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11. Juli 2011 09:00 Uhr

30-jähriges Bestehen

Freiburger ISE: "Katastrophen haben uns gerettet"

Einst belächelt, heute Vorzeigeeinrichtung mit globalem Renommee: In 30 Jahren hat sich das Freiburger Fraunhofer Institut für Solare Energiesysteme rasant entwickelt.

  1. Zukunftstechnik Photovoltaik Foto: Michael Bamberger

BZ: Herr Goetzberger, als Sie erste Pläne hegten, ein Solarinstitut zu gründen, hielten einige Kollegen Sie für verrückt...
Goetzberger: Viele sogar. Auf einer physikalischen Tagung nahm ein namhafter Kollege meine Frau zur Seite und fragte Sie, ob ich geistig noch in Ordnung sei. Man könne einen solchen Posten, wie ich ihn damals hatte – ich war Leiter am Fraunhofer-Institut für Angewandte Festkörperphysik in Freiburg – , doch nicht für die Solarenergie aufgeben.

BZ: Aber die Fraunhofer-Gesellschaft ließ sich auf Ihre Idee ein. Wie gelang der Start?
Goetzberger: Ich musste während meiner ganzen Amtszeit um die Anerkennung der Solarenergie kämpfen. Auch das Geld war knapp, denn Fraunhofer-Institute finanzieren sich immer zu mindestens einem Drittel durch Industrieaufträge – aber entsprechende Firmen gab es ja kaum. Am Ende haben uns immer die Katastrophen gerettet, Tschernobyl zum Beispiel oder dann die Debatte über den Klimawandel. Denn in solchen Situationen erinnerten Politik und Öffentlichkeit sich immer wieder der Kraft der Sonne.

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BZ: Da drängt sich natürlich die Frage auf an den heutigen ISE-Chef: Welche Auswirkungen hat Fukushima?
Weber: Enorme: Die Atomkonzerne wollten ursprünglich zusammen mit der Laufzeitverlängerung die erneuerbaren Energien bremsen, für Frühjahr/Sommer hatten sie eine Kampagne gegen deren Ausbau geplant. Für uns wäre die Situation prekär geworden, weil das ISE stark von der Entwicklung der heimischen Branche abhängt. Ich habe mir für unser Institut Sorgen um die Jahre 2012 und 2013 gemacht.

Ein bewusster Verstoß

BZ: Die Entwicklung des ISE spiegelte stets das öffentliche Interesse an der Solarenergie wider. Wann waren die Zeiten besonders schwer?
Luther: Als ich das Institut im Jahr 1993 übernahm, war es fast pleite. Herr Goetzberger hatte ein tolles Institut aufgebaut, aber die Zeit war noch nicht reif. Als seine letzte Amtshandlung wandte er sich noch an den Petitionsausschuss, um den Bestand des Instituts zu sichern. Das war ein bewusster Verstoß gegen den Dienstweg und jegliche Gepflogenheiten – aber ich war ihm sehr dankbar. Das war ein mutiger Schritt.

BZ: Inzwischen ist die Gefahr, politisch ausgebremst zu werden, gebannt?
Weber: Ja, die Energiewende hin zur effizienten Nutzung von erneuerbaren Energien kommt und das ISE ist dafür hervorragend aufgestellt. Bei uns sind alle Technologien zu Hause, die man für den Umstieg auf Solarenergie braucht.
Goetzberger: Und das ist eben nicht die Solartechnik alleine. Ich habe die Bezeichnung Energiesysteme bewusst in den Namen des Instituts aufgenommen. Energiespeicher zum Beispiel gehören zur Solarenergie zwingend dazu.
"Dass das ISE nach Freiburg gehört, daran hatte ich nie Zweifel" Goetzberger
BZ: Herr Luther, Herr Weber, was machten sie gerade als Herr Goetzberger zum 1. Juli 1981 das ISE gründete?
Luther: Ich hatte eine Professur an der Uni in Oldenburg und hatte im Jahr zuvor beschlossen, mich künftig komplett auf die erneuerbaren Energien zu konzentrieren. Zuvor hatte ich Laser-Atomphysik gemacht. Bereits 1981 war ich zu Gast am ISE, um zu sehen, was die Forscher dort machten.
Weber: Ich war gerade in Köln mit meiner Habilitation beschäftigt, es ging um Materialprobleme von Halbleitern, die sowohl für die Mikroelektronik wie auch die Photovoltaik wichtig sind. Ich war mir der Bedeutung meiner Arbeit für die Photovoltaik bewusst, aber so richtig konzentrierte ich mich auf dieses Thema erst ab 1993.

