegen des Mindestlohns bis zum Jahresende um rund 1,6 Prozent erhöht – vorausgesetzt, die Lohnuntergrenze führt nicht zu einem verstärkten Jobabbau. Skeptischer beurteilt das Taxigewerbe die sechs Monate Mindestlohn. Einen Verlust von 25 Prozent der Stellen hatte der Taxi- und Mietwagenverband befürchtet. So schlimm sei es bisher nicht gekommen, räumt Verbandsgeschäftsführer Thomas Grätz ein. Aber das könne sich ändern, sobald der Zoll mehr kontrolliere.

Autor: Klaus Tscharnke (dpa)