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14. September 2017

Die rollende Solarzelle

Ein Münchner Start-up hat ein E-Auto gebaut, dass ganz ohne Steckdose Sonnenlicht tankt.

  1. Dieses Auto fängt direkt die Energie des Lichts ein – der Sion soll 2019 auf den Markt kommen. Foto: PR

MÜNCHEN/FREIBURG. Bei der Internationalen Automobilausstellung (IAA) in Frankfurt ist die Erfindung des Münchner Start-ups Sono Motors nicht zu sehen. Ein Auftritt auf der Branchenschau kommt für die Tüftler zu früh – und ist teuer. Die Gründer haben ein E-Auto entwickelt, das es bald mit Modellen der Autokonzerne aufnehmen soll. Wenn der Strom verbraucht ist, sollen Solarzellen für Nachschub sorgen.

Die Münchner wollen erreichen, was den deutschen Autobauern seit Jahren misslingt: einen günstigen, praktikablen, 100 Prozent elektrisch betriebenen Kleinwagen produzieren. Sion heißt das Gefährt. "Wir wollten es einfach mal probieren", sagt Jona Christians, einer der Gründer der Sono Motors GmbH. Er ist Mitte 20, so wie Schulfreund Laurin Hahn und Navina Pernsteiner. Sie kamen vor vier Jahren auf die Idee, die Welt mit einem selbst gebauten Elektroauto zu verbessern – ein Bastelprojekt in der Garage, begonnen nach der Schulzeit. "Wir konnten weder schweißen noch flexen", sagt Christians. Er lacht: "Es ist schon erstaunlich, was man bei Youtube alles lernen kann."

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Seitdem hat sich Sono Motors zu einem Kleinunternehmen entwickelt, das 15 Mitarbeiter beschäftigt. Entwickler, Techniker, Designer und Investoren sind an Bord. Für die Entwicklung von Sion wurde eine halbe Million Euro aufgetrieben, das meiste davon per Crowdfunding.

"Wir sind in den letzten Zügen", sagt Christians. "Ab 2019 können wir ausliefern." Gebaut werde der Prototyp des Sion nicht in der heimischen Garage, sondern von der Roding Automobile GmbH, einem auf Prototypen spezialisierten Unternehmen, das mit seinem selbst entwickelten Carbon-Sportwagen "Roadster R1" recht bekannt geworden ist.

Um Kosten zu sparen, hat das junge Team kein komplettes Auto neu entwickelt. "Wir konnten viele Teile aus bestehenden Produktionen übernehmen", erklärt Christians. Auf dem Markt gebe es viele lizenzfreie Produkte; auch Bosch biete eine eigene Serie an. "So kann es sein, dass zum Beispiel das Lenkrad auch in anderen Modellen verbaut wurde."

Eine Besonderheit hat Sion. Moos dient als natürlicher Luftfilter, so wie in Stuttgart, wo die Pflanze im Kampf gegen Feinstaub getestet wird. Im Sion soll das Moos im Armaturenbrett integriert sein, Schall absorbieren und Feinstaub binden. "Maßnahmen wie Wässern, Düngen, Nachschneiden […] sind nicht notwendig", heißt es bei Sono Motors.

Autoexperte: Das ist

nicht alltagstauglich

Was den Preis angeht, will der Sion gängige Elektroautos in den Schatten stellen. In seiner einfachsten Variante koste er 12 000 Euro. Die Reichweite soll je nach Typ 120 bis 250 Kilometer betragen.

Warum ist der Wagen so billig? Pernsteiner erklärt, dass die Batteriekosten zusätzlich anfallen, dass zweitens die Ausstattung einfach gehalten sei ("Wir sind kein Tesla") und dass drittens viele Bauteile von anderen übernommen seien. Woher die Akkus stammen? Das verrät Pernsteiner noch nicht.

Nach dem großen Wurf klingt das nicht, zumal andere Start-ups (wie "eGo" aus Aachen) an ähnlichen E-Autos arbeiten. Die Besonderheit des Sion zeigt sich erst beim Blick auf Motorhaube, Türen und Dach. Die Karosserie ist von allen Seiten mit Solarzellen bestückt; 7,5 Quadratmeter. So kann das E-Auto seine Batterien aufladen, wenn keine Stromtankstelle verfügbar ist. Der Sion ist eine Art Solarzelle auf vier Rädern.

Die Entwickler versprechen potenziellen Kunden: "Du fährst morgens mit dem Sion zur Arbeit, und wenn du um fünf Uhr aus der Arbeit kommst, ist durch die Solarzellen die Batterie wieder voll geladen." Es klingt wie der Traum aller E-Auto-Fans, die sich schon immer über fehlende Ladestationen geärgert haben. "An sonnigen Tagen stehen bis zu 30 Kilometer zusätzlich zur Verfügung", beteuert Christians. Bei wolkigem Wetter komme man noch auf 12 bis 15 Kilometer.

Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer von der Universität Duisburg-Essen bleibt skeptisch. "Eine solche Ausstattung ist nett zu haben, aber nicht alltagstauglich", sagt er. "Um wirklich etwas zu bringen, müssten die Solarflächen weit größer sein." Sein Tipp: Statt auf die Neuentwicklung zu setzen, sollten sich Kunden an ausgereiften E-Autos orientieren. "Aber vielleicht bin ich auch einfach nur konservativ", meint Dudenhöffer.

Ulrich Eitner vom Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE) in Freiburg meint dagegen: "Solche visionären Vorhaben braucht es, um in der Mobilität voranzukommen." Zwar könne er zum konkreten Projekt wenig sagen, weil er die Details nicht kenne. "Dass Europa für Solartechnik nicht geeignet ist, diese Ansicht teile ich aber nicht. Wir sind schließlich keine Eiswüste." 2016 habe das ISE mit Speditionen einen Feldversuch unternommen, bei dem Kühllaster mit Solarsensoren bestückt wurden. "Wir wollten sehen, ob die Kühlaggregate mit Solarstrom betrieben werden können, um Diesel zu sparen." Das Ergebnis werde demnächst veröffentlicht. "Da lässt sich aber auf jeden Fall etwas machen", so Eitner.

Warum hat dann die deutsche Autoindustrie nicht längst ihren eigenen Sion? Jona Christians meint: "Das ist keine Frage des Könnens, sondern des Willens. Das Geschäft mit den Verbrennungsmotoren läuft einfach noch zu gut." Aber die Zukunft, die sei elektrisch. So wie der Sion.

Autor: Steve Przybilla