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13. Juli 2012

Ein ausgebildeter Mangel

Wirtschaft und Arbeitsverwaltung warnen vor einem massiven Mangel an Lehrlingen / Können junge Spanier Lücken schließen?.

  1. Lehrling und Meister Foto: Bastian Henning

FREIBURG/STUTTGART. Die regionale Wirtschaft und die Bundesagentur für Arbeit (BA) warnen vor großen Nachwuchsproblemen in Ausbildungsberufen. Die Lücke sollen junge Südeuropäer schließen helfen – sagt die Regierung.

Die Industrie- und Handelskammer Südlicher Oberrhein (IHK) schlägt Alarm. Die Vorstellung der aktuellen Zahlen zur Ausbildungssituation in der Region in Freiburg nutzte IHK-Präsident Steffen Auer, um eindringlich vor einem Bewerbermangel in der dualen Ausbildung zu warnen. "Bereits heute haben wir ein krasses Missverhältnis zwischen dem tatsächlichen Bedarf in der Wirtschaft und der Berufswahl der Jugendlichen, die in akademische Berufe streben", sagt er. In diesem Jahr sei die Lage in der dualen Ausbildung wegen des doppelten Abiturientenjahrgangs noch gut. Im Vergleich zum Vorjahr konnten in der Region in den gewerblich-technischen Berufen 9,4 Prozent mehr Ausbildungsverträge abgeschlossen werden, in den kaufmännischen Berufen gibt es ein Plus von 3,9 Prozent. Lediglich im Hotel- und Gaststättengewerbe setzt sich der seit Jahren negative Trend fort. Bereits kommendes Jahr greift laut Auer der demographische Wandel, es werde weniger Schulabgänger und damit weniger Auszubildende geben. Laut einer Umfrage der IHK bei 1200 Unternehmen in der Region sollten drei Viertel der gesuchten Fachkräfte eine berufliche Ausbildung haben, der Bedarf von Akademikern liegt bei nur 11,5 Prozent. Das Ziel der Landesregierung, dass mittelfristig die Hälfte der Abiturienten ein Studium abschließen sollten, geht deshalb nach Meinung von Auer an den Bedürfnissen der Wirtschaft vorbei. "Stellen Sie sich vor, in einem Bauunternehmen wäre die Hälfte der Mitarbeiter Architekten und Ingenieure, wer soll denn da die Arbeit machen?", spitzt Auer zu.

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"Wir müssen gegen das Vorurteil angehen, dass die berufliche Ausbildung eine Sackgasse ist", sagt Hartmut Möller, Leiter des IHK-Geschäftsbereichs Ausbildung. Es gebe viele Aufstiegsmöglichkeiten. Ein weiterer Ansatzpunkt sind die Schulen. "Der Handlungsauftrag der Gymnasien ist bis heute, die Schüler zum Studieren zu befähigen", sagt Auer. Dies allein sei nicht mehr zeitgemäß. Stattdessen müsse der beruflichen Orientierung mehr Raum gegeben werden.

Raimund Becker, Vorstandsmitglied der Bundesagentur für Arbeit (BA), sagte der Passauer Neuen Presse: "In manchen Berufen ist erkennbar, dass es mittelfristig relativ viele Renteneintritte und daher einen relativ hohen Ersatzbedarf geben wird." Becker berief sich auf eine Erhebung seiner Behörde. Demnach gehen in den nächsten zehn Jahren beispielsweise 28 Prozent der sozialversicherungspflichtig beschäftigten Baggerfahrer und 25 Prozent der Buchhalter, Industriemeister und Werkmeister in den Ruhestand. In diesen Berufen gebe es ein Missverhältnis zwischen älteren und jüngeren Beschäftigten. Auf einen Baggerfahrer unter 30 Jahren kämen 5,3 Beschäftigte über 55.

Doch woher die jungen Leute nehmen? In den südeuropäischen Krisenstaaten suchen viele nach Arbeit. Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) sagte: "Wegen des Fachkräftemangels bei uns gibt es für spanische Jugendliche auch in Deutschland interessante Ausbildungsmöglichkeiten." Gleichzeitig startet die Regierung eine Offensive für arbeitslose Spanier: Junge Iberer sollen nach deutschem Vorbild in die Lehre gehen – und eine duale Ausbildung machen. Schavan und ihr spanischer Amtskollege Ortega unterzeichneten eine Absichtserklärung, nach der das deutsche System dualer Berufsausbildung in Spanien eingeführt werden soll. Als Finanzierungsmöglichkeit nannte Schavan Mittel aus dem Wachstumspaket. Darin sind 7,3 Milliarden Euro zur Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit vorgesehen. In Spanien ist jeder zweite Jugendliche ohne Job, in Deutschland die Jugendarbeitslosigkeit so gering wie nirgendwo sonst in Europa.

Autor: Petra Völzing und unseren Agenturen