BZ: Inzwischen ist das ISE das zweitgrößte Fraunhofer-Institut. Welche Rolle spielte bei der Entwicklung die Freiburger Ökogeschichte und die Wyhlproteste?
Goetzberger: Dass das ISE nach Freiburg gehört, daran hatte ich nie Zweifel. Das Umfeld war für uns sehr positiv: eine motivierte, aufgeschlossene Bevölkerung und die Tradition als Wissenschaftsstandort. Auch war das Interesse an Solarenergie hier schon vor ISE-Zeiten besonders ausgeprägt; in Freiburg-Tiengen zum Beispiel wurde schon Ende der siebziger Jahre ein bundesweit viel beachtetes Solarhaus gebaut.
"Ja, die Lebensqualität Freiburgs ist ein wichtiger Faktor." Weber
BZ: Wie schwer war und ist es, Mitarbeiter zu finden?
Weber: Da haben wir keine Probleme, unsere Themen sind sehr beliebt bei jungen Forschern. Um Doktoranden zum Beispiel müssen wir nicht werben. Die meisten Mitarbeiter kommen ohnehin bereits als Studenten zu uns, und die qualifiziertesten halten wir dann am ISE. Bewerber von außen suchen wir nur bei der Besetzung von Leitungspositionen. Obwohl wir rund 30 Prozent weniger bezahlen als viele Unternehmen, kommen wir problemlos an ausgezeichnete Mitarbeiter.
Luther: Beim Akquirieren guter Leute hilft natürlich auch der Schwarzwald. Und der Markgräfler Wein...
Weber: Ja, die Lebensqualität Freiburgs ist ein wichtiger Faktor. Die Solarwirtschaft in deutschen Osten, die ja im Raum Bitterfeld sehr stark ist, beklagt sich immer, dass es sehr schwer sei, Mitarbeiter aus Freiburg abzuwerben.

BZ:
Zum Forschen gehören Misserfolge.
Luther: Ich habe viel Geld in die Thermo-Photovoltaik gesteckt, bestimmt eine Million Mark über all die Jahre. Ziel war es, die Infrarotstrahlung von Abwärme mit speziellen Solarzellen in Strom zu wandeln. Das scheiterte zum Beispiel daran, dass es uns nicht gelang, verlustfreie Spiegel für Infrarotlicht zu entwickeln.
Goetzberger: Zu meiner Zeit war es der Fluko, der Fluoreszenzkollektor.Wir wollten eingefärbte Plexiglasplatten nutzen, um Sonnenlicht zu konzentrieren. Die Farbstoffe, die wir entwickelten, fanden zwar Einsatzbereiche, aber eben allesamt außerhalb der Solarenergie. Und die anfangs so vielversprechende Transparente Wärmedämmung für Häuser setzte sich auch nicht in dem Maße durch, wie wir es erhofft hatten.
"Von Deutschland alleine ist die Entwicklung nicht mehr abhängig." Weber
BZ: Wird man sich eines Tages darüber amüsieren, dass man mal Solarzellen herstellte, indem man Siliziumblöcke in Scheiben sägte?
Weber: Aus meiner Sicht ist die Siliziumzelle, die aus Kristallen gesägt wird, in den nächsten zehn bis 15 Jahren nicht zu ersetzen. Ich habe mit einem der Gründer der Firma Q-Cells, Anton Milner, gewettet, dass auch im Jahr 2015 der Anteil der Dünnschichtzellen noch unter 20 Prozent liegen wird. Schließlich macht die kristalline Siliziumtechnik enorme Fortschritte, auch beim Preis. Im Jahr 2020 wird die Kilowattstunde Photovoltaik bei uns nur noch 12 bis 15 Cent kosten.

