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19. Mai 2016

Die Wirtschaft auf dem Balkan liegt darnieder

Die Nachfolgestaaten Jugoslawiens leiden unter Missständen / Deshalb flüchten viele Menschen auch nach Deutschland.

  1. Diese Fabrik im serbischen Presevo trägt den Namen Zukunft. Sie ist aber stillgelegt. Foto: dpa

BELGRAD. Ein Grund für das Auseinanderbrechen Jugoslawiens war die Überzeugung der zerstrittenen Völker, ihre Zukunft allein besser gestalten zu können. Doch diese Hoffnung hat sich nach 25 Jahren so gut wie nicht erfüllt. Ausgebliebene Strukturreformen zum Übergang von der kommunistischen zur kapitalistischen Wirtschaft werden von vielen Ökonomen für die lahmende Entwicklung und die Verarmung großer Teile der Bevölkerung verantwortlich gemacht.

"Gewinne privatisieren und Verluste sozialisieren" sei weiter der Grundsatz in den sieben jugoslawischen Nachfolgestaaten, sagte der prominente serbische Wirtschaftsprofessor Miodrag Zec der Belgrader Zeitschrift NIN. Obwohl die falsche Politik "zu riesigen Schulden, allgegenwärtiger Armut" geführt habe, "kehrt der Staat im großen Stil wieder in die Wirtschaft zurück". Damit setze sich eine fehlgeschlagene Wirtschaftspolitik fort. Das liegt sicher auch daran, dass viele Politiker schon zwei Jahrzehnte und mehr ununterbrochen Schlüsselpositionen einnehmen. Eine aufgeblähte öffentliche Verwaltung, in der die Parteien in der Regel ebenso wie in den Staatsfirmen ihre Funktionäre unterbringen, um sie für deren Loyalität zu belohnen, steht einer wirtschaftlichen Genesung entgegen. Marode Staatsbetriebe werden auch aus sozialen Gründen nicht dichtgemacht.

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Die Arbeitslosigkeit liegt nach den offiziellen Statistiken in Serbien, Montenegro und Kroatien etwa doppelt so hoch wie im EU-Schnitt. In Mazedonien sind es gar 25 und in Bosnien mehr als 27 Prozent. Am Beispiel Serbiens hat Vladimir Gligorov vom Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche die Daten für die Altersgruppen zwischen 15 und 64 Jahren analysiert und kam zu dem Schluss: "Fast jeder Zweite arbeitet nicht, ein knappes Drittel sucht offiziell nicht einmal Arbeit." Weil es überall im Wirtschaftsleben hakt, blieben auch die Einkommen der Bevölkerung bescheiden. Sie lagen zu Beginn des Jahres netto zwischen gut 360 Euro in Serbien und Mazedonien, deutlich über 400 Euro in Bosnien und Montenegro bis zu 747 und 1004 Euro bei den EU-Mitgliedern Kroatien und Slowenien. Damit können die Menschen bei Weitem nicht auskommen. Praktisch alle Länder sind auf Milliardenüberweisungen ihrer Gastarbeiter vor allem in Westeuropa und Skandinavien angewiesen. Deshalb hält die gigantische Auswanderungswelle an. Bei allen Befragungen geben die Studenten zu 80 und mehr Prozent an, sie wollten nach dem Diplom ihrer Heimat den Rücken kehren. Im Moment beklagen die Länder Südosteuropas einen Exodus von Ärzten und medizinischem Pflegepersonal in Richtung Großbritannien, Skandinavien und vor allem nach Österreich und Deutschland. Dieser Kahlschlag erschüttert bereits die ohnehin maroden Gesundheitssysteme der Heimatländer bis in die Fundamente.

Welche dramatischen Auswirkungen die marode Wirtschaftslage im Südosten Europas für die resignierende Bevölkerung haben kann, zeigen diese beiden Beispiele: Zehntausende verzweifelter Albaner hatten sich im Februar letzten Jahres noch vor dem Flüchtlingsansturm aus den Kriegsgebieten nach Deutschland auf den Weg gemacht. Und im kleinen Montenegro brach über ein Prozent der Gesamtbevölkerung nach Nord- und Ostdeutschland auf. Nachrichten über Land und Häuser für Zuwanderer in bevölkerungsschwachen Regionen waren wie eine Aufforderung zur Abreise missverstanden worden.

Autor: Thomas Brey (dpa)