Erste Annäherung bei der Arbeitszeit

das Gespräch führte René Zipperlen

Von das Gespräch führte René Zipperlen

So, 14. Januar 2018

Wirtschaft

Der Sonntag Der südbadische IG-Metall-Chef zum Stand der Tarifverhandlungen – Vorreiterrolle bei Arbeitszeitmodellen?.

Die IG Metall macht mit Warnstreiks Druck – nach der dritten Verhandlungsrunde Donnerstagabend gibt es erste Annäherungen, aber auch festgefahrene Fronten. Marco Sprengler, Geschäftsführer der Gewerkschaft in Südbaden, war dabei und hält Streiks nach dem 26. Januar für wahrscheinlich.

Der Sonntag: Herr Sprengler, wie beurteilen Sie die dritte Runde der Tarifverhandlungen? Bei Ihrer Forderung nach Arbeitszeitreduzierung soll es ja Fortschritte gegeben haben.

Die Arbeitgeber sind jetzt bereit, mit uns über verkürzte Vollzeit zu sprechen. Angesichts der Zeitschiene war das auch nötig, am 24. Januar steht ja schon die nächste Verhandlungsrunde an. Wir schauen uns das Thema Arbeitszeit jetzt im Gesamten an.

Der Sonntag: Die Arbeitgeber haben bisher darauf bestanden, Arbeitszeiten in beide Richtungen zu flexibilisieren: Auch Mehrarbeit müsse möglich sein. Hat sich die IG Metall hier also bewegt?

Man kann schon sagen, dass man sich bewegt hat. Was wir nach unten haben wollen, wollen die Arbeitgeber nach oben, verkürzt gesagt.

Der Sonntag: Das wäre ein wichtiges Signal, weil Arbeitgeber je nach Betriebsgröße unterschiedliche Möglichkeiten zum Ausgleich haben – und Fachkräfte rar sind, die fehlende Stellenprozente ersetzen könnten.

Vom Ansatz her ja. Aber die Forderung der Arbeitgeber ist auch paradox. Ich erlebe in vielen Betrieben, dass viele Beschäftigte in der Teilzeitfalle stecken, vor allem Frauen haben große Probleme, ihre Arbeitszeit wieder nach oben zu bekommen, wenn etwa die Kinder größer sind. Da sehe ich ein riesiges Potenzial an nicht genutzter Arbeitskraft, das den Fachkräftemangel teilweise ausgleichen kann.

Der Sonntag: In den Sondierungsverhandlungen war die Teilzeit mit Rückkehrmöglichkeit zur Vollzeit auch ein Thema – offenbar hat die SPD hier Erfolge erzielt. Wie sehr kommt Ihnen das entgegen?

Beide Parteien haben sich das vorgenommen. Wir freuen uns, dass es in diese Richtung geht.

Der Sonntag: Allerdings will die Politik das erst ab einer bestimmten Betriebsgröße festsetzen.

Zum jetzigen Zeitpunkt wäre es für uns nicht gut, wenn wir uns einer solchen Diskussion ganz versperren würden.

Der Sonntag: Sie sind in einer guten Lage: Die aktuellen Wirtschaftsgutachten sehen eine Fortsetzung des Aufschwungs.

Richtig, die Auftragsbücher der Unternehmen sind voll. Würde die IG Metall sich jetzt erst über die Forderungen verständigen, lägen diese sicher noch höher als die aktuellen sechs Prozent. Wenn sich die Arbeitgeber da gar nicht bewegten, würden die nächsten Eskalationsstufen bald folgen.

Der Sonntag:

Gar keine Bewegung zeigen die Arbeitgeber bei Ihrer Forderung nach einem Zuschuss für Arbeitnehmer, die wegen Pflege oder Kindern ihre Arbeitszeit reduzieren wollen. Aber ist das nicht wie das Elterngeld Sache der Politik?


Ja und nein. Die Metallindustrie hat schon bei der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall Regelungen verhandelt, die später für alle Gesetz wurden. Aber auch die Arbeitgeber, die bisher bei ihrem kompletten Nein bleiben, hätten etwas davon: Wenn Arbeitgeber familiär stark gefordert sind, ist es doch auch in deren Interesse, dass ihre Mitarbeiter sich nicht überfordern. Sonst werden die Leute selbst krank. Wir würden hier gerne eine gesellschaftliche Vorreiterrolle einnehmen.

Der Sonntag: Bei den Lohnforderungen sind Kompromisse leichter zu finden, oder?

Nun, wir fordern sechs Prozent für die nächsten zwölf Monate, geboten werden zwei Prozent mehr Lohn für fünfzehn Monate und eine Einmalzahlung von 200 Euro. Da liegen wir noch weit auseinander. Aber derzeit steht das Thema Entgelt nicht im Vordergrund. Wir mussten erst einmal schauen, die ganz wichtigen Themen nicht gleich in eine Eskalation zu führen.

Der Sonntag: Die Zahl der Warnstreiks scheint auffällig hoch.

Das hat sich in der Öffentlichkeit so verfestigt, es sind jedoch nicht mehr als in anderen Tarifrunden. Aber es stimmt, in Südbaden steigt die Beteiligung an Warnstreiks stetig. Wir haben hier auch eine sehr hohe Quote an tariflich gebundenen Firmen.

Der Sonntag: Wie sieht der weitere Plan aus? Die nächste Verhandlungsrunde ist für den 24. Januar festgesetzt. Drohen nach diesem Termin Streiks?

Am 26. Januar haben wir eine Vorstandssitzung, auf der das weitere Vorgehen beschlossen wird. Bis zum 24. hat die Expertengruppe die Chance, beide Positionen anzunähern, um Streiks zu vermeiden. Aber nach den bisherigen Reaktionen sind wir noch lange nicht so weit.

das Gespräch führte René Zipperlen