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02. September 2009

Schrauber in Not

Die Opfer der Abwrackprämie

Der Verschrottungsboom bringt Geld in die Kassen der Autohändler, doch den freien Werkstätten fehlt die Kundschaft. In Werner Karles Werkstatt ist es im März ruhig geworden.

Dass es schlechter wird, hat er schon gedacht, aber so schlimm? Nein, das wirklich nicht. In Werner Karles Werkstatt ist es im März ruhig geworden. Plötzlich seien nur noch die Hälfte der Kunden gekommen; plötzlich habe er nur noch die Hälfte umgesetzt.

An diesem heißen Nachmittag schraubt er an einem alten, matt-roten Renault: kleine Wartung mit Ölwechsel. Der Renault war früher mal sein Werkstattwagen, Karles Werbung klebt noch drauf. Einen Zahnriemen hat er heute ausgetauscht und eine TÜV-Untersuchung vorbereitet. Zu tun habe er schon noch, aber nichts Großes mehr.

Sicher, Karle hat nicht die modernste Werkstatt in Freiburg. Sein Vater hat sie in den 60ern eröffnet. Vor 20 Jahren hat Karle sie übernommen. Und so sieht sie aus. Die Einrichtung ist vergilbt, auf einem Schrank stauben Öldosen vor sich hin, einen PC sucht man vergeblich. Junge Kunden, sagt Karle, bekomme er keine mehr und die Stammkundschaft sterbe langsam weg. Aber das ist nicht der eigentliche Grund für den Umsatzeinbruch. Der eigentliche Grund ist die Abwrackprämie, Lieblingskind großkoalitionärer Wirtschaftspolitik, Wundermittel gegen die Absatzflaute auf dem Neuwagenmarkt. Für Karle bedeutet sie vor allem viel Zeit zu haben – und weniger Einnahmen.

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Früher, vor zehn Jahren, da haben seine Kunden zwei Wochen auf einen Termin warten müssen. Vor der Prämie seien es zumindest noch drei, vier Tage gewesen. Für morgen habe er überhaupt noch keinen Termin. "Die großen Leute finden die Abwrackprämie gut. Die reden ja nur noch vom Wirtschaft ankurbeln. Davon bekommen wir nichts mit."

Claudia Schiffer vom Zentralverband Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe sieht das anders. Sie sagt, dass die Werkstätten sogar stärker ausgelastet seien und es vermutlich nur einen geringfügigen Umsatzrückgang geben würde: "Eine Delle wird es geben. Nicht mehr und nicht weniger."

Der Bundesverband der Mehrmarken-Werkstätten führt gerade eine Befragung unter freien Werkstätten durch. Das bisherige Ergebnis: Gerade die 5000 kleinen Betriebe, oft in zweiter Generation betrieben, hätten zu leiden. 30 Prozent weniger Kunden – die Umsatzeinbrüche seien oft noch größer. "Der eigentliche Verlust entsteht erst im Herbst dieses Jahres", sagt Manfred Kaufhold vom Bundesverband.

Zwei Millionen Autos werden bis Mitte nächsten Jahres abgewrackt. Dafür reichen die fünf Milliarden Euro, die die Bundesregierung für die Abwrackprämie zur Verfügung gestellt hat. Laut Deutscher Automobil Treuhand werden Autos, die älter sind als acht Jahre im Schnitt für 550 Euro im Jahr repariert und gewartet. Das heißt für die Autowerkstätten: 1,1 Milliarden Euro, die ihnen durch die Prämie an Umsatz verloren gehen. Insgesamt sei das zwar nur ein geringer Teil des Gesamtumsatzes, sagt Kaufhold, aber die Verluste treffen vor allem Betriebe wie den von Werner Karle.

Der beklagt, dass Neuwagenkäufer von den großen Händlern festgenagelt werden. "Die nächsten fünf Jahre kommen die nicht zu uns." Die meisten Kleinwagenhersteller bieten ihren Kunden zwei, manche drei Jahre Garantie, dafür müssen sie in dieser Zeit regelmäßig zur Inspektion. Laut Gesetz könnten das auch freie Werkstätten machen, wenn die Herstellervorgaben eingehalten werden. Bei Neuwagen heißt das: PC anschließen und Diagnoseprogramm laufen lassen.

Karle ist 63 Jahre alt. In zwei Jahren sei Feierabend, das habe er schon immer geplant gehabt. Sein Sohn arbeitet bei einer Werkstattkette; er hat kein Interesse, den Betrieb seines Vaters zu übernehmen. Warum sollte Karle also in neue Technik investieren? Warum sich mit ihr auseinandersetzen?

