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27. Februar 2016

Warenterminmärkte

"Ein Verbot muss möglich sein"

BZ-INTERVIEW mit dem Wirtschaftsforscher Joachim von Braun: Er will die Warenterminmärkte stärker kontrollieren /.

  1. Joachim von Braun Foto: privat

Herr von Braun, am Zentrum für Entwicklungsforschung in Bonn haben Sie und Ihre Mitarbeiter intensiv zur Wirkung der Spekulation mit Nahrungsmitteln geforscht. Wie kann man überhaupt mit Nahrungsmitteln spekulieren?
von Braun: Traditionell beinhaltet Spekulation, dass zum Beispiel Händler Waren horteten und auf einen später erhöhten Preis hofften. Traditionell ist auch die Preisabsicherung von Bauern und Händlern an den Warenterminmärkten, um sich vor Preisschwankungen zu schützen. Da verpflichten sich zum Beispiel Marktteilnehmer A, Marktteilnehmer B eine bestimmte Menge Mais zu einem bestimmten Zeitpunkt zu einem bestimmten Preis abzukaufen. B wiederum ist verpflichtet, die vereinbarte Menge zu dem Zeitpunkt zu liefern.
BZ: Welche Effekte hat das?
von Braun: Einem Bauern kann das Sicherheit über die Erlöse aus seiner Ernte bringen, einem Hersteller von Dosenmais Planbarkeit über die Kosten seiner Produktion.
BZ: Ist das schon Spekulation?

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von Braun: Es ist insofern Spekulation, als die beiden Marktteilnehmer wohl gegenteilige Erwartungen über zukünftige Preise hegen. Der Bauer will durch eine Vereinbarung sinkende Preise vermeiden, der Hersteller steigende Preise.
BZ: Die Kritik an Nahrungsmittelspekulation richtet sich aber durchweg gegen Banken.
von Braun: Neben Bauern, Lebensmittelherstellern und -händlern, die traditionell auf Warenterminmärkten tätig sind, haben die Akteure an den Finanzmärkten dieses Feld entdeckt und in den vergangenen zehn Jahren zunehmend genutzt. Sie werden non-commercial traders genannt. Sie sind nicht an der Ware interessiert, sondern an Gewinnen aus kurzfristigen Kapitalanlagen von Milliarden Dollar und Euro. Das ist der größte Teil der heutigen Spekulation an Warenterminmärkten.
BZ: Wie problematisch ist das?
von Braun: Unsere Untersuchungen zeigen, dass diese Spekulation die meiste Zeit wie auch momentan unproblematisch ist. Aber wenn Getreide auf den Weltmärkten knapp ist, wie 2008 und 2011, hat diese Spekulation einen signifikanten Anteil daran, die Preise weiter in die Spitze zu treiben. 2008 betrug dieser Anteil, der durch ausufernde Spekulation verursacht wurde, bei Mais 22 Prozent.
BZ: Welche Folgen hat das?
von Braun: Diese Preisspitzen haben die Unterernährung bei kleinen Kindern erhöht, und da diese Art Spekulation die Preisspitzen erhöhte, hat sie den Hunger verstärkt.
BZ: Sind nicht hohe Preise nötig, damit Landwirte ihre Produktion ausweiten?
von Braun: Im Prinzip ja. Aber diese Preisspitzen, also das Emporschießen von Preisen und der anschließende Abfall, sind ein Risiko-Signal und halten die Bauern eher davon ab, in Saatgut, Pflanzenschutz oder Bewässerung zu investieren. Wir haben errechnet, dass dieser Effekt auf den Getreidemärkten die sonst bei höheren Preise zu erwartende Produktionssteigerung fast halbiert hat.
BZ: Erwärmen Sie sich für ein Verbot von Spekulation?
von Braun: Solange die Finanzspekulation der an Getreideangebot und Nachfrage nicht interessierten non-commercial traders nicht angemessen reguliert ist, sollte diese Art der Spekulation ausgesetzt werden, damit es in Zukunft nicht wie in 2008 und 2011 wieder zu erhöhten Preisextremen kommt. Viele Arme sind weltweit tangiert von zuweilen extremen Nahrungsmittelpreisen, aber es ist nur ein kleines Geschäft im Bankensektor Europas und der USA, denn der größte Teil dieser Spekulation ist mit Öl, Gas, Erzen, Zucker, nicht mit den Grundnahrungsmitteln Weizen und Mais.
BZ: Wie müsste denn eine bessere Regulierung aussehen?
von Braun: Es ist mehr Markttransparenz nötig. Der Hochfrequenzhandel, dieses Abwickeln von Geschäften in Bruchteilen von Sekunden unterminiert die Transparenz. Das muss verlangsamt werden. Dann muss es Grenzen für die Größe einzelner Händler geben. Wir wollen ja auch im Einzelhandel keine Marktbeherrschung durch ein einzelnes Unternehmen. Schließlich muss es die Möglichkeit geben, den Handel zu stoppen, wenn ein Markt aus dem Ruder läuft. Ich denke da an eine Ampel, die auf Rot gestellt wird, wenn die Preise verrückt spielen. 2008 beispielsweise sind die Preise in kurzer Zeit um das Drei- bis Vierfache gestiegen. Das sind Situationen, die zu Hungersnöten in armen Ländern führen. Da muss eine gut informierte Regulierungsbehörde Stopp sagen können.
BZ: Geht es denn voran?
von Braun: Ja, aber zu langsam. Die US-Regierung und auch die EU-Kommission tun da einiges. Wie bei der Bankenregulierung ist es aber eine im Detail sehr komplizierte Materie. Bis das durch alle Gremien durchgeschleust ist und Regulierung im Ernstfall wirkt, wird es noch ziemlich lange dauern. Wir sind inzwischen besser reguliert, als wir es 2008 waren, aber noch nicht gut genug. Ich habe auch den Eindruck, dass der Elan in den vergangenen zwölf Monaten verflogen ist. Mein Fazit: Ein Verbot kommerzieller Spekulation muss möglich sein, solange die Regulierung noch nicht so funktioniert, wie sie sollte.

Joachim von Braun (65) ist Professor an der Universität Bonn und leitet dort das Zentrum für Entwicklungsforschung (ZEF)

Autor: Jörg Buteweg