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23. Mai 2011
Energiewende bringt Jobs
Ein rascher Ausstieg aus der Atomenergie wäre für viele Unternehmen ein Konjunkturmotor.
HAMBURG. Deutschland diskutiert über die Energiewende – und die Badische Zeitung begleitet die Debatte mit einer Serie. Heute: Die Energiewende kann ein Jobmotor sein. Viele Betriebe versprechen sich von einem raschen Ausstieg aus der Atomkraft gute Geschäfte, die Gewerkschaften hoffen auf Hunderttausende neue Jobs. Der Kreis der Profiteure reicht über die Bauer und Betreiber von Windrädern, Sonnenkollektoren und Biogasanlagen hinaus.
Ein rascher Ausstieg könnte der deutschen Wirtschaft zusätzliche Aufträge von bis zu 65 Milliarden Euro bescheren. Zu diesem Ergebnis gelangt das wirtschaftsnahe Fachmagazin Markt und Mittelstand. Obendrein zeichnen sich neue Exportchancen ab. Davon dürften vor allem mittelgroße Betriebe profitieren. Beispielsweise würden für den Rückbau der 17 hiesigen Atommeiler nicht nur wenige hoch spezialisierte Firmen gefragt sein, sondern die im Mittelstand "vorhandenen Technologien müssen meist lediglich angepasst werden".Optimistisch sind auch die Gewerkschaften. Der Atomausstieg bedeute "kein Gefährdungsszenario für Arbeitsplätze", sagt Angelika Thomas, Energieexpertin beim IG-Metall-Bundesvorstand in Frankfurt. Im Gegenteil, der Umstieg erfordere Investitionen in die Modernisierung der konventionellen Kraftwerke und im Norden entstünde durch die Offshore-Windparks "in einer ganzen Region ein ganz neues industrielles Beschäftigungsfeld, für Jahrzehnte". An der Küste dürften, schneller als bislang erwartet, neue Industrieansiedlungen und arbeitsintensive Logistikparks entstehen.
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Für den verstärkten Einsatz von erneuerbaren Energien muss das Stromnetz ausgebaut werden, um den Windstrom aus der Küste in die Ballungsräume des Westens und Südens zu leiten. Laut der Deutschen Energie-Agentur (Dena) sind dafür in den kommenden Jahren Investitionen bis zu 25 Milliarden Euro notwendig. Zunächst braucht es aber für die Fundamente der Masten Betonbauer, für den Rohrbau Tiefbauunternehmen, für die Masten und Leitungen Stahlfabriken, Leitungs-, Seil- und Isolatorenhersteller. Der Investitionsschub täte der Volkswirtschaft gut, die trotz Wiederaufschwungs noch auf Vorkrisenniveau läuft. Darauf weisen die Berliner Ökonomen Jan Priewe und Katja Rietzler hin. In einer Studie stellten sie von 1991 bis 2010 eine nachlassende Investitionsdynamik fest.
Damit soll es bald vorbei sein. So baut die deutsche ABB, die Tochter des Schweizer Konzerns, nicht allein auf mehr Akzeptanz für neue Stromtrassen, sondern vornehmlich auf Einsparpotenziale in der Industrie. Durch eine Verbesserung der Produktionsprozesse oder Wärmeoptimierung in Fabrikhallen könnte weltweit "der von 250 Großkraftwerken erzeugte Strom eingespart werden", heißt von ABB. Solche Einsparpotenziale gelten als potenteste Energiequelle der Zukunft, schließlich verbraucht allein die deutsche Industrie etwa 40 Prozent des hiesigen Stroms. Die Steigerung der Energieeffizienz, dies zeigen wissenschaftliche Studien, könnte in den kommenden Jahren bundesweit bis zu 850 000 Jobs bringen, etwa in Querschnittstechnologien wie Pump- und Kühlsystemen, bei der Gebäudetechnik und im Maschinenbau.
Wie ABB tummelte sich der deutsche Vorzeigekonzern Siemens seit langem im Atomgeschäft und setzt – nicht erst seit Fukushima – mittlerweile weit stärker auf grüne Technologien. Bei der Windkraft aus dem Meer ist Siemens auf dem Weg in die globale Spitzengruppe und in seine nagelneue vierte Sparte namens Infrastruktur und Städte setzt Siemens-Boss Peter Löscher kapitale Hoffnungen. In einer Sonderschau auf der Hannover Messe demonstrierte er jüngst, wie eine atomfreie Energieversorgung mit intelligenten Netzen – so genannten Smart Grids – die Metropole von morgen regelt. Die jüngste Siemens-Sparte bündelt bereits einen Jahresumsatz von 16,5 Milliarden Euro.
Selbst innerhalb des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), lange von der Atomlobby dominiert, mehren sich die Stimmen derjenigen, die in der Energiewende wirtschaftliche Chancen entdecken. Eine der wichtigsten BDI-Mitglieder, der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA), fordert seit längerem die vorrangige Einspeisung von Ökostrom. Die Mitgliedsfirmen des VDMA versprechen sich vom Ende der Atomwirtschaft bessere Geschäfte.
Das AKW-Aus kennt aber auch Verlierer. Zementhersteller, Papierindustrie oder die Produzenten von chemischen Grundstoffen, die energieintensiv produzieren, fürchten höhere Kosten, wenn die Strompreise durch die Energiewende steigen sollten. Betroffen davon wären, laut Verbandsangaben, allerdings weniger als zwei Prozent der fast 41 Millionen Erwerbstätigen in Deutschland.
Autor: Hermannus Pfeiffer