"Mich wundert, dass die Grünen da nichts sagen", sagt Karle, Gebrauchsgüter seien das schließlich, die da vernichtet würden. "Man würde ja auch kein Haus abreißen, das zehn Jahre alt ist und neu aufbauen." Eine Erkenntnis, die Karle mit Hans-Werner Sinn, einem der renommiertesten Wirtschaftswissenschaftler Deutschlands, teilt. Der findet, die Vernichtung von intakten Autos sei pervers, volkswirtschaftlich unsinnig und ökologisch fragwürdig. "Gehen Sie mal zum Winkler", sagt Karle, "und schauen, was da rumsteht." Wird gemacht.

"Der Jens", Winkler Junior, ist braun gebrannt. Man sieht ihm an, dass er viel Zeit hier draußen zwischen Schrottpresse und Hebebühne verbringt. Sein Vater hat die Autoverwertung in der Nähe der Freiburger Messe vor zehn Jahren aufgemacht. Ein Familienbetrieb, wie er familiärer nicht sein könnte: Vater, Mutter, zwei Söhne und die Schwiegertöchter arbeiten hier.

Ein Angestellter der Winklers spießt gerade einen Opel Tigra mit dem Gabelstapler auf. Die Zacken der Staplergabel in die Windschutzscheibe gebohrt, geht es in die Werkshalle. "So was gab’s gar nicht", sagt Jens Winkler, deutet auf den Opel und meint die vielen völlig intakten Fahrzeuge, die seit Mitte März bei ihnen landen. "Da werden Autos verschrottet, da tränen dir die Augen."

In orangen Stahlregalen lagern Smarts, Golfs, Twingos, die aussehen als hätten sie noch ein langes Leben vor sich gehabt. Keine alten Stinker, nein, moderne Autos mit geringem Verbrauch und Schadstoffausstoß. Keine natürliche Auslese, sondern Opfer der Abwrackprämie.

"Da werden Autos verschrottet, da tränen dir die Augen."

Jens Winkler
Zu den Winklers kommen auch Autos, die mehr wert sind als die 2500 Euro Abwrackprämie. Der Großteil ihrer Kunden sind Autohändler. Die erledigen das Abwracken für ihre Kunden und legen oft noch einen Rabatt drauf. Für Händler lohnt es sich oft nicht, ein Auto für 3000, 4000 Euro zu verkaufen, da sie auch auf Gebrauchtwagen Garantie geben müssen. Deshalb landen auch Mercedes-A-Klassen in Winklers Schrottpresse.

Winkler meint, es ließe sich mehr und schneller Geld verdienen, wenn sie die Autos direkt verkaufen würden. Laut dem Bund Deutscher Kriminalbeamter sollen bis zu 50 000 abgewrackter Autos illegal ins Ausland verkauft worden sein. Anfragen gebe es zu genüge, sagt Winkler. Doch die hätten sie von Anfang an abgelehnt. "Das war uns zu heiß." Die Regale sind die Auslage für Qualitätsware auf Winklers Platz. Hier schlachten Hobbyschrauber und Teilehändler aus Afrika oder Osteuropa die Autos aus. Im Motorraum eines Golfs schraubt ein grauhaariger, ölverschmierter Mann. Stammkunde sei der, hat Winkler vorher erzählt, aus Polen. Ob er Deutsch spricht? Der Mann raunzt, dass er nur Spanisch könne und verscheucht den Reporter. "Paparazzi oder was?"

Das Geschäft mit den Teilen laufe gut, schließlich haben sie nie so viele hochwertige Teile gehabt, meint Winkler. Verschrotten müssen sie nur das Chassis, alles andere – Türen, Getriebe, selbst komplette Motoren – dürfen sie den Ausschlachtern überlassen. Aber: "So viele Autos, wie wir momentan bekommen, so viele Teile können wir gar nicht verkaufen." Winklers mussten einen zusätzlichen Platz anmieten, um all die Autos unterzubringen, die die Abwrackprämie in den vergangenen Monaten zu ihnen geschwemmt hat. Wirklich alte Autos gehen deshalb meist direkt in die Presse.

Was von ihnen übrig bleibt, türmt sich am Ende des Schrottplatzes auf einem Berg aus Stahlwürfeln. "Der Timo", Jens Winklers Bruder, steuert aus dem Fahrerhaus seines Baggers die Vernichtung. Mit einer mannsgroßen Stahlkralle drückt er Dächer ein, zertrümmert Windschutzscheiben, reißt Motoren raus und lässt sie mit einem Schwung des Baggerarms in Metallcontainer fliegen. Es kracht, knirscht, klirrt. Obwohl sie so viele Teile verkaufen wie nie zuvor, mehr Gewinn machen sie nicht, glaubt Jens Winkler. Der niedrige Weltmarktpreis für Metall frisst die Einnahmen wieder auf. Und was kommt danach, wenn das Strohfeuer der Abwrackprämie verglüht ist? "Ich will gar nicht dran denken."

Autor: Daniel Etter