BZ: Deutschland trieb die Entwicklung in den letzten Jahren an. Was passiert, wenn hierzulande die Dynamik nachlässt?
Luther: Weltweit wächst die Photovoltaik um 40 bis 60 Prozent pro Jahr. Nur die Länder wechseln. Von Deutschland alleine ist die Entwicklung daher nicht mehr abhängig, sie wird global gesehen in jedem Fall weiter gehen. Und da jede Verdopplung der Produktion die Preise um 20 Prozent senkt, ist klar, dass die Preise weiter fallen werden.
"Anlagen auf den heimischen Dächern werden sich viel schneller entwickeln als Desertec." Luther
BZ: Was halten Sie von dem geplanten Wüstenstromprojekt Desertec?
Goetzberger: Da gibt es noch viele Unwägbarkeiten. Sicher ist aber, dass dezentrale Techniken sich viel schneller entwickeln werden.

BZ: Ist das Konsens hier in der Runde?
Luther: Ich glaube, Desertec wird zusätzlich kommen. Aber ich stimme Herrn Goetzberger zu: Anlagen auf den heimischen Dächern werden sich viel schneller entwickeln als Desertec. Zumal die politische Situation in Nordafrika erst einmal stabiler werden muss. Nebenbei bemerkt glaube ich, dass Desertec nicht so kommen wird, wie es derzeit geplant ist: Statt der solarthermischen Kraftwerke, die aus Sonnenwärme Strom erzeugen, wird es am Ende die Photovoltaik sein, die zum Einsatz kommt – einfach, weil sie sehr bald die billigere Technik sein wird.
Weber: Unabhängig von Desertec wird die internationale Vernetzung kommen. Für die Zeit nach 2050 gehe ich von einem weltumspannenden Stromnetz aus, irgendwo auf der Welt scheint schließlich zu jeder Tageszeit die Sonne.

BZ:
Wenn Stromspeicher Fortschritte machen, könnte es für die Bürger attraktiv werden, sich vom Netz abzuhängen und komplett selbst mit Solarstrom zu versorgen.
Luther: Das ist zwar eine Option, und einige Menschen werden sie wählen. Aber ich denke, dass die meisten Verbraucher zur Sicherheit den Anschluss an das Netz noch behalten werden. Autarke Lösungen sehe ich nur dort in großem Stil, wo keine Netze sind.

BZ: Herr Weber, ein Vertreter des Bundeswirtschaftsministeriums regte bei Ihrer Feier zum 30. Institutsjubiläum an, man möge den Namen ISE künftig neu interpretieren: Fraunhofer-Institut für Solarenergie und Energieeffizienz – weil Effizienz das Thema der Zukunft ist.
Weber: Ganz erst gemeint war der Vorschlag nicht. Aber es stimmt, die Forschung an Effizienz ist sehr wichtig und deswegen arbeiten wir auch daran schon intensiv. Nur im Namen muss das Thema nicht auftauchen, Energieeffizienz ist eine Querschnittsaufgabe.

Adolf Goetzberger

Chef des ISE von 1981 bis 1993. Als Leiter des Freiburger Fraunhofer-Instituts für Angewandte Festkörperphysik (IAF) entschloss sich der heute 82-jährige Experimentalphysiker 1979 eine Arbeitsgruppe für Solare Energiesysteme aus dem IAF auszugliedern. 1981 setzte er die Gründung des ISE durch.

Joachim Luther

Chef des ISE von 1993 bis 2006. Der 70-jähriger Physiker hatte sich an der Universität Oldenburg schon in den 80er-Jahren der Erforschung erneuerbarer Energiequellen gewidmet, 1993 wurde er zum ISE-Chef berufen. Im Juli 2006 zog sich der deutsche Umweltpreisträger aus Altersgründen vom Chefsessel zurück und übernahm die Leitung des Solar Energy Research Institutes in Singapur.

Eicke R. Weber

Seit 2006 Chef des ISE. Der 61-Jährige ist studierter Physiker und war lange Zeit als Siliziumzellen-Experte an der US- Uni Berkeley aktiv. Dort ereilte ihn der Ruf ans ISE und an die Uni Freiburg.

Autor: Bernward Janzing und Michael Brendler