Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.
28. August 2010 00:02 Uhr
Niedersachsen
Fleischfabrik für 27.000 Hühner pro Stunde – Tierschützer empört
In Europas größtem Geflügelschlachthof sollen nahe Hannover einmal mehr als 27.000 Hühner geschlachtet werden – pro Stunde.
HAMBURG. Im niedersächsischen Wietze entsteht Europas größter Geflügelschlachthof. Der Bürgermeister spricht von einem Glücksfall für die Gemeinde und rechnet mit Hunderten Arbeitsplätzen. Anwohner und Gewerkschafter zeigen sich weniger begeistert; Tierschützer sind empört. Einige von ihnen beschimpften den Bürgermeister als Massenmörder und betonierten sich auf dem Baugelände ein. Die Polizei rückte mit einer Hundertschaft an.
Wie "einen Sechser im Lotto mit Zusatzzahl” feierte Wietzes Bürgermeister Wolfgang Klußmann den Plan der Emsland Frischgeflügel GmbH, Europas größten Geflügelschlachthof in seiner 8000-Seelen-Gemeinde nahe Hannover zu bauen. 1000 Arbeitsplätze könnten eines Tages entstehen. Neben der Wietzer CDU war auch die SPD schnell begeistert und sprach von einem großen Gewinn für die Gemeinde. Diese Jubelarien sind erst ein Jahr her und doch sind sie längst im Protest von Tierschützern und Gewerkschaftern untergegangen.
Im August musste eine Hundertschaft der Polizei anrücken, um das Baugelände zu räumen. Ein Dutzend Tierfreunde hatte sich verschanzt, so ein Polizeisprecher. Die Gegner des Projekts hätten zwar keinen Widerstand geleistet, seien jedoch teilweise in Fässer einbetoniert gewesen. Zwei Demonstranten erwarteten die Räumtrupps in einem Wohnwagen, der tief ins Erdreich eingegraben worden war. Bürgermeister Klußmann hält die Proteste für nachvollziehbar, erschrickt aber über die Aggressivität. Er wurde als KZ-Wärter und Massenmörder beschimpft.
Werbung
Was treibt Menschen zu solchen Protestformen, wie sie sonst nur aus der Anti-AKW-Bewegung bekannt sind? Es ist zunächst die schiere Größe des Projektes. Die Emsland Frischgeflügel GmbH will in Wietze im Celler Land nach eigenen Angaben zunächst mehr als 60 Millionen Euro investieren, um einen Schlachthof für Hähnchen, Hühner und Puten zu bauen. "Die Investitionsentscheidung", so ein Firmensprecher, "fußt auf Marktprognosen, die von einem weiter wachsenden Bedarf an Hähnchenfleisch ausgehen." Schließlich sei Geflügel lecker und gesund.
Das staatliche Gewerbeaufsichtsamt hat seine Bewilligung erteilt. "Genehmigt werden zwei Schlachtlinien mit einer Gesamtkapazität von 2,592 Millionen Hähnchen wöchentlich", teilte die Behörde trocken mit. Der Schlachthof entspreche den Anforderungen des Bundes-Immissionsschutzgesetzes und erfülle das Planungs- und Umweltrecht.
Im regulären Betrieb sollen vom kommenden Frühjahr an 27 000 Tiere in der Stunde geschlachtet werden, an sechs Produktionstagen pro Woche. Wie im Stammbetrieb in Haren im Emsland sollen die Tiere mit blauem Licht zunächst zwei Stunden lang beruhigt werden und anschließend mit Gas betäubt. Dann werden sie an den Füßen an einem Fließband kopfüber aufgehängt und geköpft. "Das Band läuft so rasend schnell, dass die Hühner in den Kurven waagerecht in der Luft liegen", berichtet ein Branchenkenner. Massenschlachtbetriebe wie Emsland Frischgeflügel sorgen bundesweit für den preiswerten Nachschub der Discounter und Supermärkte. Damit der Nachschub für die industrielle Schlachtung rollt, wirbt der Betrieb der Familie Rothkötter um Bauern im Umkreis von 150 Kilometern. Bis zu 200 Hähnchenaufzuchtbetriebe sollen im Celler Land kurzfristig entstehen. Ein 20 mal 100 Meter messender Stall soll bis zu 40 000 Tiere in Bodenhaltung fassen. Laut Norddeutschem Rundfunk fördert Niedersachsen das Vorhaben in Wietze mit fünf Millionen Euro aus einem Strukturhilfefonds.
