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15. November 2017

Ex-EZB-Chefökonom widerspricht Hayek

Demokratie und stabiles Geld sind unvereinbar, sagte der Nobelpreisträger / Issing sieht dies anders.

  1. Otmar Issing Foto: DPA

FREIBURG. Sind Demokratien mit einer stabilen Währung vereinbar? Der Freiburger Nobelpreisträger für Ökonomie, Friedrich August von Hayek (1899–1992), hatte darauf eine klare Antwort: Gutes staatliches Geld könne es unter einer demokratischen Regierung nicht geben, sagte er. Hayek war ein gebranntes Kind: Er hatte als junger Mann eine rasante Geldentwertung in Österreich, seinem Geburtsland, nach dem Zusammenbruch des Habsburger Reiches 1918 erlebt. In der benachbarten Weimarer Republik war die Inflation noch höher.

In den 1970er-Jahren fürchtete Hayek, dass sich die Geschichte wiederholt. In Großbritannien und in den USA stieg die Inflation an – auch in Deutschland, wenngleich in geringerem Maße. Hayeks Schluss: Er forderte, dass statt einer staatlichen Zentralbank private Banken für das Geld zuständig sein sollten. Volksbanken, Sparkassen und private Banken sollten jeweils ihre eigenen Währungen herausgeben. Als Folge des Wettbewerbs zwischen den Banken würde sich das beste Geld, also das stabilste, durchsetzen.

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Am Montagabend trat Otmar Issing in der Aula der Freiburger Uni an, um bei der Hayek-Vorlesung des Walter-Eucken-Instituts den Nobelpreisträger zu widerlegen. Issing kennt sich mit Geldpolitik gut aus. Der Wirtschaftsprofessor (geb. 1936) war Chefvolkswirt der Bundesbank und später der Europäischen Zentralbank (EZB). Er gilt als einer der Architekten der Währungsunion. Lars Feld, Leiter des Eucken-Instituts, bezeichnet Issing als "Institution der geldpolitischen Solidität".

Issing ist alles andere als ein Hayek-Gegner. Sein erstes Ökonomiebuch stammte aus Hayeks Feder, bekannte er. Im "Weg zur Knechtschaft" rechnete Hayek mit den totalitären Wirtschaftssystemen der Nazis und Kommunisten ab, was Issing in seinem Studium begeisterte.

Hayeks Idee des privaten Währungswettbewerbs kann Issing jedoch bis heute nicht viel abgewinnen. Zu groß sei die Gefahr, dass private Banken mit falschen Versprechungen ihr Geld an den Kunden brächten. Bei einem Crash würde der Ruf nach staatlicher Regulierung laut. Ähnliches wird nach Issings Einschätzung den neuen privaten Kryptowährungen (Bitcoins) widerfahren. Schon jetzt zeige sich, dass Behörden ein scharfes Auge auf die digitalen Zahlungsmittel werfen.

Das stärkste Argument gegen Hayeks privaten Währungswettbewerb seien jedoch die Erfahrungen in den westlichen Industriestaaten seit dem Zweiten Weltkrieg. Je unabhängiger die Zentralbanken von der Regierung gewesen seien, desto stabiler sei das Geld gewesen. Die Unabhängigkeit habe verhindert, dass Finanzminister munter an der Leitzinsschraube drehten, um so die Konjunktur ankurbeln zu können – mit dem Ziel, die eigene Wiederwahl zu verbessern, selbst wenn dies inflationsfördernd wirkt.

Allerdings führe die Unabhängigkeit nicht zwangsläufig zu einer geringen Geldentwertung, sagt Issing. Die Notenbank-Gesetze könnten jederzeit geändert werden. Letztlich, so Issing, habe jede Gesellschaft das Geld, was sie verdient. Die derzeitige EZB-Politik kritisierte er. Mit dem Ankauf von Staatsanleihen habe sich die Bank zu weit aus dem Fenster gelehnt. Den Zusammenhalt der Währungsunion zu sichern, sei Aufgabe der Staaten, nicht der EZB. Den EZB-Währungshütern empfahl Issing, die Vermögenspreise – also Aktienkurse und Immobilienpreise – im Hinblick auf die Finanzstabilität nicht aus den Augen zu verlieren. Allerdings sei die Situation komplizierter, als manche meinten. Ein rasantes Geldmengen- und Kreditwachstum, was oft mit steigenden Kursen einhergehe und auf eine herannahende Finanzkrise hindeute, sei derzeit nicht zu beobachten. Das sei vor dem Crash 2007/2008 anders gewesen.

Autor: Bernd Kramer