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10. Juli 2012

Eurokrise

Ende der Gemeinschaftswährung könnte Deutsche Billionen kosten

Wirtschaftsweise warnen vor hohen Risiken / Spanien massiv unter Druck der Anleger / Derweil profitiert Frankreich von negativen Zinsen / Euro auf Zwei-Jahres-Tief.

FREIBURG. Die sogenannten Wirtschaftsweisen warnen vor einem unkontrollierten Auseinanderbrechen der Eurozone. Deutsche Betriebe, Privatpersonen und der Staat verfügen über Forderungen von 2,8 Billionen Euro gegenüber dem Euroraum. Das heißt: Firmen, Privatpersonen und Staaten im Rest Eurolands schulden diese Summe deutschen Firmen, Bürgern und staatlichen Einrichtungen. Das geht aus einem Sondergutachten des Sachverständigenrats zur Begutachtung der wirtschaftlichen Entwicklung hervor. Dem Gremium gehört der Freiburger Ökonomieprofessor Lars Feld an.

In der Rechnung der Experten sind die Forderungen der Bundesbank gegenüber dem Euroraum nicht enthalten, die sich auf 530 Milliarden Euro belaufen. Fazit des fünfköpfigen Sachverständigenrats: "Bei der Wiedereinführung nationaler Währungen wäre kaum damit zu rechnen, dass die Schuldner aus den Problemländern in der Lage wären, ihre Verbindlichkeiten vollumfänglich zu bedienen." Ein Zusammenbruch der Währung würde auch zu einer Schockstarre der deutschen Wirtschaft führen – vergleichbar mit der Zeit nach dem Kollaps der US-Investmentbank Lehman Brothers 2008. Im Folgejahr schrumpfte die deutsche Wirtschaftsleistung um fünf Prozent. Als dritte gravierende Folge eines Zerfalls sehen die Ökonomen eine Aufwertung einer wieder eingeführten Mark. Bislang profitiere insbesondere die hiesige Industrie davon, dass sie in einem Währungsraum produziere, dessen Währung vom Markt nicht als Starkwährung eingeschätzt werde. Der recht niedrige Wechselkurs des Euro sorgt für mehr deutsche Exporte.

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Um die Krise in Griff zu bekommen, fordern die Weisen erneut die Einführung eines Schuldentilgungspakts. Er sieht die zeitlich befristete Überführung von Altschulden der Eurostaaten in einen gemeinsamen Fonds mit gemeinschaftlicher Haftung vor. Die Staaten verpflichten sich, die Schulden regelmäßig zu tilgen und Schuldenbremsen einzuführen.

Derweil verstärkt sich der Druck des Finanzmarktes auf die Eurozone. Der Kurs der Gemeinschaftswährung fiel am Montag zwischenzeitlich auf ein Zweijahrestief von 1,2255 Dollar, erholte sich dann aber etwas. Die Renditen für zehnjährige spanische Staatsanleihen überschritten erstmals seit dem jüngten Eurokrisengipfel wieder die kritische Marke von sieben Prozent. Schon ab sechs Prozent gelten Zinsen für ein Land langfristig als kaum noch bezahlbar. Spanien hat Milliardenhilfen beantragt, um seine maroden Banken zu stützen. Die Euro-Finanzminister wollten aber bei ihrem Treffen am gestrigen Montag keine Entscheidung treffen, sondern erst am 20. Juli.

Zugleich flüchteten Anleger in deutsche und französische Staatspapiere und nahmen dabei einen negativen Zins in Kauf. Das heißt: Sie verlieren garantiert Geld, wissen aber zumindest, dass der Verlust klein sein wird. Erstmals kam Frankreich, das zeitweise als nächster Wackelkandidat in der Eurozone beargwöhnt worden war, in den Genuss eines negativen Zinssatzes. Der französische Staat nahm fast sechs Milliarden Euro über Papiere mit einer kurzen Laufzeit zwischen drei und fünfeinhalb Monaten zu einem negativen Zinssatz von 0,005 beziehungsweise 0,006 Prozent auf.

Angesichts der Turbulenzen teilte die Europäische Zentralbank (EZB) mit, sie sei bereit, die Krise mit weiteren Aktionen einzudämmen. Voraussetzung sei, dass diese in den Grenzen ihres Mandats lägen und diese die Bilanz der Notenbank nicht unnötigerweise gefährdeten, sagte EZB-Präsident Mario Draghi vor dem Wirtschafts- und Währungsausschuss des Europaparlaments. Die EZB werde die Finanzstabilität sichern.

Derweil ist nach nur drei Wochen im Amt der griechische Staatssekretär für Arbeit aus Resignation über die Verhandlungen zum Sparpakt zurückgetreten, wie er selbst mitteilte. Die Regierung hätte sofort und mit Nachdruck mit der Gläubiger-Troika aus EU, Internationalem Währungsfonds (IWF) und EZB über die "Verzerrungen" bei Renten, Löhnen und der Sozialversicherung verhandeln müssen, begründete Nikos Nikolopoulos.

Erst in der Nacht zu Montag hatte das griechische Parlament der neuen Regierung sein Vertrauen ausgesprochen. Nikolopoulos ist das dritte Regierungsmitglied, das die Regierung in ihrer erst dreiwöchigen Amtszeit verliert. Vor dem Treffen der Euro-Finanzminister Montagabend in Brüssel sind die Kontrolleure der Troika aus Griechenland abgereist. Ihre nüchterne Bilanz: Das pleitebedrohte Land habe abermals die Ziele des Sparpaktes verfehlt und müsse bei den Reformen Gas geben.

Autor: Bernd Kramer und unseren Agenturen