Der Protest weitet sich aus. Gegner des Geflügelschlachthofs besetzten in einem Nachbarlandkreis einen Stoppelacker, auf dem sich ein Mastbetrieb ansiedeln will. Geflügelhofgegner wie die Bürgerinitiative Wietze oder die Tierschutzorganisation "Albert Schweitzer Stiftung für unsere Mitwelt" halten Massenschlachtereien wie Massentierhaltung für unethisch. Andere fürchten um den guten Ruf der Gemeinde. Man verkomme zum Hühnerstall Deutschlands. Anlieger sorgen sich um den Lärm des Lastwagenverkehrs, Umweltaktivisten fürchten ein Austrocknen des Moores wegen des Wasserbedarfs des Schlachthofes.
Bürgermeister Klußmann hält, wie auch die Familie Rothkötter, an den Bauleitplänen fest, die erst Anfang Juli im Gemeinderat beschlossen wurden: "Weil wir sie für richtig halten." Die Region sei dringend auf Gewerbeansiedlungen angewiesen. Seit 1996 ist Wietze auf Finanzhilfe vom Land angewiesen. Mit den erwarteten Steuereinnahmen, so Klußmann, könne unter anderem eine neue Ganztagsschule finanziert werden. Und es entstünden Jobs in der strukturschwachen Region, keine Billigarbeitsplätze, ist er sicher, sondern "echte Arbeitsplätze", in der ersten Phase 250.
An die tollen Arbeitsplätze glaubt Bernd Maiweg nicht. Der Referatsleiter Fleischwaren bei der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) in Hamburg sagt: "Wir befürchten, dass es zum Einsatz von osteuropäischen Werkvertragsunternehmen kommt." Subunternehmen heuern ganz legal Arbeiter in Rumänien und Bulgarien an und speisen sie mit Löhnen um die fünf Euro ab – die Hälfte dessen, was in Deutschland tariflich üblich ist, und ohne Sozialabgaben.
Gänzlich ausschließen will die Emsland Frischgeflügel GmbH den Einsatz von osteuropäischen Billigarbeitern auf Anfrage nicht. Die Firma verweist jedoch auf ihren Stammbetrieb im Emsland. Dort werden "zum Beispiel 80 Prozent der Arbeitsstunden von sozialversicherungspflichtigen Arbeitnehmern geleistet". Eine Garantie dafür gibt es in Wietze ebenso wenig wie für die Höhe eines Lottogewinns.
Der Fleischmarkt ist in Deutschland hart umkämpft. 2009 wurde allein mit dem Schlachten von Geflügel ein Umsatz von 3,9 Milliarden Euro erzielt. Der Verzehr von Geflügelfleisch steigt laut Statistischem Bundesamt seit Jahren kontinuierlich an. Knapp 20 Kilo Geflügel wird jeder Bundesbürger 2010 als Filet, Chicken Wings oder Aufschnitt verspeisen. Dafür werden 1,3 Millionen Tonnen Geflügelfleisch produziert. Anders als bei Rindern, Schweinen und Schafen zählen die Statistiker nicht die Zahl der Tiere. Doch um den Bedarf zu decken, werden in diesem Jahr schätzungsweise 1,5 Milliarden Mast- und Suppenhühner ihr Leben lassen.
Autor: Hermannus Pfeiffer
